Thursday 2. February 2023

Fastentuch als Kunstprojekt zum Mitmachen im Linzer Bischofshof

Das Fastentuch für die Kapelle des Bischofshofs mit dem Bildnis von „Christus in der Rast“ nimmt bereits Gestalt an.

Seit Mitte Oktober 2022 wird im Linzer Bischofshof fleißig gestickt: Unter Anleitung der Künstlerin Cécile Belmont entsteht ein Fastentuch, das ab Aschermittwoch 2023 die Kapelle im Bischofshof zieren wird.

Zweimal wöchentlich wird im Linzer Bischofshof drei Stunden lang gestickt. Grund ist ein Kunstprojekt zum 160-jährigen Bestehen des Diözesankunstvereins, das coronabedingt dreimal verschoben werden musste, ehe es im Oktober 2022 gestartet werden konnte. Begleitet wird es von der aus Frankreich stammenden und in Linz lebenden Künstlerin Cécile Belmont. Sie lädt Interessierte zum gemeinsamen Sticken und zu Gesprächen über Gott und die Welt ein. „Jede und jeder ist eingeladen, mitzumachen. Es geht nicht darum, ‚richtig‘ zu sticken, sondern darum, so zu sticken, wie es jede und jeder auf ihre und seine eigene Weise tut. Das Fastentuch entsteht durch die Summe jeder einzigartigen Handschrift und Persönlichkeit“, so die Künstlerin.

 

Das Motiv, das mit feinen Strichen auf dem Stoff vorgezeichnet ist, hängt als Vorlage und Inspiration an der Wand bzw. liegt als Ausdruck griffbereit. Es zeigt ein Bildnis des „Christus in der Rast“ nach einer Skulptur aus dem 16. Jahrhundert: ein sitzender Christus, der – nach der Geißelung und unmittelbar vor der Kreuzigung – völlig ermattet seinen Kopf mit dem rechten Arm auf dem Oberschenkel abstützt. Im Hintergrund zeichnet sich die Kulisse von Linz ab. Warum dieses Motiv? „Die Kapelle, für die das Fastentuch bestimmt ist, befindet sich im Bischofshof, also an einem Ort, wo Menschen für die und in der Kirche arbeiten. ‚Christus in der Rast‘ soll versinnbildlichen, dass es im Arbeitsalltag Pausen braucht. Der Bischofshof befindet sich im Zentrum von Linz – deshalb die konkrete Verortung mit der Stadt im Hintergrund“, so die Künstlerin.

 

Stickend ins Gespräch kommen (v. l.): Maria Neumüller, Künstlerin Cécile Belmont und Irmgard Lehner.

Stickend ins Gespräch kommen (v. l.): Maria Neumüller, Künstlerin Cécile Belmont und Irmgard Lehner.
© Diözese Linz / Johannes Kienberger

 

„Manche sagen, das Sticken macht süchtig“

 

Gestickt wird in Kleingruppen mit maximal vier Personen. Von Mitte Oktober bis Ende November haben sich insgesamt 40 Interessierte an dem Projekt beteiligt – darunter drei Männer und zwei Kinder. Manche waren bereits bei mehreren Stickterminen dabei, was die Künstlerin besonders freut: „Manche sagen, das Sticken macht süchtig.“ Eine, die schon zum dritten Mal mit Nadel und Faden ihre Spuren auf dem Fastentuch hinterlassen hat, ist Irmgard Lehner. Die Seelsorgerin aus Wels hat ihr Büro im Bischofshof und ist als Leiterin des Fachbereichs „Seelsorger:innen in Pfarren“ für knapp 360 Seelsorger:innen zuständig. „Beim Sticken kann ich mich sammeln und gut zu mir selber kommen, was mir dann auch wieder Kraft für berufliche Herausforderungen gibt.“ Lehner findet das zeitgenössische Beteiligungsprojekt spannend: „Mich fasziniert das alte Christusmotiv in Kombination mit dem heutigen Linz – und mit den Akzenten, die jede und jeder Stickende einbringt.“ Sie freut sich, dass innerhalb des vorgegebenen Entwurfs viel gestalterische Freiheit möglich ist. Bewusst hat sie an den Blutstropfen und der Dornenkrone gearbeitet und dort Themen „eingestickt“, unter denen Menschen in der Gesellschaft und in der Kirche leiden – und sie ist überzeugt, dass Christus mitleidet. So hat sie etwa die Klimakrise oder das Frauenthema eingearbeitet. „Schönes und Schweres, beides hat auf dem Fastentuch Platz. Das begeistert mich so an diesem Projekt: die Buntheit und Vielfalt, das Kleinteilige als Teil des großen Ganzen, das Miteinander und das Bei-sich-Sein“, so Lehner.

