September Elegien
Dann flaut die Erregung ab. Vom Anblick der Supernova
Erholen die meisten sich bei der Arbeit, Glücksspiel und Sex.
Von allen Mementos bleibt als letztes das leise "It's over".
Man betet im stillen, faltet die Zeitungen, trinkt sein Becks.
Heimgekehrt in die Liliput-Enge des Alltags, gedenkt
Wer davonkam des Nachbarn, den ein Hammerschlag traf.
Schicksal von Schläfern gemacht, erscheint nun als ferngelenkt:
Daß Flugzeuge Bomben sind, stört kaum den technischen Schlaf.
Beschämt sieht man manchmal zum Himmel auf. Was dort fliegt,
Könnte ein Erzengel sein, unterwegs zum gewohnten Fanal.
In den Straßen der Garküchendunst riecht nach frischem Krieg.
Mit dem Drama der Schaben verglichen ist das Leben banal.
Keine ist Stoiker hier. Palavernd vor Schwellen und Türen,
Von Terminen und Schulden gejagt, durcheilt man die Stadt.
Wer hat schon Zeit gehabt, etwas wie Seelenruhe zu destillieren
Aus der Gewissheit des Todes und daß alles ein Ende hat?
Anderntags grinst das Kind schon mit ausgeschlagenem Zahn.
Der Globus dreht seine Runden wie eh und je. Aus dem All
Gleicht der Fleck in Manhattan einem erloschenen Vulkan.
Auch Wolkenkratzer - ihr Bau dauert Jahre, Sekunden ihr Fall.
Quellenangabe:
Jahrbuch der Lyrik 2003, Buchwald/Seiler, S 30-31
Interpretation:
"Daß Flugzeuge Bomben sind, stört kaum den technischen Schlaf. / Beschämt sieht man manchmal zum Himmel auf. Was dort fliegt, / Könnte ein Erzengel sein, unterwegs zum gewohnten Fanal."
Nur an dieser Stelle wird in die Aneinanderreihung verschiedener Folgen eine Reflexionsebene eingeschoben. Der Blick zu dieser Ebene ist ein verhaltener, er ist beschämt, und dennoch erfolgt mit diesem Vergleich eine grundlegende Umdeutung. Dadurch, dass der Erzengel unterwegs zu einer "gewohnten" Handlung ist, verliert das Ereignis zunächst seine Einzigartigkeit. Der Vergleich mit einem Fanal, einem Feuer und Rauch-Signal, bleibt ganz im Bild der zerstörten Türme des World Trade Center, die damit zu einem kommunikativen Zeichen werden. Die Bedeutung des Ereignisses verweist über das Geschehene hinaus, sie liegt nicht in ihm selbst, sondern in seiner Zeichenhaftigkeit. Der Verweis auf eine engelhafte Dimension eröffnet in diesem Gedicht eine neue
Perspektive. Erst durch das Zeichen des Engels hindurch wird die Zeichenhaftigkeit der Ereignisse deutlich. Da es dieses Gedicht vermeidet, einen Engel explizit darzustellen und diese Vorstellung nur als eine Deutungsmöglichkeit heranzieht, bleibt die Frage, ob es dieses Zeichen gibt und in welcher Form es gegenwärtig ist, offen. Es bleibt ein beschämter Blick, der ein engelhaftes Zeichen in Erwägung zieht.
Quellenangabe:
Aus: "Sie reden die Luft zwischen den Wörtern" (Härtling). Biblisch-lyrische Gespräche über Engel von Prof. Susanne Gillmayr-Bucher (KTU Linz) erstmals erschienen in: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 30 (2011), 55-67.


![Zeitungsverkäufer am Graben in Wien, Link zum Foto: //commons.wikimedia.org/wiki/File:Zeitungsverkauf_Wien_Kolporteur_Kronen_Zeitung_2014_01.jpg / © von Joadl (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 at (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.en)], via Wikimedia Commons Zeitungsverkäufer am Graben in Wien, Link zum Foto: //commons.wikimedia.org/wiki/File:Zeitungsverkauf_Wien_Kolporteur_Kronen_Zeitung_2014_01.jpg](/storage/img/3e/70/asset-36e27edc00b6d1d9bd1b.jpg)











