Mittwoch 14. November 2018

Mut zu einer lustvollen, kreativen Kirche

Religiös ja, aber ohne kirchliche Zugehörigkeit, das ist die Lebensrealität vieler Menschen von heute. Perspektiven für eine Kirche mit mehr Strahlkraft diskutierten Dogmatiker Franz Gruber und Pastoraltheologin Hildegard Wustmans im Linzer Priesterseminar.

Beim Theologischen Tag zum Thema „Ohne Kirche selig?“ im Linzer Priesterseminar, der vom Institut Pastorale Fortbildung angeboten wurde, begaben sich etwa 70 SeelsorgerInnen und TheologInnen mit zwei ProfessorInnen der Katholisch-Theologischen Privatuniversität (KTU) Linz auf die Suche nach einer attraktiven „missionarischen Pastoral“ von heute.

 

 

Hinterfragen und Experimentieren

 

Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, Professor für Dogmatik und ökumenische Theologie an der KTU und deren Rektor, betonte, heute habe es das Christentum anders als früher mit einem religiösen Markt zu tun, auf dem es sich bewähren müsse. „Die Art und Weise, Christ/in zu sein, wird sehr bunt, und dieser Trend wird sich fortsetzen. Wir sind auf dem Weg zu einem pluralen Weltchristentum, das nicht mehr lange europazentriert bleiben wird“, betonte Gruber. Er skizzierte anhand einiger Aspekte die gegenwärtige Situation:

  • Die Identität über christliche Konfessionen löst sich auf.
  • In der Familie werden die nachfolgenden Generationen nicht mehr selbstverständlich kirchlich sozialisiert und mit dem Glauben vertraut gemacht (Ende der „Selbst-Missionierung“)
  • Spirituelle Bewegungen und Event-Christentum (z. B. Weltjugendtag, Kirchentage) werden immer attraktiver (experimenteller globaler Katholizismus).
  • Das Papstamt hat Strahlkraft: Der Papst ist eine Identifikationsfigur, die den Katholizismus verkörpert und die auch die Medien fasziniert.
  • In Anbetracht der zunehmenden Islamisierung wächst das militante Kulturchristentum („Das Abendland soll christlich bleiben“).
  • Die Säkularisierung hält weiter an.

 

Dieses Szenario bringt nach Gruber Verluste, aber auch Gewinne für die Kirche. So verliert Kirche in der westlichen Gesellschaft an Relevanz und Plausibilität, die religiöse Sprache bzw. die Riten werden weitgehend nicht mehr verstanden, Suchende wenden sich verstärkt der fernöstlichen Spiritualität zu. Als Gewinn sieht Gruber die „Irritationserfahrung“, die sich daraus ergibt. „Gewohnheiten werden erschüttert, die eigene Identität wird hinterfragt, Innovationen und Experimente müssen gewagt werden.“ Gruber schlägt einen Wechsel vom Handeln zum Sehen vor: „Nicht noch mehr Aktivitäten, sondern innehalten und schauen: Was ist jetzt gefragt? Und dabei aushalten, dass wir noch nicht sehen, was auf uns zukommt.“ Man müsse sich im seelsorglichen Alltag Spielräume freischaufeln, die dieses Innehalten ermöglichten.

 

Gleichzeitig warnte der Dogmatiker vor der Hoffnung auf rasche Lösungen: „Das Christentum wurde über Jahrtausende formatiert – man wird es nicht in zwei Generationen neu erfinden. Menschen wie wir, die noch extrem kirchlich sozialisiert sind, werden diese neuen Formen nicht entdecken – das wird vielleicht noch 400 Jahre dauern. Aber das kann uns heute auch entlasten. Wir dürfen probieren und experimentieren, aber ohne Anspruch auf DIE Lösung. So könnte aus Jammern und Frust neue Lust werden.“

 

Univ.-Prof.in Dr.in Hildegard Wustmans und Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber referierten beim Theologischen Tag.

Univ.-Prof.in Dr.in Hildegard Wustmans und Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber.  © Diözese Linz

 

Neue Überlebensstrategien statt bewährte Lösungen

 

Univ.-Prof.in Dr.in Hildegard Wustmans, Professorin für Pastoraltheologie an der KTU Linz, zog Parallelen zwischen dem Klimawandel auf der Welt und in der Kirche. „Wir nehmen die Phänomene des Klimawandels wahr, schieben dieses Problem aber weg, weil es viel zu global und zu komplex ist. Es würde eine Verhaltensänderung erfordern, und die ist unangenehm. Deshalb konzentrieren wir uns lieber auf andere Probleme.“ Fragen des Klimawandels seien immer Überlebens- und Kulturfragen. Die Kirche verharre in einer Rolle, die sie früher innehatte, so Wustmans. Dies zeige sich an Modernisierungsdefiziten in unterschiedlichen Bereichen, etwa bei der Stellung der Frauen und der Laien, in den Bereichen Sexualität und Zölibat und bei den Sakramenten. „Es braucht weniger Prachtentfaltung, weniger Machtmissbrauch und mehr Konzentration auf das Kerngeschäft Gottes- und Nächstenliebe“, stellte Wustmans klar.

