Saturday 14. December 2019

Dies Academicus: Das ist doch (nicht) normal!

Beim Dies Academicus am 14. November 2019 an der KU Linz referierten Jasmin Mersmann von der Kunstuniversität Linz, Anne Koch von der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und Nadja Meisterhans von der Johannes Kepler Universität Linz.

"Normalerweise trage ich ja die Rektorenkette, aber dieses Jahr ist sie Teil einer Ausstellung in der Landesgalerie." Mit diesen Worten eröffnete Rektor Franz Gruber den diesjährigen Dies Academicus an der Katholischen Privat-Universität Linz zum Thema "Das ist doch (nicht) normal! Vom Nutzen der Irritation". Nicht normal zeigte sich bei näherem Hinsehen auch die Dekoration: Der Blumenschmuck neben dem Rednerpult bestand aus überdimensionalen Putzbürsten in Türkis und Grau. Nach einer Einführung von Ass.-Prof.in Aloisia Moser vom Institut für Geschichte der Philosophie folgte eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Normalität aus kunstwissenschaftlicher, religionswissenschaftlicher und philosophischer Perspektive. Moderiert wurde der erste Teil des Nachmittags von Ilaria Hoppe, Professorin am Institut für Kunst in gegenwärtigen Kontexten und Medien.

 

Jasmin Mersmann, Professorin an der Kunstuniversität Linz, sprach in ihrem Vortrag zum Thema „Form und Norm“ eindrucksvoll über die Geschichte der Körperbilder in der Kunst. Es ging ihr dabei um die Idee, wie wir unsere Körper modellieren können. Der ideale Mensch oder Körper, so wie er von der Antike bis zu Dürer dargestellt wurde, ist nicht einfach als Norm gegeben, sondern immer schon vom Menschen hergestellt. Mersmann gelang ein Spagat vom Abnormen zum Normalen wieder zum Abnormen und spätestens bei ihren Ausführungen über körperverändernde Selfie-Filter, die heute von KünstlerInnen programmiert werden, wurde klar, dass es bereits jetzt viel einfacher ist, unsere Körper zu formen. Anstatt von Bildhauerei am Körper mittels plastischer Chirurgie oder Malerei am Körper in Form von Tattoos kann man diese Veränderungen im virtuellen Raum vornehmen.

 

Jasmin Mersmann, Professorin an der Kunstuniversität Linz, und das Auditorium

Jasmin Mersmann, Professorin an der Kunstuniversität Linz, und das Auditorium. © Eder / KU Linz

 

Anne Koch, Gastprofessorin für Religionspädagogik am Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik der KU Linz und Forschungsprofessorin für Interreligiosität an der Pädagogischen Hochschule Linz, war die zweite Rednerin des Nachmittags. Ihr Vortrag „Geist/er austreiben – klar doch!“ über charismatische Religionsbewegungen begann mit zwei Vorbemerkungen, die klärten, dass es ihr darum geht, durch welche Mechanismen, etwa Habituation, bestimmte Dinge normal erscheinen und andere nicht. Engel und andere Zwischenwesen stellen etwa für manche Kulturen etwas relativ Normales dar. Zweitens wies sie darauf hin, dass die Religionsästhetik immer auch die sinnliche Seite von Religion betrachtet, religiöse Praktiken waren immer schon/seit jeher in Interaktion mit der Sinnenwelt angelegte Dramaturgien von subjektiven Zuständen.

 

Nach der Pause stellte Nadja Meisterhans vom Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz die Frage „Kann es so etwas wie eine nichtnormalisierende Normativität geben?“ In ihrem Vortrag begeisterte Meisterhans das Publikum mit ihrer Kritik am Neoliberalismus, der behauptet, jede/r könne erfolgreich sein, wenn sie/er sich nur selbst optimiere. Sie erläuterte, wie der Neoliberalismus eine Form von autoritärer Krise hervorruft, da er keine Anerkennungsstrategien für emanzipatorische oder utopistische Begehren anbietet. Die Diskussion erinnerte an Agnes Hellers Buch „Von der Utopie zur Dystopie“ und mutete damit wie eine Hommage an die europäische Denkerin an: Die große ungarische Philosophin, die eigentlich für den philosophischen Beitrag zur Tagung eingeladen war, ist im Juli dieses Jahres verstorben.

 

Ass.-Prof.in Aloisia Moser vom Institut für Geschichte der Philosophie an der KU Linz (l.) und Nadja Meisterhans vom Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz

Ass.-Prof.in Aloisia Moser vom Institut für Geschichte der Philosophie an der KU Linz (l.) und Nadja Meisterhans vom Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz. © Eder / KU Linz

 

Außergewöhnlich war auch der Abschluss der Tagung: NAF, Nana Hülsewig und Fender Schrade, ein KünstlerInnenkollektiv aus Stuttgart, zeigten als performative Zugabe zu den drei dichten Vorträgen zum Thema des Tages Szenen aus ihrer Produktion „Norm ist F!ktion #2 – Keine Angst ohne Mut“. Nicht nur Körper und ihre Darstellungen können normal oder nicht normal sein, sondern auch der Geist und seine Habituierungen, wie auch politischen Strömungen und sexuelle Identitäten – je nachdem, wer sie betrachtet oder bewertet. Am Schluss des Abends waren sich dann alle einig, dass dies doch ein ganz und gar (nicht) normaler Dies Academicus war.

 

NAF, Nana Hülsewig und Fender Schrade, ein KünstlerInnenkollektiv aus Stuttgart

NAF, Nana Hülsewig und Fender Schrade. © Eder / KU Linz

 

Hermine Eder | KU Linz

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