 

Nicht nur kirchliche Mitarbeiter:innen sticken fleißig mit, sondern auch andere Interessierte – wie zum Beispiel Maria Neumüller aus Ulrichsberg. Sie hat durch die KirchenZeitung von dem Projekt erfahren und ist bereits zum zweiten Mal im Bischofshof. „Handarbeiten ist eins meiner Hobbys. Bei diesem Projekt kann ich mit anderen sticken und lerne neue Leute kennen. Gemeinsam an einem Bild zu arbeiten, ist etwas Besonderes. Und ich habe beim Sticken schon interessante Gespräche geführt. Ich finde es richtig gemütlich hier im Bischofshof.“

 

Geredet wird tatsächlich über Gott und die Welt – auch über das Thema Frauen in der Kirche. „Jedes Treffen ist anders. Interessierte melden sich über einen Online-Link an und wissen dann nicht, mit wem sie zusammenarbeiten. Manchmal wird mehr geredet, manchmal weniger“, erzählt Cécile Belmont. Sie selbst ist immer anwesend, wenn gestickt wird, und freut sich über das entstehende Bild. Fällt es ihr schwer, die Menschen einfach sticken zu lassen und nicht einzugreifen? „Überhaupt nicht. Viele der Teilnehmenden können viel besser sticken als ich. Ich praktiziere das ‚wilde Sticken‘ – bei diesem Projekt erstmals in Kombination mit der Beteiligung anderer. Ich weiß nicht, was daraus wird, aber ich vertraue darauf, dass etwas Gutes entsteht. Es geht ja letztlich um die Summe der Handschriften“, meint Belmont, für die das Projekt „intensiv und gleichzeitig entspannend“ ist. Besonders schön ist für sie zu sehen, wie sehr die Teilnehmer:innen das Projekt mittragen. „Manche, die im Haus arbeiten, schauen immer wieder einmal vorbei, um zu sehen, wie weit das Motiv schon gediehen ist.“

 

Das Stickwerk soll rechtzeitig zum Aschermittwoch (22. Februar 2023) fertig sein. Während der Fastenzeit wird das Fastentuch das Kreuz in der Kapelle des Bischofshofs verhüllen.

Wer noch mitsticken möchte, kann sich hier anmelden: www.cecilebelmont.com/fastentuch

 

Irmgard Lehner ist vom partizipativen Stick-Projekt begeistert.
Maria Neumüller aus Ulrichsberg hat schon an zwei Stick-Terminen teilgenommen.
Künstlerin Cécile Belmont zeigt Stick-Details auf dem Fastentuch.

© Diözese Linz / Johannes Kienberger

 

Die Künstlerin: Cécile Belmont

 

Cécile Belmont wurde 1975 in Frankreich geboren und lebt in Linz. Studium der Textilkunst (ESAA Duperré Paris, KHB Berlin Weissensee) und Malerei (Studio Tulio De Sagastizabal, Buenos Aires). Lehrinterventionen u. a. im LENTOS Kunstmuseum Linz, Universität Mozarteum Salzburg, Textil Zentrum Haslach, Universität Wien, Fachhochschule Darmstadt. Cécile Belmont arbeitet an der Schnittstelle zwischen angewandter und bildender Kunst mit wilden Stickereien, bedruckter Kleidung in limitierter Auflage und partizipatorischen Projekten.

 

 

Fastentücher

 

Das Verhüllen von Kreuzen, Altarbildern bzw. Teilen des Altarraums in den Kirchen während der Fastenzeit bzw. während der Karwoche ist ein „Fasten der Augen“. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche des Glaubens.

 

Fastentücher entstanden etwa um das Jahr 1000 im Gebiet nördlich der Alpen und dienten im Mittelalter zur Verhüllung des gesamten Altarraumes. Auf den Bildern waren in unzähligen Feldern Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zu sehen (es handelte sich um sogenannte „Bilderbibeln“). Erst ab dem 16. Jahrhundert wurden die Fastentücher in ihren Dimensionen kleiner und dienten nur mehr zum Verhüllen des Altarbildes. Zu dieser Zeit entwickelten sich einzelne Szenen aus der Passion (Leidensgeschichte Jesu) als Darstellung (Andachtsbilder) heraus, am häufigsten die Kreuzigung. In vielen oberösterreichischen Pfarren gibt es Fastenbilder oder Fastentücher.

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