Monday 6. December 2021

Wo beginnt Gewalt?

Gedanken von Brigitte Gruber-Aichberger, Direktorin der Pastoralen Berufe in der Diözese Linz und ausgebildete Mediatorin, zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November 2021.

Das Buch Ester im Alten Testament erzählt von Königin Waschti, die sich weigerte, dem Befehl des Königs Folge zu leisten und sich vor seiner bereits betrunkenen Herrenrunde zu zeigen, damit diese ihre Schönheit bewundern können. Der König ordnete daraufhin in seinem Zorn an, die Königin dürfe nie mehr vor ihn treten, und ließ dies im ganzen Reich verkünden, „denn“ – so ist zu lesen – „das Verhalten der Königin wird allen Frauen bekannt werden und sie werden die Achtung vor ihren Ehemännern verlieren.“ (Ester1,17a)

 

Die Angst sitzt offensichtlich tief, dass das Verhalten von Waschti Beispielwirkung hat und auch andere Frauen nicht mehr wie Besitzgut über sich verfügen lassen. Die Erzählung, um ca. 300 v. Chr. geschrieben, hat nichts an Aktualität verloren. 28 Frauenmorde allein im Jahr 2021 stellen nur die Spitze des Eisberges dar. Mord ist die absolut letzte Eskalationsstufe, Gewalt beginnt aber viel früher und hat tiefe Wurzeln in Rollenbildern, Beziehungsmustern und persönlichen Prägungen.

 

Es wäre naiv zu meinen, es handle sich um ein individuelles Problem und brauche keine Interventionen in Form von gesetzlichen Schutzmaßnahmen für Frauen und verpflichtende Arbeit mit Tätern. Das sind wichtige Reaktionen, wenn die meist lange Leidensgeschichte von Frauen öffentlich wird. Wo das Problem ist, liegt die Lösung, heißt es in der Konfliktbearbeitung. Gewalt an Frauen passiert meist im Verborgenen und ist deshalb schambehaftet. Statistisch ist das eigene Zuhause der gefährlichste Ort, wo Frauen Gewalt durch Ehemänner, Freunde, Verwandte erfahren.

 

Gewalt passiert dort, wo die Würde der Frau nicht anerkannt wird, wo Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung nicht gegeben sind. Das drückt sich ganz praktisch im Umgang miteinander aus, in der Fähigkeit, Bedürfnisse zur Sprache zu bringen, oder in der Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung. Ebenso in der Bereitschaft, für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen und Frauen als gleichwertiges Gegenüber zu respektieren. Das ist mitunter ein langer Weg, der damit beginnt, was Mädchen zuhause sehen, was Buben zugestanden wird, wie mit- und übereinander gesprochen wird und ob Selbstwert gefördert wird. Achtung bedeutet nicht einseitige Unterordnung, sondern Begegnung auf Augenhöhe.

 

Königin Waschti hat dies mutig eingefordert, wie viele Frauen nach ihr. Ihr Mann hätte sich am nächsten Tag bei ihr entschuldigen können und er wäre trotzdem König geblieben. Leider hatte er falsche Berater und das Gesetz auf seiner Seite, so dass er nicht schaffte, aus der traditionellen Rolle auszusteigen.

 

Ich glaube, dass grundsätzlich in jedem Menschen das Potential zur Gewalt und das Potential zum würdevollen Umgang steckt. Die Frage ist nur: Wofür entscheiden wir uns, welche Seite nähren wir? Die Frage ist auch: Was wollen wir können bzw. lernen? Partnerschaftliches Zusammenleben, Bedürfnisse ins Wort bringen, Fehler eingestehen, Konflikte fair austragen – oder die Durchsetzung der eigenen Bedürfnisse und Vormachtstellungen, wenn nötig mit Gewalt?

 

Dieser Lernweg fängt im Kindesalter an und braucht offene Auseinandersetzung, Vorbilder und unterstützende gesetzliche Rahmen, damit Entwicklung in Richtung Selbstachtung und würdevoller Umgang möglich wird.

 

Mag.a Brigitte Gruber-Aichberger ist Direktorin der Pastoralen Berufe in der Diözese Linz und ausgebildete Mediatorin. Ihr Gastkommentar wurde am 13. November 2021 in der Reihe "Mystik & Geist" in den Oberösterreichischen Nachrichten veröffentlicht. 

 

Mag.a Brigitte Gruber-Aichberger ist Direktorin der Pastoralen Berufe in der Diözese Linz und ausgebildete Mediatorin.

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