Mittwoch 24. Oktober 2018

Gedenkfeiern für NS-Verfolgte in St. Florian und Gramastetten

Von Mai bis November 2018 finden in den Bezirken Oberösterreichs auf Initiative von Dr.in Erna Putz Gedenkveranstaltungen für die Verfolgten des NS-Regimes statt. Dabei werden die Namen von Verfolgten verlesen und Einzelschicksale vorgestellt. Am 11. Und 15. September fanden die Feiern in St. Florian (Bezirk Linz Land) und Gramastetten (Bezirk Urfahr Umgebung) statt.

Ausgangspunkt war die Gedenkfahrt nach Dachau mit Bischof Scheuer am 13. März 2018: Den KZ-Opfern, die vom Nazi-Regime zu Nummern herabgewürdigt worden waren, sollten 80 Jahre nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich „ihre Namen zurückgegeben werden“. Mehr als 150 OberösterreicherInnen gedachten der 1.000 Landsleute, die im KZ unter den Gräueltaten der Nazis gelitten hatten. Diese Gedenkfahrt und die Veröffentlichung der Namen in einem Sonderdruck der Linzer Kirchenzeitung lösten großes Echo aus, besonders bei den Angehörigen. Deswegen hat Erna Putz das Projekt ausgeweitet und regionalisiert.

 

Viele OberösterreicherInnen eher vergessen

 

„Es ist jedes Jahr bewegend, bei der Befreiungsfeier im ehemaligen KZ Ebensee die vielen jungen Italiener zu erleben. Die vielen OberösterreicherInnen, die bald nach dem Anschluss 1938 verhaftet wurden und bald darauf ins KZ Dachau kamen sind eher vergessen“, so Dr.in Erna Putz. Die Theologin und Jägerstätter-Biografin trägt wesentlich dazu bei, dass es in Oberösterreich, aber auch darüber hinaus, eine lebendige Erinnerungskultur an die Verbrechen der NS-Zeit gibt. Ein besonderes Anliegen ist der ehemaligen Relgionslehrerin die Einbeziehung von SchülerInnen und Jugendlichen in die Gedenkfeiern.

„Es ist gar nicht so wichtig, dass das große Veranstlatungen sind. Es sollen wenigstens die Namen einmal zusammengetragen und gehört werden. Angehörige sind in besonderer Weise eingeladen“, so Putz.

 

Gedenkfeier in St. Florian

 

Am 11. September fand die Gedenkveranstaltung „Namen und Schicksale“ im Stift Sankt Florian für den Bezirk Linz Land statt. Propst und Generalabt Johann Holzinger ist Polizeiseelsorger, deshalb lud auch die Landespolizeidirektion Oberösterreich zu dieser Feier ein.

„So wie in allen Berufsgruppen gab es auch bei Polizei und Gendarmerie Menschen, die gegen das NS-Regime aufstanden und für ihre Überzeugung schwere Nachteile oder sogar den Tod hinnahmen“, so Michael Ahrer von der Landespolizeidirektion Oberösterreich.

 

Gedenkfeier 'Namen und Schicksale' in St. Florian

 

Propst Holzinger begrüßte bei dieser Feier VertreterInnen der Politik, darunter Landeshauptmann a. D. Dr. Josef Pühringer und Bürgermeister von St. Florian Robert Zeitlinger, zahlreiche VertreterInnen der Polizei, angeführt von Landespolizeidirektor-Stellvertreter Dr. Alois Lißl, den Leiter der Lern- und Gedenkstätte Schloss Hartheim, Mag. Florian Schwanninger, den Professor für Ethik, Moraltheologie und politische Bildung an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz DDr. Severin Renoldner, der Enkel des Verfolgten Gendarmeriemajors Alois Renoldner ist, sowie die rund 30 TeilnehmerInnen aus der Bevölkerung.

 

„Auch Florian ist ein Verfolgter gewesen“,

 

betonte Propst Holzinger in seiner Einleitung bei der Filialkirche St. Johann am ehemaligen Florianibründl. Deshalb sei der Beginn des fünf Stationen umfassenden Gedenkmarsches bewusst an diesen Ort gelegt worden.

