Thursday 17. October 2019

Ich bin dann mal auf Urlaub

Entspannung und Zeiten der Ruhe sind für alle Menschen wesentlich zur Erhaltung der Gesundheit. Dennoch gelingt es nicht immer, im Sommerurlaub zu entspannen. Rituale und eine „Werkzeugkiste“ können dabei helfen.

Klarsichtsfolie statt Schultasche, ein Abschluss­gottesdienst und nach der Zeugnisverteilung flugs nach Hause. Während unserer Schulzeit gab es klare Rituale, die das Ende des Schuljahres und den Beginn der Ferienzeit markierten. In den Ferienmodus zu schalten, fiel den meisten damals relativ leicht. Im Berufsleben leiten Rituale nur selten den Urlaub ein. Auch das Arbeitsjahr lässt sich nicht immer so klar begrenzen wie ein Schuljahr. Außer­dem gibt es auch in der Diözese MitarbeiterInnen, deren forderndste Arbeitszeit der Sommer ist, beispielsweise im Schul­­amt. Die ReligionslehrerInnen mögen frei haben. Im Amt beschäftigt noch das letzte Schuljahr und ab Mitte des Sommers starten die Vorbereitungen für das kommende. Manchen gelingt es dennoch, gut abzuschalten. Andere wiederum fühlen sich selbst nach drei Wochen Urlaub am Stück wie gerädert. Wieder andere erleben Entspannung, während sie arbeiten. Stress und Chaos im Privatleben oder nicht zu wissen, was mit freier Zeit angefangen werden soll, führen häufig dazu, dass Menschen in der Freizeit keine Erholung finden. Aber was ist Erholung überhaupt? Und was hat sie mit einer Betriebskultur zu tun, die zu einer Diözese passt?

 

Einfach mal nichts tun: Für viele gar nicht so leicht.

Gar nicht so leicht: Einfach mal nichts tun. © Fotolia.com/Jenny Sturm

 

Menschen sind wie Gummibänder

 

Dr.in Dorothea Gallistl-Niel ist Arbeitsmedizinerin seit 1989. In der Diözese Linz ist sie zuständig für das Pastoralamt, das Bischöfliche Ordinariat, die Pädagogische Hochschule, die Katholische Privat-Universität und für Teile der Caritas. „Wir leben in Zyklen – von der Verdauung bis zum Schlaf-Wach-Rhythmus“, beschreibt die Ärztin das menschliche Leben. „So ist es auch mit unserem Arbeitsrhythmus. Auf Aktivität folgt das Bedürfnis nach Erholung. Man könnte sagen, Menschen sind wie Gummi­bänder.“ Regeneration findet vor allem während des Schlafes statt. Aber auch tagsüber lebt der Mensch in einem Zyklus aus Aktivität und Ermüdung. Jeder kennt wohl das gute Gefühl von Arbeit, die einem flott von der Hand geht, bis sich die Zeit plötzlich zu ziehen beginnt wie Kaugummi. „Ich denke, jeder Mensch hat ein Gefühl dafür, was er oder sie an Regeneration in Form von Ruhe oder Freitzeit braucht“, meint die Betriebs­ärztin. Wichtig sei es, auf das eigene Gefühl hören zu lernen und sich Zeiten der Ruhe zu gönnen, wenn der Körper sie fordert. Das muss nicht immer ein langer Urlaub sein. Manchmal reicht ein gutes Abendessen mit Freunden, um Kraft zu tanken. Sich übers Jahr verteilt – besonders in stressigen Zeiten – Oasen einzubauen, kann ein gutes Instrument sein, um aufzutanken. Die Betriebsärtzin nennt es „Urlaub im Alltag machen“ und empfiehlt, sich eine „Werkzeugkiste“ zuzulegen, die gefüllt ist mit Dingen, die es erlauben, sich auch zwischendurch zu entspannen. Denn es hat wenig Sinn, sich erst im jährlichen Haupturlaub Erholung zu verordnen. Bis dahin kann der Grad der Erschöpfung so hoch sein, dass sogar drei oder mehr Wochen am Stück zu kurz sind.

 

Es sind die einfachen Dinge, die Menschen ruhig werden lassen. Zum Beispiel einfach nur schauen. Schauen und spüren, wie gut es tut, in die Weite zu blicken.

Es sind die einfachen Dinge, die Menschen ruhig werden lassen. Zum Beispiel einfach nur schauen. Schauen und spüren, wie gut es tut, in die Weite zu blicken. © Fotolia.com/JFL Photograph

 

Die sechs Säulen der Gesundheit

 

Jeder Mensch besitzt verschiedene Dimensionen, die die Gesund­­heit aufrecht erhalten. „Man spricht auch von sechs Säulen“, erklärt Gallistl-Niel: „Essen, Bewegung, Stille, soziale Beziehungen, Schlaf und eine gute, zufriedenstellende Arbeit – das kann auch ein Ehrenamt sein. Ein Bereich eben, in dem eine Person aktiv sein kann und das Gefühl hat, etwas zu bewegen.“ Bröckeln mehrere dieser Säulen, ist es um Erholung schlecht bestellt. „Sich nicht mehr regenerieren zu können, führt auf Dauer zu Krankheit und Tod.“ Aus ärztlicher Sicht kann Dorothea Gallistl-Niel dennoch sagen: „Der Körper holt sich, was er braucht.“ Das ist unter Umständen schmerzlich. „Ein Burnout ist keine Krankheit im klassischen Sinn, sondern ein Zustand der Erschöpfung. Wer klug ist, sorgt für Auszeit, solange er oder sie noch fit ist.“ Dank des Gummiband-Effekts dürfen wir darauf vertrauen, dass nach der Regeneration die Lust an der Aktivität zurückkommt. Dieser Gedanke kann entlastend wirken für all jene, die sich schwer damit tun, einmal nichts zu tun – selbst im Urlaub. Denn so einfach, wie das mit der Erholung klingt, ist das in der modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht immer, auch nicht für ChristInnen.