 

Es gehe nicht darum, auf Strategien zu setzen, die früher erfolgreich gewesen seien; die Kirche brauche vielmehr neue Überlebensstrategien. „Ziel kann nicht die Wiederherstellung des Vergangenen sein“, machte Wustmans deutlich. Es sei Realität, dass sich Menschen zum Feiern längst an anderen Orten als in der Kirche aufhielten und dass sie sich bei Problemen an andere Autoritäten wendeten. „In den Pfarren gibt es viel Engagement, und doch erreicht man nicht die, die man erreichen möchte, die Kinder und Jugendlichen bleiben nach Erstkommunion bzw. Firmung weg etc. Der eigene Handlungsspielraum schrumpft, man agiert nicht mehr, sondern reagiert – und das führt letztlich in die Depression und ins Burn-out“, so die nüchterne Diagnose der Pastoraltheologin. Solche Systeme seien nach innen und nach außen unattraktiv. Wie ausbrechen? „Mit Mut, Risikobereitschaft und Fehlerfreundlichkeit. Es braucht viel Ausprobieren, Neuanfangen, einen langen Atem und eine bescheidene, selbstkritische Haltung. Man muss mit Rückschlägen rechnen und damit umgehen lernen“, ist Wustmans überzeugt.

 

Wustmans plädierte für ein Patchwork aus unterschiedlichen Projekten und Experimenten – für eine offene, lustvolle und kreative Zukunft der Kirche. „Wichtig dabei ist Achtsamkeit dafür, was um mich herum geschieht, Genauigkeit in der Kommunikation, Innehalten und Nachspüren, wo die Menschen heute sind und was sie für ein gutes Leben brauchen.“ Man dürfe nicht die Lösungen für frühere Probleme auf aktuelle Probleme anwenden. „Wir müssen uns fragen: Welche Werkzeuge legen wir zur Seite, welche neuen braucht es zur Verkündigung des Reiches Gottes in Wort und Tat?“ Das Wertvollste der Kirche seien neben der frohen Botschaft die Charismen (Begabungen) der haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Zutrauen und Vertrauen in diese Kompetenzen sei unabdingbar, so Wustmans. „Es braucht Menschen, die sich etwas trauen und die sich – so wie Papst Franziskus – immer wieder aussetzen. Nur so kann Neues aufbrechen und Kreatives entstehen – zum Nutzen und zur Freude aller.“

 

Die Pastoraltheologin betonte, nicht alle müssten zur gleichen Zeit aufbrechen. „Aber die missionarischen Typen, die es gibt, sollten aufbrechen dürfen.“ Für andere sei es hilfreich, sich zu trauen, etwas wegzulassen. „In vielen Pfarrgemeinden geht so viel Energie in ein ‚Wir müssen …‘, das die Freude zudeckt. Wir sollten uns fragen: Warum tun wir, was wir tun?“ Wenn etwas weggelassen werde, sei es wichtig, die Lücke nicht wieder gleich zu schließen, sondern sie auszuhalten. Und es brauche klare Optionen: „Wir sollten wissen, welches Profil wir zeigen wollen. Wenn wir ein Ort mit Strahlkraft werden, werden wir angefragt, entdecken Menschen das Mehr, das uns ausmacht.“

 

Anhand von Beispielen aus den USA erläuterte Wustmans, wie Pfarren ihr Profil schärfen könnten, etwa durch Fokussierung auf bestimmte Zielgruppen, durch eine Kultur des Willkommenheißens, durch intensiven Einsatz sozialer Medien oder durch hohe Qualität bei Musik und Predigt. Sie unterstrich aber auch Wortmeldungen der TeilnehmerInnen, denen zufolge es wichtig sei, sich als Einzelne/r im beruflichen und privaten Lebensumfeld als Christ/in zu erkennen zu geben. „Es geht nicht ohne den Mut, sich zu zeigen. Nur das löst Irritation, interessiertes Nachfragen und Dialog aus“, so Wustmans.

 

Hildegard Wustmans regte mit Ideen von US-Pfarren zum Experimentieren an.
Hildegard Wustmans regte mit Ideen von US-Pfarren zum Experimentieren an.

 

(be)

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