Dienstag 23. Oktober 2018

1938: "Bischöfe sind Macht des Hasses zu wenig entgegengetreten"

Die österreichischen Bischöfe haben 1938 nach der Besetzung Österreichs die "menschenverachtenden Konsequenzen" der Nazi-Herrschaft "nicht deutlich genug erkannt oder benannt", so Bischof Manfred Scheuer bei einem Symposium über die katholische Kirche zwischen 1918 und 1938.

"Auch heute schmerzt noch, dass im März 1938 und in den sieben düsteren Jahren danach die Christen - auch und gerade die Bischöfe - nicht stärker der Macht des Hasses, der Unmenschlichkeit und der Diktatur entgegengetreten sind." Und dies laut Scheuer, obwohl der heimische Episkopat 20 Jahre zuvor den friedlichen Wandel von der Habsburger-Monarchie zur Ersten Republik unterstützt hatte.

 

Zu gedenken sei anlässlich dieser beiden "folgeschweren Wendepunkte in der Geschichte unseres Landes" aber auch Franz Jägerstätters und anderer Seligen und Heiligen in der NS-Zeit, die vor der in der Bibel überlieferten ersten Frage Gottes an den Menschen "Wo bist du?" nicht davonliefen. "Sie sind Zeugen des Gewissens und widerstanden damit einem 'heimlichen Unschuldswahn, der sich in unserer Gesellschaft ausbreitet und mit dem wir Schuld und Versagen, wenn überhaupt, immer nur bei 'den anderen' suchen", so Scheuer. Auch heute frage Gott jeden Menschen wie Kain: "Wo ist dein Bruder, dessen Blut zu mir schreit?" Mit Papst Franziskus wandte sich der Linzer Bischof gegen jene "Globalisierung der Gleichgültigkeit", die sich vom Leiden anderer distanziert und meine, "es geht uns nichts an".

 

Bischof Manfred Scheuer vertrat beim Symposium "Katholische Kirche zwischen 1918 und 1938" die Österreichische Bischofskonferenz, die gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV) und der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ) am 5. Oktober 2018 im Wiener Erzbischöflichen Palais als Veranstalterin fungierte. Vortragende bei der Tagung waren Fachleute wie die Kirchenhistoriker Rupert Klieber, Michaela Sohn-Kronthaler und Annemarie Fenzl, Ex-Stadtschulratspräsident Kurt Scholz als Vertreter des Zukunftsfonds der Republik Österreich und die frühere Wiener Schulamtsleiterin Christine Mann. Scheuer beschloss das Symposium mit einer theologischen Reflexion über die Ereignisse und hielt bei der anschließenden Messe in der Dominikanerkirche als Hauptzelebrant auch die Predigt.

 

Bischof Manfred Scheuer beim Symposium über die katholische Kirche zwischen 1918 und 1938.

Bischof Manfred Scheuer formulierte zum Abschluss des Symposiums eine theologische Reflexion. © Kathpress / Paul Wuthe

 

 

"Gedenken zeichnet jede humane Kultur aus"

 

In seinem Manuskript betonte der Bischof, Erinnern und Gedenken seien "zutiefst christlich und zeichnen jede humane Kultur aus". Beides reinige das Gedächtnis, nehme das Leid der Opfer in Blick, machen dankbar für das bleibend Gute und ermögliche so Gerechtigkeit, Versöhnung und ein Lernen aus der Geschichte. Die Jahre 1918 und 1938 seien in ihrer Unterschiedlichkeit bis in die Gegenwart wirkmächtig, ihre Lehren blieben "für das künftige Zusammenleben in Frieden bedeutsam".

 

Zum Kriegsendejahr 1918 wies Scheuer darauf hin, dass die katholische Kirche davor über Jahrhunderte mit dem Haus Habsburg verbunden war, doch noch am Tag der Ausrufung der Ersten Republik habe sich der damalige Wiener Erzbischof, Kardinal Friedrich Gustav Piffl, mit dem Aufruf an den Klerus gewandt, er möge die Gläubigen "zur unbedingten Treue gegenüber dem nunmehr rechtmäßigen Staate ermahnen". Zwei Monate später, am 23. Jänner 1919, bekräftigten dann alle katholischen Bischöfe des Landes in einem Hirtenwort anlässlich der bevorstehenden Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung die neue politische Ordnung, den Wert der Demokratie und die Pflicht zur Ausübung des Wahlrechts.

 

Danach hat sich laut Scheuer jedoch ein zunehmend gewaltbereites Lagerdenken etabliert, durch den politischen Katholizismus sei die Kirche selbst Teil der Auseinandersetzungen geworden und damit zu wenig in der Lage, glaubwürdig Brücken zwischen den rivalisierenden Parteiungen zu bauen. Die Ausschaltung des Parlaments 1933 durch die Christlichsozialen bezeichnete der Episkopat dann als korrekte Handlungsweise, die "ganz in christlichem Geiste gehaltene Reformarbeit" der Regierung Dollfuß wollten die Bischöfe "von Herzen begrüßen und fördern", zitierte Scheuer aus einem Dokument.

