Freitag 22. September 2017

„Weihnachten findet nicht dort statt, wo alles perfekt ist“

Sie verbringen Weihnachten nicht mit ihren Lieben daheim, sondern hinter Gittern: die Häftlinge der oberösterreichischen Justizanstalten. Bischof Manfred Scheuer feierte am 13. Dezember 2016 mit den Insassen der Justizanstalt Suben eine vorweihnachtliche Andacht.

Weihnachten im Gefängnis zu verbringen tut weh. Dass die Weihnachtsbotschaft auch für Häftlinge gilt, soll in den vorweihnachtlichen Feiern erfahrbar gemacht werden, die die MitarbeiterInnen der Gefangenenseelsorge alljährlich im Advent gestalten. Es ist ein Grundauftrag der Kirche, für Menschen in Not und am Rand der Gesellschaft da zu sein und Gottes liebevolle Begleitung spürbar zu machen. Weihnachten bedeutet auch Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte, ein ehrliches Anschauen und Hinhalten der eigenen Wunden und der Schuld, durch die andere verletzt wurden. Weihnachten ist die Einladung, das eigene Leben, das Schöne und das Schwere zur Krippe zu bringen und sich zusagen zu lassen: Mit all meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten bin ich gewollt und bejaht, bin ich vor Gott ein wertvoller Mensch.

 

 

Gefangene näher am Kind in der Krippe als andere


Es ist Tradition, dass der Diözesanbischof diese Andachten mit den Gefangenen feiert. Bischof Manfred Scheuer besuchte am 13. Dezember 2016 die Justizanstalt Suben. In seinen Gedanken zum Evangelium betonte Bischof Scheuer, Menschen hätten eine tiefe Sehnsucht nach Heilung: „Heilung von den Verletzungen, die uns andere zugefügt haben, Heilung von den Krankheiten, die wir selbst verursacht haben. Und vielleicht auch Vergebung von denen, denen wir wehgetan haben.“ Der Diözesanbischof erzählte, er habe bei einem vorweihnachtlichen Gottesdienst im Vorjahr ein weißes Messkleid geschenkt bekommen. Darauf waren das Logo zum Jahr der Barmherzigkeit und Handabdrücke der Häftlinge zu sehen. Scheuer: „In die Hände haben sich die Lebenslinien der großteils jungen Gefangenen eingefurcht. Fingerabdrücke sind unverwechselbar individuell und können bei Gerichtsverfahren be- oder entlastend sein. Bei manchen Händen und Unterarmen waren Kratzer zu sehen, entstanden durch selbstverletzendes Ritzen. Fühlen sich da junge Menschen selbst Schmerz zu, verletzen sie sich, um wenigstens etwas von sich zu spüren? Welche Vergangenheit hat sich in die Hände eingeprägt? Und welche Zukunft erwarten sie? Verbunden mit dem Geschenk war die Bitte, die Lebensgeschichten mit in die Feier der Eucharistie, in die Wandlung hineinzunehmen.“

 

Gerade zu Weihnachten tue es weh, nicht mit der Familie oder mit Freunden feiern zu können, so Scheuer. Vielleicht aber seien die Gefangenen dem Geschehen in Bethlehem näher als jene, die das Fest perfekt inszenieren wollten. Denn: Weihnachten finde nicht dort statt, wo alles perfekt sei, wo vieles aufgeführt werde. Scheuer zu den Häftlingen: „Näher am Kind in der Krippe sind andere, die zunächst etwas nicht können, nicht singen, nicht sprechen, nicht hören. Wie viel mehr gilt das für euch hier im Gefängnis.“ Mit seiner Menschwerdung trete Gott in ein lebendiges Beziehungsgeschehen mit den Menschen. Scheuer wörtlich: „Gott hat sich ein Herz genommen und streckt im Kind seine Hand entgegen. Weihnachten erinnert an Frieden und Versöhnung, an die Heilung von Wunden und an die Erfahrung von neuen Lebensmöglichkeiten. Weihnachten bedeutet: Gott gibt uns Menschen ein Ansehen, einen unendlichen Wert.“

 

Vorweihnachtliche Feier mit Bischof Scheuer in der Justizanstalt Suben

Vorweihnachtliche Feier in der JA Suben mit Bischof Manfred Scheuer. © Diözese Linz

 

 

„Insassen zeigen, dass sie nicht allein gelassen sind“


Mit Bischof Scheuer feierte Diplom-Pastoralassistent Florian Baumgartner, Seelsorger in der Justizanstalt Suben. Musikalisch berührend gestaltet wurde die Feier vom Chor des BORG Schärding sowie von einem Männerensemble und einem Gitarristen der Justizanstalt Suben. Die Feier besuchten etwa 80 Häftlinge. Gefangenenseelsorger Florian Baumgartner ist in der Vorweihnachtszeit ein wichtiger Gesprächspartner: „Als Seelsorger in der Justizanstalt Suben ist mir wichtig, dass ich Ansprechperson für ‚meine Männer‘ bin. Und gerade in der vorweihnachtlichen Zeit merkt man schon, wie sehr es selbst „starken“ Männern oftmals nahe geht, dass sie nicht mit der Familie feiern können. Hier sind die Weihnachtsfeier und der Gottesdienst am 24. Dezember vormittags – mit anschließendem Verteilen von kleinen Weihnachtspaketen – eine wichtige Möglichkeit, in dieser Situation zumindest gemeinsam zu feiern und sich bewusst zu werden, dass man selbst in dieser schwierigen persönlichen Situation nicht ganz alleine gelassen ist.“

 

In vielen Gesprächen komme die Sehnsucht nach Feiern mit der Familie, nach Freiheit und Lebensperspektive immer wieder zum Ausdruck, so Baumgartner. „Und dann ist es wichtig, da zu sein, zuzuhören, mit einer Berührung zu zeigen, dass die Insassen nicht allein sind, oder einfach auch mit einer leeren Weihnachtskarte die Möglichkeit zu geben, ein paar liebe Gedanken und Grüße nach Hause zu schreiben.“

 

 

Bischof Manfred Scheuer (Mitte), Gefangenenseelsorger Florian Baumgartner (ganz links) und die Mitglieder des Chors des BORG Schärding mit ihrem Lehrer Florian Hutterer (ganz rechts).

Bischof Manfred Scheuer (Mitte), Gefangenenseelsorger Florian Baumgartner (ganz links) und die Mitglieder des Chors des BORG Schärding mit ihrem Lehrer Florian Hutterer (ganz rechts). © Diözese Linz

 

 

Weitere vorweihnachtliche Feiern in oö. Justizanstalten:

  • 15. Dezember 2016, 13.00 Uhr: Justizanstalt Linz (mit Bischof Manfred Scheuer)
  • 20. Dezember 2016, 14.00 Uhr: Justizanstalt Ried im Innkreis (mit Bischof em. Ludwig Schwarz)
  • 22. Dezember 2016, 12.30 Uhr: Justizanstalt Garsten (mit Bischof Manfred Scheuer)

 

Gefangenenpastoral der Diözese Linz

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