Holzinger machte auf die Bedeutung der Erinnerung für heute aufmerksam: Auch jetzt seien wieder ChristInnen weltweit Verfolgung ausgesetzt, Menschen seien wieder mit Hassparolen und rassistischen Ideologien konfrontiert und es würden wieder Feindbilder geschaffen. Gedenken sei wichtig, damit es nicht wieder geschehe, dass Unfreiheit, Willkür und Angst im Land regieren.

 

Gedenkfeiern Namen und Schicksale

 

Landespolizeidirektor-Stellvertreter Lißl stellte in seiner Ansprache unter anderem eine Verbindung zu den aktuellen Ereignissen in Chemnitz her: „Beim Einmarsch 1938 hatten SA und SS bereits im Hintergrund die Vorbereitungen getroffen, um am Tag des Einmarsches rasch die Macht übernehmen zu können. So wurde der Polizeidirektor von Linz Dr. Viktor Penz zunächst abgesetzt und zwei Tage später ‚auf der Flucht erschossen‘.

Offensichtlich gab es beim Einmarsch 1938 vorbereitete Namenslisten, nach denen Poizeibeamte eingeteilt wurden in solche, die für und solche, die gegen das neue Regime eingestellt waren. Aber nicht nur auf der Führungsebene wurden Polizei- und Gendarmeriebeamte verfolgt. Auch auf den Dienststellen am Land wurden Beamte verhaftet, misshandelt und umgebracht.“

 

Aus der Geschichte müssen die richtigen Lehren gezogen werden

 

Landeshauptmann a. D. Pühringer strich heraus, dass es darum gehe, dass „Menschen wie du und ich“ nur wegen ihrer aufrechten Gesinnung ihr Leben lassen mussten.

„Erinnern wird unmittelbar, wenn es auf der Ebene der Regionen und Gemeinden stattfindet“, so Pühringer.

Und weiter: „Innerhalb weniger Stunden nach der Machtübernahme begann die Jagd auf alle jene, die aus der Gesellschaft verdrängt werden sollten. Jüdische Mitbürger, auch politisch anders Denkende, Geistliche, Angehörige von Minderheiten, Behinderte, aber auch zu Österreich loyale Exekutivbeamte, die in schwierigen Zeiten ihre Arbeit leisteten. Wie schnell und präzise die Nationalsozialisten arbeiteten, zeigte die Tatsache, dass, während Hitler auf dem Balkon des Linzer Rathauses zu seinen Anhängern sprach, im Keller des gleichen Gebäudes bereits die ersten politischen Häftlinge misshandelt wurden.

Die Morde der in Dachau inhaftierten Menschen wurden an „Nummern“ verübt, die alle Häftlinge am Tag ihrer Einlieferung bekamen. Dahinter stand die Absicht, die Individualität der Opfer auszulöschen und Menschen zu Nummern zu degradieren. Diesen Menschen mit den Namen wieder ihre Individualität zurück zu geben, ist ein wichtiges Anliegen dieses Gedenkens, so wie es auch in der Gedenkstätte Yad Vashem geschieht. Es geht auch um das Wachhalten der Erinnerung an das, was geschehen ist. Auch daran, dass es unter unseren Landsleuten Täter gegeben hat.  Und es geht auch darum aufzuzeigen, Bewusstsein zu schaffen, was geschehen könnte, wenn die Wachsamkeit und Sensibilität gegenüber erneuten Gefahren nachlässt. Aus Orten wie Dachau, Mauthausen, Gusen und anderen leite sich die Verpflichtung ab, Menschheitsverbrechen künftig unmöglich zu machen. Aus der Geschichte müssten die richtigen Lehren gezogen werden. Wir haben eine große Pflicht, die Demokratie, trotz all ihrer Mängel und Unzulänglichkeiten, nie in Frage zu stellen.“

 

Durch den Leiter der Lern- und Gedenkstätte Schloss Hartheim, Mag. Florian Schwanninger, wurden die Namen jener Menschen aus dem Bezirk Linz-Land verlesen, die in Hartheim ihr Leben lassen mussten. Danach machten sich die TeilnehmerInnen auf den Weg zur zweiten Station auf dem Marktplatz.

