Dienstag 25. September 2018

Zulehner sieht Ehe im Wandel "vom Vertrag zum Sich-Vertragen"

Der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner

Der Wiener Pastoraltheologe Zulehner: "Die Kirche wird noch viel lernen müssen, um die Verlagerung von der Institution zur Person zu respektieren."

Bei der Ehe geht es heute für die meisten "nicht mehr um den Vertrag, sondern um das Sich-Vertragen". Dieser Wandel im allgemein-gesellschaftlichen Verständnis von Ehe stellt laut dem Wiener Pastoraltheologen em.Prof. Paul Zulehner die katholische Kirche vor große Herausforderungen. Sie werde "noch viel lernen müssen, die Verlagerung von der Institution zur Person zu respektieren", schrieb Zulehner in einem auf https://zulehner.wordpress.com veröffentlichten Blog. Kritik übte er dabei an "jenen, die nicht die Menschen, sondern 'Ehebänder' verteidigen". Sorge sollte vielmehr machen, dass manche mögliche Enttäuschungen "präventiv vorwegnehmen" und ihr Eheversprechen nur auf die guten, nicht aber auf die bösen Tage beschränken. "Das würde die Liebe in tragischer Weise halbieren."

Der Religionssoziologe und Werteforscher wies darauf hin, dass sich Treue, Zärtlichkeit und Ehrlichkeit in der "Liebenswerteskala" vieler junger Menschen ganz oben steht. Sexualität sei also an verlässliche Liebe gebunden, "ob diese institutionalisiert ist, ist für die Jungen zweitrangig". Die Allermeisten wünschten sich "romantische Liebe für immer und ewig" und wollten dazu auch den Segen Gottes, erklärte Zulehner.

"Aber die Leute sind auch Realisten", so die Beobachtung des Theologen. "Sie merken, dass die dergestalt personalisierte Liebe viel anspruchsvoller und auch zerbrechlicher ist als die Institution." Nach oft langem Todeskampf und manchen Wiederbelebungsversuchen könne eine "ewige Liebe" sterben. Die davon Betroffenen wollten dann "nicht in einer Beziehung festgehalten werden, die für sie gegen alle Träume des Anfangs zum Grab der Liebe geworden ist", schrieb Zulehner. "Ritual am Anfang: ja, Scheidungsverbot am Ende: nein!"

Nicht wenige seien auch der Ansicht, dass die Ehe nicht mehr besteht, wenn die Liebe unwiderruflich tot ist. Die Ehe-Theologen mahnte Zulehner hier zum wachsamen Hinhören: Denn das, worum es beim Ehesakrament geht, "ist just diese Liebe". Die Frage, ob mit der Liebe "gar das Ehesakrament stirbt", sollte nach seiner Überzeugung auch bei der Familiensynode im Oktober aufgegriffen werden.

Der Pastoraltheologe weiß um das Gegenargument, das katholische Eherechtler und in der Tradition des Augustinus stehende "Ehesystematiker" hier vorbringen würden: Nach dem Tod der Liebe bestehe ja noch immer das objektive, von Gott geknüpfte Eheband, das der Mensch nicht trennen dürfe.



"Sackgasse" Eheannulierung?


Zulehner bezeichnete es als eine der "Sackgassen" der gegenwärtigen Diskussion in der katholischen Kirche, dass die Verteidiger des unauflöslichen Ehebandes sich im Trennungsfall darauf konzentrieren, nachzuforschen, ob nicht das Eheband selbst gar nicht zustande gekommen ist. "Dann kann es, so ätzen manche, passieren, dass zwar die ursprünglich Liebenden eine Ehe führten, Kinder zeugten und großzogen, dann aber aus Schuld und Tragik die Liebe verloren und die Ehe zu Ende ging, aber ihnen von einem kirchlichen Gericht nachgewiesen werden muss, dass es gar keine Ehe war, damit sie ihr Leben neu ausrichten können." Zulehner äußerte Verständnis dafür, dass "solche rechtliche Schachzüge" von den meisten Betroffenen abgelehnt werden - abgesehen von kirchlichen Angestellten, die eine "Nichtigkeitserklärung" vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes bewahre.

Zulehner nannte es "unsinnig, die Verlagerung von der Institution zur Person mit all ihren anspruchsvollen Nebenwirkungen als moralischen Verfall zu bekämpfen". Er sieht das Problem nicht in der Personalisierung der Liebe, sondern in deren "Halbierung" aus Angst vor dem möglichen Sterben der Liebe. Einer möglichen Enttäuschung präventiv zu begegnen mit einer Zusage wie "Ich will dich lieben, achten und ehren - aber nur in guten, und nicht in bösen Tagen" würde die Liebe in tragischer Weise reduzieren, ist Zulehner überzeugt. "Denn eine Liebe ohne Leid hört auf, selbstlose Liebe zu sein."

 

Kathpress

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