 

Grenzen setzen als Ressource

 

Kirchliche MitarbeiterInnen sind vielfach hoch motiviert. Oft gehen sie ihn ihrer Arbeit auf, die manchmal eine Art Familien­ersatz darstellt. Das erlebt nicht nur die Betriebsärztin so. Auch Dr.in Sabine Weißengruber-Holzer, die als Personalentwicklerin des Pastoralamtes arbeitet, beobachtet Ähnliches: „Ich erlebe viel Beseeltheit, Leidenschaft, Feuer. Oft fehlen natürliche Grenzen, wie, dass die Arbeit irgendwann getan ist. Es könnte immer mehr gemacht werden. Die Balance zu halten, ist für viele nicht einfach.“ Grenzen zu erspüren und zu setzen, hält die Personalentwicklerin für eine Ressource. „Es ist eine Kompetenz, wenn jemand gut in sich verwurzelt ist, seine Grenzen erkennt und diese kommunizieren kann.“ Eine wesentliche Aufgabe der Personalentwicklung des Pastoralamtes ist es daher, die  MitarbeiterInnen darin zu schulen, sich selbst zu spüren. „Es gibt ein paar Schlüsselkompetenzen, die wir in der Schule nicht erlernen“, meint Weißengruber-Holzer: „Zum Beispiel, sich Schwächen einzugestehen.“ Diözesane PersonalentwicklerInnen würden sich fragen sich, wie MitarbeiterInnen christliche Werte in der Arbeit umsetzen könnten – beginnend bei einer Kommunikation auf Augenhöhe bis hin zum Erlernen von Methoden der Stressbewältigung. „In einem diözesanen Betrieb soll spürbar werden, was wir glauben.“ Daher ist für Sabine Weißengruber-Holzer die erste Personalentwicklerin stets die unmittelbare Führungskraft. Ein gutes Klima am Arbeitsplatz hilft, vieles erst gar nicht aufkommen zu lassen. Dennoch: die Selbstverwantwortung bleibt. Als Tipp für einen guten Start in den Urlaub nennt Weißengruber-Holzer daher, sich einen guten Rahmen zum Loslassen zu schaffen: „Wichtig ist, dass die Vertretung gut geregelt ist. Natürlich ist es nicht immer möglich, sich komplett vertreten zu lassen. Zumindest das Akute sollte abgedeckt sein.“ Helfen kann auch, sich mögliche Szenarien vorzubereiten: „Zum Beispiel abzusprechen, in welchem Fall jemand im Urlaub auf welche Weise kontaktiert werden darf.“ Kein Anruf bedeutet dann alles paletti. Solche Klarheit entspannt.

 

Staunen entspannt. Die Natur hält vieles bereit, worüber es sich zu staunen lohnt.

Staunen entspannt. Die Natur hält vieles bereit, worüber es sich zu staunen lohnt. © Maria Appenzeller

 

Sein um seiner selbst willen

 

Im dritten Stock des Diözesanhauses hat die Referentin für Spiritualität, Mag.a Susanne Gross, ihr Büro. Immer wieder stellt sie fest, wie der hohe Stellenwert von Leistung im 21. Jahrhundert die Menschen beeinflusst: „Es wird uns eingeredet, dass wir funktionieren müssen.“ Das schwappt auch auf den Urlaub über. Sich endlich entspannen zu müssen, ist genauso Leistungsdenken. „Es ist gut, sich bewusst zu machen, dass es zum Entspannen Zeit braucht.“ Niemand muss auf der Stelle runterkommen. Helfen kann die Natur. Oder ein Ortswechsel. Das muss kein Südseeurlaub sein. Es kann reichen, anstatt des Stamm-Cafés, ein anderes Café aufzusuchen oder etwas bewusst wahrzunehmen, wie Wind und Sonne. Susanne Gross nennt es „in Ressonanz mit der Umgebung gehen“. Sie sagt: „Es sind die einfachen Dinge, die uns sehr zu uns selbst zurückbringen.“ Auch Realismus hilft: „Befindet sich jemand in einer schwierigen Familiensituation, so werden nicht alle Probleme vom Tisch sein, nur weil Urlaub ist.“ Eine große innere Unruhe kann auch bedeuten, an einer Weggabelung zu stehen. Urlaub kann helfen, eine Erkenntnis zu gewinnen, weil schützende Mechanismen, wie ein Vergraben in Arbeit, wegfallen. Vor allen Dingen sollte Urlaub eine Zeit sein, in der jeder Mensch um seiner selbst willen sein darf. Was kompliziert klingt, lässt sich leicht übersetzen: Der Wert eines Menschen definiert sich nicht über Leistung. Jede Person ist wertvoll, einfach deshalb, weil sie ist. Urlaub kann eine Zeit sein, in der wir sind, wie wir sind. Und das ist gut so.

 

Dieser Artikel erschien in der Sommerausgabe 07-08/2017 des "informiert", der MitarbeiterInnen-Zeitung der Diözese Linz. Verfasserin ist Maria Appenzeller. Sie führte die Interviews und Recherchen.

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