Samstag 4. April 2026

Pfarrkirche Wippenham: Frauen im Zentrum des Glaubens

Die spätgotische Pfarrkirche „Mariä Namen“ in Wippenham im Dekanat Reichersberg birgt eine Besonderheit, die selbst kunsthistorisch versierte Besucherinnen und Besucher überrascht: Es sind Frauen, die das Kirchenbild prägen. 

Der kleine Ort Wippenham im Bezirk Ried im Innkreis mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, doch mit seiner Pfarrkirche beherbergt er ein wahres kunsthistorisches Juwel. Besonders auffällig seien die vielen weiblichen Heiligenfiguren, die den Kirchenraum prägen, erklärt Martina Gelsinger, Kunsthistorikerin und Referentin im Fachbereich Kunst der Diözese Linz. Diese Besonderheit passe, wie sie betont, auch wunderbar zum Ort selbst. Denn nicht nur in der Kirche, sondern auch in Wippenham und in der Pfarrgemeinde insgesamt engagieren sich bemerkenswert viele Frauen. Es sei schön zu sehen, wie sehr weibliches Engagement hier ganz selbstverständlich zum Leben der Pfarre dazugehöre und so einen wertvollen Beitrag zum Erhalt von Kunstschätzen leiste, so Gelsinger.

 

Martina Gelsinger, Kunsthistorikerin und Referentin im Fachbereich Kunst der Diözese Linz

Martina Gelsinger, Kunsthistorikerin und Referentin im Fachbereich Kunst der Diözese Linz / © Violetta Wakolbinger

 


Ein Altar der Gegenreformation


Der Hochaltar entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts; die Jahreszahl 1659 ist am Altar selbst angebracht. Er wurde zuletzt 2024 restauriert. Über die genaue Zuschreibung herrscht unter Kunsthistorikern keine Einigkeit. „Man ist sich nicht ganz sicher, ob der Altar aus der Zürn-Werkstatt in Braunau stammt oder eines der ersten Werke des Bildhauers Thomas Schwanthaler ist“, erklärt Ernestine Lehrer, Pfarrgemeinderats-Obfrau in Wippenham und Steinmetzmeisterin. Sicher sei jedoch: „Der Altar ist ein Werk der Gegenreformation, wo die Verehrung Mariens und der Heiligen besonders hervorgehoben wurde.“

 

Besonders der Hochaltar setzt ein starkes Zeichen: Frauen stehen hier im Zentrum der Heilsgeschichte.

Besonders der Hochaltar setzt ein starkes Zeichen: Frauen stehen hier im Zentrum der Heilsgeschichte – als Mütter, Märtyrerinnen, Nothelferinnen und Glaubenszeuginnen. / © Gregor Graf

 


Gotische Figuren im barocken Gesamtkunstwerk


Direkt am barocken Hochaltar sind drei gotische Figuren integriert: die zentrale Marienstatue mit dem Jesuskind sowie die heilige Barbara und die heilige Katharina von Alexandrien. Barocken Ursprungs ist die Figurengruppe der „Anna selbdritt“ – eine Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind – sowie die Darstellung der heiligen Elisabeth mit ihrem Sohn Johannes dem Täufer. Im Aufsatzbild findet sich Maria Magdalena – wobei dieses Bild erst aus dem frühen 19. Jahrhundert stammt und später ergänzt wurde.
Unabhängig vom Hochaltar stehen zudem eine Statue des heiligen Josef mit dem Jesuskind sowie eine Figur des heiligen Joachim. „Wenn man Josef und Joachim, Marias Vater, zu Anna und Maria hinzuzählt, ergibt sich eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen den Figuren – dazu würde auch Elisabeth als Verwandte von Maria passen“, so Lehrer. 


Barbara und Katharina gehören außerdem zu den drei weiblichen Nothelferinnen – neben Margarethe. Insgesamt umfasst die Gruppe der „vierzehn Nothelfer“ – jener Heiligen, die besonders in Nöten und Gefahren angerufen werden – nur drei Frauen. Am Margarethenaltar, dem südlichen Seitenaltar der Kirche, sind damit alle drei weiblichen Nothelferinnen präsent. Die Figur der heiligen Margarethe, die kraftvoll den Drachen besiegt, bezeichnet Lehrer als „eine besonders schöne Plastik“, die bereits für eine Ausstellung in Reichersberg ausgeliehen wurde.

 


Selbstbewusste, starke Frauen


Besonders eindrucksvoll ist die Symbolik innerhalb der Anna-selbdritt-Darstellung: Die junge Maria hält ein Buch in Händen. „Wenn man daran denkt, dass die Schulpflicht in Österreich erst 1774 eingeführt wurde, dann ist das eine sehr moderne Darstellung“, betont Lehrer. Frauen seien zur Entstehungszeit vor allem über ihre Mutterrolle und den Haushalt definiert worden – hier jedoch tritt Maria ausdrücklich als Leserin in Erscheinung. 
Auch andere Details fallen auf: Die Darstellung der heiligen Barbara mit Kelch und Hostie verweist auf ihre Nähe zur Eucharistie – ikonografisch nicht ungewöhnlich, aber hier selbstbewusst inszeniert.