 

Menschenrechte und Gesetze geben Linie gegen NS-Wiederbetätigung vor

 

Dort sprach Polizei-Bezirkskommandant Günther Kobleder. Er verwies auf die klare rechtliche Linie gegen Nationalsozialistische Wiederbetätigung, die durch das Verbotsgesetz, Strafgesetz und den Verfassungsgerichtshof vorgegeben wird. Schließlich verwies er auf die Bedeutung der UNO, die am 10. Dezember 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedete.

„Der Schutz und die Gewährleistung der Menschenrechte ist Maxime polizeilichen Handelns. Dieser Umstand verleiht Polizeiorganisationen den Charakter von Menschenrechtsorganisationen.“ Sein tiefer Respekt gelte jenen Menschen, „die beim Einmarsch 1938 nicht gewunken haben, die nicht zu Komplizen dieses Terrorregimes geworden sind und deswegen verhaftet, inhaftiert und getötet wurden.“

 

Nach der Vorstellung polizeilicher Einzelschicksale wurden die Namen der verfolgten Exekutivbeamten Oberösterreichs verlesen.

 

Florianer Patres im Visier der Gestapo

 

Bei der dritten Station, dem Eingang zum Stift, zitierte Propst Holzinger aus dem Bericht über die Aufhebung des Stiftes St. Florian am 19. Jänner 1941. Darin wird über das Eindringen von 50 Mann der Gestapo berichtet, die zunächst die anwesenden Patres festsetzten und anschließend das ganze Stift einschließlich der Kirche nach Waffen oder sonstigen verdächtigen Gegenständen durchsuchten. Die Patres wurden auch einvernommen und zu ihrer politischen Einstellung befragt. Obwohl nichts Verdächtiges ermittelt werden konnte, wurde das Stift aufgehoben.

 

Politischer Widerstand führte zum Tod

 

Am Grab des Gemeindesekretärs und Landtagsabgeordneten Leopold Kotzmann, porträtierte  Bürgermeister Zeitlinger den Ehrenbürger der Gemeinde Sankt Florian, der Angehöriger der 1943/44 gegründeten Freistädter Widerstands-Gruppe unter dem Namen „Neues Freies Österreich“ war.

„Die Mitglieder sammelten Spenden und versuchten, Häftlinge und Insassen von Konzentrationslagern zu unterstützen. Im Herbst 1944 wurde die Gruppe verraten und die Mitglieder durch die Gestapo verhaftet. Am 27. Februar 1945 wurde ihnen am Volksgerichtshof der Prozess wegen Hochverrats gemacht. Acht Mitglieder, darunter auch Kotzmann wurden zum Tod verurteilt. Am 1. Mai 1945 wurde er am Militärübungsplatz Treffling bei Linz erschossen.“

 

Zum Abschluss der Feier versammelten sich die Teilnehmenden vor dem Hochaltar der Stiftskirche.

Initiatorin Erna Putz erinnerte zunächst daran, dass bereits in den Jahren 1934 bis 1938 eine starke Radikalisierung stattgefunden hat. Die standrechtliche Erschießung von sechs „Schutzbündlern“ in der Ortschaft Holzleiten ohne Gerichtsverfahren bildete den Tiefpunkt der Auseinandersetzungen in Oberösterreich, die insgesamt 60 Tote, davon 28 aus den Reihen der Exekutive und 32 aus den Reihen des Republikanischen Schutzbundes, forderte.

 

Zur anschließenden Verlesung aller Opfer aus dem Bezirk Linz-Land durch Kustos Harald R. Ehrl und Stiftspfarrer Werner Grad, entzündeten PolizeischülerInnen Kerzen und  platzierten diese in einem Sandbecken – für jeden Namen eine Kerze.

 

Gedenkfeier 'Namen und Schicksale' in St. Florian

 

Den Peinigern verzeihen

 

Professor DDr. Severin Renoldner, den Professor für Ethik, Moraltheologie und politische Bildung an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und Enkel des Verfolgten Gendarmeriemajors Alois Renoldner, zitierte aus den Lebenserinnerungen seines Großvaters, der über Betreiben seines Vorgesetzten in Linz verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurde. Er beschrieb die brutalen Methoden in diesem Lager, wo tausende Häftlinge während des sogenannten Appells die ganze Nacht bei Minusgraden stehen mussten. Es war strengstens verboten, Mithäftlingen, die diese Tortur nicht aushielten und zusammenbrachen, zu helfen.

