Wednesday 15. July 2020

Kirchenjahr

Die Begegnung mit Gott in der Zeit der Menschen

Wie auf eine Perlenkette sind die Augenblicke der Berührung von Himmel und Erde, von Gott und den Menschen aufgefädelt - die ganze Kette wird dann zum Kirchenjahr. 

Aufgefädelte Tropfen aus Tau.

© Weinstöckle/flickr.com

 

Das Phänomen der Zeit ist seit jeher bestaunenswert und erschreckend zugleich. Alles schwingt in einem vielstimmigen Rhythmus der Zeit(en): von Sekunde zu Sekunde, von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation. In der Zeit menschlicher Geschichte ist unser eigenes Leben zwischen Geburt und Tod lediglich ein kleiner Abschnitt, im Vergleich zur Erdgeschichte ein noch viel kürzerer Abschnitt und angesichts der unfassbaren Zeit des Universums nur ein Wimpernschlag.

 

Zeit kann jedoch ihre beiden Gesichter zeigen. So vergeht sie in der Gleichzeitigkeit von Glück und Unglück für den einen zu schnell, für den anderen erscheint sie unerträglich lang; die guten Zeiten dauern nicht an und die schlechten Zeiten nehmen oft kein Ende.

Was ist also Zeit? In welcher Beziehung steht das Göttliche zum Zeitlichen? Nicht alleine die Philosophie oder die Wissenschaften beschäftigen sich mit dem Phänomen der Zeit, auch die Religion – vor dem Horizont des zyklisch wiederkehrenden Kreislaufs des Kirchenjahres.

 

Die einzelnen Stationen in diesem Kirchenjahr gleichen Oasen in unserem Leben, die zu Verschiedenem einladen – und in all diesen Zeiten ist Gott mit uns.

 

Theologischer Hintergrund


„Alles hat seine Stunde”, sagt Kohelet (Koh 3,1). Für den biblischen Lehrer der Weisheit entgehen wir dem bannenden Geheimnis der Zeit nur, wenn wir uns der Zeit Gottes anvertrauen. Denn jeder Augenblick strömt aus der Ewigkeit Gottes, die zu unserem Zeiterleben unmittelbar und unsichtbar gegenwärtig ist. Weil sie zur Lebenszeit und Weltzeit quer liegt, erachten es alle spirituellen Traditionen der Menschheit als wesentlich, dass der Mensch erkennt, dass seine Zeit von der göttlichen Zeit berührt und umfangen ist. Doch von welcher Qualität ist diese ganz andere Zeit Gottes? In welchen Ereignissen des Lebens ahnen wir ihr Dasein? Welche Hoffnung teilt sie uns mit? Was steht am Ende der Lebenszeit, was am Ende der Weltzeit?

 

Der christliche Glaube lässt diese Fragen nicht unbeantwortet, sondern er erzählt von der gegenseitigen Suche von Gott und Mensch im Strom der Zeit. Das Kirchenjahr ist das alljährlich wiederkehrende Schema, eine spirituelle Dramaturgie der Begegnung von Gott und Mensch in der Zeit. Es ist vor allem aber: Frohbotschaft. Die Botschaft, dass diese Suche nicht ins Leere geht, sondern zur wahrhaften Begegnung geworden ist. Denn Gott, so sagt der Glaube, hat sich selbst in die Zeit des Menschen hineinbegeben als Geheimnis der Welt. Das Kirchenjahr ist die spirituelle und rituelle Reise, Gott in der Zeit des Menschen zu suchen – und finden zu dürfen: im Kind von Bethlehem, im Propheten und Heiler Jesus aus Galiläa, im gekreuzigten und auferstandenen Christus, im göttlichen Geist, der die Kirche durch die Zeiten der Geschichte führt, in Maria, der Frau des Volkes und der Mutter Jesu Christi, in den Frauen und Männern, die in ihrer Lebenszeit berührt und verwandelt worden sind von Gott als dem Geheimnis und dem Grund ihres Seins.

 

Quellenangabe:

Katholische Kirche in Oberösterreich (Hrsg.) (o.A.): aufdanken - Gott in der Zeit des Menschen. Linz: Eigenverlag. URL: www.aufdanken.at [Stand: 06/2014]

 

Downloads:

Broschüre "aufdanken"

Medienliste "aufdanken"

 

(sp)

Zum Nachdenken
Lichtquelle. © Roland Lengauer

 

Das Kirchenjahr mit seiner immer erneuten Vergegenwärtigung und Darstellung des Lebens Christi ist das größte Kunstwerk der Menschen; und Gott hat sich dazu bekannt und gewährt es Jahr für Jahr, schenkt es in immer neuem Licht, als begegnete es einem zum ersten Mal.

(Jochen Klepper)

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