KU Linz trauert um Linzer Diözesan- und Österreichischen Sozialbischof Aichern
"Das Gespräch suchen." So war eines der Kapitel des Österreichischen Sozialhirtenbriefs 1990 überschrieben – und es könnte auch die Überschrift über Leben und Werk von Bischof Maximilian Aichern OSB sein. Ob bei der Diözesanversammlung in der Diözese Linz, dem "Dialog für Österreich" der Kirche Österreichs, dem Sozialhirtenbrief der Österreichischen Bischöfe oder dem Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen, Bischof Aichern stand für eine neue Kultur des Gesprächs zwischen unterschiedlichen Interessengruppen in Kirche und Gesellschaft, lange bevor Synodalität zum Programm der Kirche wurde. Dem Sozialhirtenbrief 1990 ging ein Basisprozess voraus, in dem ein Impulstext der Bischöfe zuerst mit breiter kirchlicher und gesellschaftlicher Beteiligung diskutiert wurde, um dann in zahlreichen Stellungnahmen von den unterschiedlichen Akteuren in Wirtschaft und Gesellschaft kommentiert zu werden. Das Ergebnis dieses Konsultationsprozesses floss schließlich, redaktionell ausgewertet, in das Wort der Bischöfe ein. Dieses nach US-amerikanischem Vorbild maßgeblich von Bischof Aichern geprägte Verfahren markiert einen Paradigmenwechsel der kirchlichen Sozialverkündigung von einer Sozialdoktrin, die Ordnungsprinzipien vorgibt, zu einer diskursiv verfassten Gesellschaftsethik, die sich von Menschen, Bewegungen und Organisationen der Zivilgesellschaft beraten lässt. Nur auf diesem Weg des vielseitigen Gesprächs, davon war Maximilian Aichern überzeugt, kann die "katholische Soziallehre" den Anschluss an die Herausforderungen der Zeit halten und eine jeweils aktuelle "sachgerechte, menschengerechte und gesellschaftsgerechte" (P. Johannes Schasching) Orientierung bieten.
Dass die Kirchen in Fragen der Gestaltung der Politik und des gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht nur das Recht, sondern die Pflicht zur Stellungnahme haben, betonte Bischof Maximilian immer wieder, gleich ob es um den Schutz des Sonntags, die Energie- und Umweltpolitik, die Europäische Einigung, die Sozialpolitik oder das Zusammenspiel der Sozialpartner im Wirtschaftssystem ging. Bischof Maximilian stand für einen sozialen und politischen Katholizismus, der keine Scheu vor Kontroversen und keine Berührungsängste mit den unterschiedlichen Parteien, Organisationen und Gruppen in Österreich hatte. Gern berichtete er in Anekdoten von den Zeiten, als es noch Irritationen hervorrief, wenn ein Bischof allzu intensiven Kontakt "zu den Roten" pflegte.
Er zeichnete sich durch große Offenheit und Gesprächsbereitschaft in alle Richtungen aus, wovon auch die KU Linz profitierte: Viele der Kontakte, die heute für die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft – Ethik – Gesellschaft unserer Universität prägend sind, sei es zur Industriellenvereinigung oder zur Wirtschaftskammer, sei es zur Arbeiterkammer oder zum Österreichischen Gewerkschaftsbund, gehen auf Bischof Maximilian zurück. Und er gewann all diese Akteure eben nicht, indem er ihnen lediglich die Positionen der Kirche vortrug, sondern indem er das Gespräch suchte, nach Motiven, Interessen, Erklärungen und Anliegen fragte. Auf diese Weise ist es gelungen – etwa in den Arbeitskreisen Kirche und Wirtschaft, AK-ÖGB-Kirche oder Christ und Wirtschaft –, eine stabile und dauerhafte Gesprächsbasis zu schaffen, die in vielen Fällen bis in die Gegenwart trägt.
Maximilian Aicherns Umsicht wird aber gerade auch darin deutlich, dass er für eine Personengruppe, die bei all dem nicht vertreten war, für die aber doch in besonderer Weise die vorrangige Option für die Armen und Benachteiligten gelten muss, die Bischöfliche Arbeitslosenstiftung initiierte, die bis heute Projekte für Menschen ohne Erwerbsarbeit und ohne festen Wohnsitz sowie für Jugendliche mit schwierigen Ausgangsbedingungen fördert. Gerade hier muss aber auch die mahnende Stimme des Sozialbischofs in Erinnerung gerufen werden: In einer Zeit, in der herablassendes Gerede über angeblich ‚faule‘ Menschen ohne Erwerbseinkommen und Empfänger von sozialen Transferleistungen in der Gesellschaft ebenso in Mode gekommen ist wie die Kürzung von Sozialleistungen in der Politik, wird das Gedenken an Bischof Maximilian zur Mahnung und Verpflichtung: "Die Verteilungsgerechtigkeit muss uns allen auf der Seele brennen", betonte er.
Das Gespräch suchte Bischof Maximilian auch mit anderen Religionsgemeinschaften. Ökumene war ihm ein wichtiges und selbstverständliches Anliegen. Ein besonderer Ausdruck dafür ist die von ihm stets unterstütze Ökumenische Sommerakademie im Stift Kremsmünster. Deren Themen, so Aichern in seinem Grußwort zur 25. Ökumenischen Sommerakademie 2024, "kamen immer wieder aus den Notwendigkeiten der Gegenwart im Dienste des Evangeliums für die Menschen".
"Aufmerksame Solidarität" lautete der Titel der Festschrift, die die Professorinnen und Professoren der KU Linz ihrem Großkanzler zum siebzigsten Geburtstag widmeten. In Maximilian Aichern begegneten die Menschen dem freundlichen Gesicht "einer Kirche, die sich als liebende Mutter versteht, die ihren Kindern bis an die Grenzen des Möglichen entgegengeht", so die Lehrenden der KU Linz. In jedem Geschöpf das Antlitz des Schöpfers zu sehen, sei seine Botschaft gewesen.
Die Katholische Privat-Universität Linz Linz weiß sich dem Andenken des Linzer Diözesan- und Österreichischen Sozialbischofs in Dankbarkeit verpflichtet, besonders mit dem Studien- und Forschungsschwerpunkt Wirtschaft – Ethik – Gesellschaft, dem Johannes Schasching-Institut für Christliche Sozialwissenschaften, dessen Gründung er noch begleitete, und nicht zuletzt mit der Maximilian-Aichern-Vorlesung. Diese jährliche Gastvorlesung dient jenem Anliegen, für das Maximilian Aichern engagiert eingetreten ist: der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Möglichkeiten einer christlich-sozialen Gestaltung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In den letzten Jahren konnte Maximilian Aichern krankheitsbedingt schon nicht mehr selbst zur Vorlesung kommen, vergaß aber nie, sich telefonisch abzumelden, einen Gruß auszurichten und sich genau nach den Vortragenden und ihren Themen zu erkundigen. "Es muss immer darum gehen, das Evangelium und die Würde des Menschen mit den Zeichen der Zeit in Verbindung zu bringen", pflegte er dann zu sagen.
Nun ist die irdische Stimme von Bischof Maximilian Aichern, der stets das Gespräch gesucht hat, verstummt – und damit eine der ganz großen Stimmen der katholischen Kirche und des sozialen Katholizismus in Österreich und Europa.
Rektor Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs
im Namen der Universitätsgemeinschaft
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