 

 

Märtyrer 1938-45 erinnern an Frage Gottes an Adam   

 

Bischof Manfred Scheuer hat bei einer Messe der Österreichischen Bischofskonferenz, der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV) und der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ) am Abend des 5. Oktober 2018 in der Wiener Dominikanerkirche der Ereignisse des Jahres 1938 und der Rolle der Katholiken in der NS-Zeit - ob als Mitläufer, Opfer oder Täter - gedacht. Die Messe bildete den Abschluss des Symposiums "Katholische Kirche zwischen 1918 und 1938 - 'Christus ist euer Führer'" im Wiener Erzbischöflichen Palais.

 

Bischof Manfred Scheuer bei der Messe in der Wiener Dominikanerkirche.

Bischof Manfred Scheuer bei der Messe in der Wiener Dominikanerkirche. © Franz Florian Feuchtner

 

Bischof Scheuer erinnerte auch an die Shoah und das Gebet von Papst Franziskus in Yad Vashem. Beten an einem solchen Ort heiße das "Hören der ersten Frage Gottes an den Menschen: 'Adam wo bist du?'", so der Bischof: "Beten realisiert sich als Stehen vor dem Angesicht Gottes, wo man sich mit offenen Augen der katastrophischen Dimension des Lebens und der Geschichte stellt."

 

Selige und Heilige in der Zeit des Nationalsozialismus wie Franz Jägerstätter seien "vor dieser Frage Gottes: Wo bist du?, nicht davon gelaufen und haben sich nicht versteckt". Sie seien Zeugen des Gewissens und hätten damit "einem heimlichen Unschuldswahn widerstanden, der sich in unserer Gesellschaft ausbreitet und mit dem wir Schuld und Versagen, wenn überhaupt, immer nur bei 'den anderen' suchen, bei den Feinden und Gegnern, bei der Vergangenheit, bei der Natur, bei Veranlagung und Milieu". In Jägerstätter, Schwester Restituta Kafka, Provikar Carl Lampert oder Pfarrer Otto Neururer strahle die Würde des Gewissens auf - "einzigartig, größer als der ganze Machtapparat, klarer als die Unrechtseinrichtungen". Das Gedenken an sie sei "ein Unternehmen unterscheidender Spurenlese, des Ausschau-Haltens nach dem ausgesetzten Menschen, nach dem leidenden Gott".

 

Scheuer erinnerte, dass Franziskus in Yad Vashem auch die zweite Frage Gottes an einen Menschen in der Bibel aufgegriffen habe, nämlich "Kain, wo ist dein Bruder Abel?" Gott frage die Menschen, jeden von ihnen, "Wo ist dein Bruder, dessen Blut zu mir schreit?" Die Wohlstandskultur mache unempfindlich gegen die Schreie der anderen, "in dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten", betonte der Bischof: "Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an. Die Globalisierung der Gleichgültigkeit macht uns alle zu 'Ungenannten', zu Verantwortlichen ohne Namen und ohne Gesicht."

 

Die Botschaft der Heiligen Schrift mute jedoch zu, einander Hüter und Hirten zu sein.  "Das Evangelium traut uns zu, dass wir Freunde und Anwälte des Lebens sind, dass wir Lebensräume schaffen, in denen in die Enge getriebene Menschen Ja zum Leben sagen können. Die Botschaft der jüdischen und der christlichen Bibel mutet uns zu, dass wir einander aufgetragen sind, einander Patron sind, füreinander sorgen, Verantwortung tragen", so Scheuer. 

 

Er nahm auch zur Frage nach einer möglichen Versöhnung zwischen Tätern und Opfern Stellung. An den Opfern vorbei und hinter deren Rücken könne es keine Versöhnung geben, hob er hervor. Denn "keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Gericht, kein Gericht ohne den Schmerz der einholenden Wahrheit. Die Gesichter und Namen der Opfer mit ihren Tränen und mit ihrem Klagen sollen den Tätern nicht erspart werden".

 

Eine Versöhnung und Hoffnung ohne Gerechtigkeit für die Opfer sei inhuman, argumentierte der Bischof, der Postulator im Seligsprechungsverfahren für Jägerstätter war: "Versöhnung lässt sich auch nicht erpressen. Wir können als Nachkommen der Täter und Opfer diesen die Versöhnung nicht diktieren. Wir hoffen auf Gott, der durch die Macht der Auferweckung vergangenes, abgeschlossenes Leid nach vorne auf Zukunft hin aufbricht."

 

Christen erinnerten sich der Toten, "nicht damit sie leben, sondern weil sie leben". Erinnerung an die Opfer lasse sich nur in der Hoffnung auf Gott durchhalten, der mit den Opfern "etwas anfangen kann". Die Ratlosigkeit über das Leid, vor der der Gläubige stehe, sei nicht mit Resignation oder mit der "Vergleichgültigung und Verharmlosung" aller Bosheiten in der Geschichte zu verwechseln, so Scheuer. Fatal wäre es nämlich, wenn im Schweigen und in der Ratlosigkeit die Sieger von gestern heute noch einmal triumphieren würden, "die Opfer für immer besiegt, die Toten für immer tot blieben".

 

Vortrag und Predigt von Bischof Manfred Scheuer zum Nachlesen

 

Bischof Manfred Scheuer bei der Messe in der Wiener Dominikanerkirche.

Bischof Manfred Scheuer bei seiner Predigt in der Wiener Dominikanerkirche. © Franz Florian Feuchtner


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