 

Ernestine Lehrer, Pfarrgemeinderats-Obfrau in Wippenham und Steinmetzmeisterin vor der Pfarrkirche.

Ernestine Lehrer, Pfarrgemeinderats-Obfrau in Wippenham und Steinmetzmeisterin vor der Pfarrkirche. / © Anton Planitzer


Eine Kinderkrankenschwester habe sie auf einen weiteren Aspekt aufmerksam gemacht, erzählt Lehrer: Die Art und Weise, wie Maria das Jesuskind hält. „Sie gibt ihm einen sehr sicheren Halt.“ Oft werde das Kind thronend auf Marias Arm dargestellt – eine eher instabile Haltung. Hier jedoch zeigt sich eine schützende, tragfähige Geste.
Überhaupt, so Lehrer, seien die Frauenfiguren am Hochaltar „als selbstbewusste, starke Frauen dargestellt“. Sie wirkten weder unterwürfig noch gebrochen, sondern präsent und würdevoll. Eine Ausnahme bilde die im 19. Jahrhundert entstandene Maria Magdalena, die zeittypisch als büßende Sünderin erscheint.

 

Pfarrkirche „Mariä Namen“ in Wippenham
Ernestine Lehrer vor dem Hochaltar.
Besonders der Hochaltar setzt ein starkes Zeichen: Frauen stehen hier im Zentrum der Heilsgeschichte.
Ernestine Lehrer vor dem Hochaltar

© Anton Planitzer / © Gregor Graf

 


Weibliche Spiritualität heute


In den vergangenen Jahren habe es wiederholt Wallfahrten von Gruppen der Katholischen Frauenbewegung gegeben, bei denen im Rahmen des Gottesdienstes besonders auf die Kirchenausstattung hingewiesen wurde. Dass die Dominanz weiblicher Heiliger wahrgenommen wird, steht für Lehrer außer Zweifel: „Es gibt immer wieder Besucherinnen und Besucher, denen das sehr positiv auffällt und die das auch artikulieren.“ Sie ist überzeugt, dass die Kirche implizit als Ort weiblicher Identifikation wirkt. Im vergangenen Jahr schrieb die Pfarrgemeinde an Bischof Manfred Scheuer und ersuchte ihn, sich verstärkt für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche – insbesondere für die Möglichkeit der Weihe von Frauen – einzusetzen. „Unsere Kirche mit ihrem starken weiblichen Akzent ist bei solchen Aktionen ein wichtiger Referenzpunkt.“
Auf die Frage, was sie persönlich am meisten berühre, antwortet Lehrer: „Ich fühle mich in unserer Kirche sehr wohl und durch die Ausstattung besonders angenommen.“ Wichtig seien ihr sowohl der mütterliche Aspekt als auch der Hinweis auf die Selbstständigkeit der Frauen, „der etwa in der Figur der heiligen Katharina von Alexandrien besonders aufleuchtet“. Auch die 22 Engel und Engelsköpfe am Altar seien für sie „ein Bild für die Zuwendung Gottes an uns – das finde ich tröstlich und schön“. Eine besondere Beziehung habe sie zur gotischen Maria im Zentrum entwickelt. Ebenso inspiriere sie die kraftvolle Figur der Margarethe am Seitenaltar, die den Drachen besiegt.

 


Neugestaltung von Arnold Reinthaler


Die Neugestaltung der liturgischen Orte und des Ortes zum Kerzenanzünden von Arnold Reinthaler aus dem Jahr 2024 nimmt die Form des Spitzbogens der gotischen Architektur auf und setzt es als gestalterisches Moment für Boden und Objekte ein. Die neuen Ausstattungselemente im Altarraum, Altar, Ambo und Vorstehersitz erwecken den Eindruck von Durchlässigkeit und Leichtigkeit; sie öffnen den Raum und haben zugleich eine skulpturale Präsenz, die in Dialog mit der bestehenden Ausstattung tritt. Die Form und Durchlässigkeit wird beim Ort für Kerzenanzünden an der Süd-West-Wand mit dem „Blätterkranz“ aus Messing und dem Kerzenständer weitergeführt. 

 

Besonders der Hochaltar setzt ein starkes Zeichen: Frauen stehen hier im Zentrum der Heilsgeschichte ? als M?tter, M?rtyrerinnen, Nothelferinnen und Glaubenszeuginnen.

Neugestaltung von Arnold Reinthaler / © Gregor Graf


Die Form findet sich als Mandorla in der Bildsprache des frühen Christentums und ist Ausdruck der Licht- und Heilsymbolik einer Figur. In der christlichen Kunst ist der mandelförmige Heiligenschein nur um die Gestalt von Christus oder Maria zu sehen. In der Form und Gestaltung wird insbesondere auch der Aspekt des Weiblichen sichtbar – eine Reminiszenz an das Marienpatrozinium, die ausschließlich weiblichen Heiligen am Hochaltar und die Bedeutung von Frauen in der Leitung und im Leben der Pfarre vor Ort.

 

Website Pfarre Wippenham
Website Fachbereich Kunst

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