Trotz seiner Erlebnisse hat sich Alois Renoldner dazu durchgerungen, seinen Peinigern zu verzeihen. Durch Zwiesprache mit Gott konnte er auch die Appelle durchhalten und sich sogar am Sonnenaufgang über Dachau erfreuen. Wenn dann noch die Kirchenglocken von Dachau zum KZ herüberklangen, spürte er die Allmacht und Nähe Gottes. Und die Worte des „Vaterunser“ - vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern - erlangte eine neue tiefe Bedeutung. So konnte er die Last der Schutzhaft leichter ertragen als viele seiner Kameraden.

 

Mit einem gemeinsamen „Vaterunser“ und dem Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben“ klang die Veranstaltung in Stankt Florian aus.

 

Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in St. Florian
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in St. Florian
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in St. Florian
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in St. Florian
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in St. Florian
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in St. Florian
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in St. Florian

Gedenkfeier "Namen und Schicksale" des Bezirkes Linz-Land in St. Florian (c) Landespolizeidirektion OÖ / Bruno Guttmann

 

Gedenkfeier in Gramastetten

 

Am 15. September 2018 fand die Gedenkfeier für die Verfolgten des Bezirkes Urfahr-Umgebung in Gramastetten statt. Gramastetten deshalb, weil hier der Zisterzienser P. Konrad Just, NS-Opfer und jahrelanger KZ-Häftling, bis zu seinem Tod 1964 als Seelsorger wirkte.

Am Grab dieses von den Nationalsozialisten bereits am Tag des Einmarsches verhafteten Wilheringer Paters begann die Feier, die von Pfarrmoderator und Abt des Stiftes Wilhering Dr. Reinhold Dessl eröffnet wurde. Die Veranstlatung wurde von der Jungbläsergruppe aus Gramastetten und Eidenberg musikalisch begleitet.

 

In würdevollem Rahmen wurden die Namen der Verfolgten verlesen und Projektinitiatorin Dr.in Erna Putz stellte einzelne Schicksale kurz vor. Im Laufe der Feier verlas der Leiter des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim, Mag. Florian Schwanninger, vor dem Eingang der Pfarrkirche die Namen der im Schloss Hartheim Ermordeten.

Es entstand ein eindrucksvolles und berührendes Bild vom Mut dieser Menschen in einer dunklen Zeit. In einer abschließenden Eucharistiefeier in der Pfarrkirche wurden die Erinnerungen an die Verfolgten vor Gott getragen.

 

Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in Gramastetten
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in Gramastetten
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in Gramastetten
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in Gramastetten
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in Gramastetten
Gedenkfeier "Namen und Schicksale" in Gramastetten

Gedenkfeier "Namen und Schicksale" des Bezirkes Urfahr-Umgebung in Gramastetten (c) Margarethe Madlmayr / Pfarre Gramastetten

 

Vorschau: Gedenken im Linzer Bischofshof und "Lange Nacht der Namen" im Linzer Mariendom am 22. November in Linz

 

Am Donnerstag, 22. November 2018, 16:00 Uhr, findet auf Initiative von Bischof Manfred Scheuer im Bischofhof, Herrenstraße 19, ein Gedenken an die verfolgten und inhaftierten Mitarbeiter seiner Vorgänger im Bischofsamt Gföllner (1915-1941) und Fließer (1941-1955) statt.  Um 19:00 Uhr werden in der Krypta des Mariendoms im Rahmen einer „Langen Nacht der Namen“ die Namen der Verfolgten aus der Stadt Linz verlesen.

 

Textequellen:

Text zu Gedenkfeier in St. Floran: Landespolizeidirektion OÖ, Michael Ahrens

Text zu Gedenkfeier in Gramastetten: Pfarrassistent Anton Kimla

 

Gedenkfahrt nach Dachau mit Bischof Scheuer

Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Pfarre Gramastetten

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