Friday 22. November 2019

Jugend und Kirche: Wirklich zwei verschiedene Welten?

JugendKircheLinz bei der Langen Nacht der Kirchen 2014. © Diözese Linz

Am 13. November 2014 lud das OÖ. Journalistenforum zu einem Pressegespräch in den OÖ. Presseclub. Thematisiert wurde die Frage: „Jugend und Kirche – zwei verschiedene Welten?“ Als ExpertInnen informierten Dr.in Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin und stv. Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien, Stefanie Poxrucker B.A., Jugendleiterin im Dekanat Altenfelden, und Klemens Hager, Projektleiter der JugendKircheLinz.

Jugendliche heute: Im Spannungsfeld zwischen Mangel und Überfluss

 

Die wissenschaftliche Leiterin und stellvertretende Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien, Dr.in Beate Großegger, stellte Ergebnisse aus ihrem aktuellen Buch „Kinder der Krise“ vor. Großegger betonte, traditionelle Strukturen und Bezugssysteme gingen nur bedingt zusammen mit dem, was Jugendliche in ihrem Alltag erleben. „Anstatt ins Lamentieren zu verfallen, was nur mit der heutigen Jugend los sei, braucht es den offenen Blick auf die Jugendlichen selbst: Wie ticken sie – und warum ticken sie so?“, so Großegger. Die Jugend lebe heute in einem Spannungsfeld zwischen Mangel und Überfluss – der Mangel an Sicherheit und Orientierung stehe einem Überfluss an Information, Warenangebot und Ausbildungsmöglichkeiten gegenüber. „Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Individualismus. Gefordert wird Multioptionalität, also die Fähigkeit, sich in unterschiedlichen Lebensrealitäten zurechtzufinden. Wir Erwachsenen verlangen von den Jugendlichen, kompetent zu sein an der Bruchkante von Altem und Neuem – und übersehen dabei, wie groß die Herausforderungen sind“, erläuterte Großegger die Situation der Jugendlichen.

 

Geerbte Zumutungen

 

Darüber hinaus erbe die Jugend Zumutungen, etwa die Finanz- und Wirtschaftskrise, das Bröckeln von sozialen Sicherheiten, die Auflösung des Generationenvertrags. Die Jugendlichen würden erleben, dass die Erwachsenen auf diese Krisen reagieren, indem sie den Ball an die Jugend zurückspielen. „Die Jugendlichen sollen sich anstrengen, etwas leisten, flexibel sein, dann werden sie das schon hinbekommen. Darauf reagieren die jungen Menschen nicht mit Auflehnung, sondern sie arrangieren sich damit. Während der Woche passen sie sich an, am Wochenende leben sie den Spaß aus. Die Überforderungsgesellschaft und die Spaßgesellschaft sind zwei Seiten der gleichen Medaille“, so Großegger. Für Sinnfragen sei in einem solchen Szenario wenig Platz. „Sinnfragen und soziales Engagement sind häufig in bildungsprivilegierten Milieus zu finden – beides muss man sich erst einmal leisten können. Wer es sich nicht leisten kann, sucht Ablenkung im Spaß.“

 

Falsche Werte oder falsche Vorbilder?

 

Großegger über die klassische Debatte zum Werteverfall der Jugend: „Wir jammern schnell, dass die Jugend keine Werte mehr hat. Ob die Erwachsenenwelt nicht falsche Vorbilder liefert, danach fragen wir nicht.“ Außerdem hätten Jugendliche einen anderen Zugang zu Werten. Eine aktuelle Jugendstudie zeige, dass Werte als etwas Individuelles gesehen werden, als Geländer zum Festhalten, das man aber auch wieder loslässt. „Werte werden von den Jugendlichen regelmäßig auf ihre Alltagstauglichkeit und ihre Zeitgemäßheit abgeklopft. Im Alltag lassen sie sich von persönlichen Werten, von ihrem Bauchgefühl und von Werten leiten, die die eigene Familie vertritt – aber nicht von Werten, wie sie Institutionen vorgeben“, so Großegger. Es gebe die Tendenz, sich aus verschiedenen Wertewelten eine eigene „Sinnprovinz“ zusammenzubauen (sog. „Wertesampling“).

 

„Verklumpungs-Gefahr“

 

„Die Jugend ist generell institutionenskeptisch. Religionsgemeinschaften neigen zum „Verklumpen“ – dazu, unter sich zu bleiben. Dazu leisten auch die Spitzenrepräsentanten einen Beitrag. Diese Tendenz zeigt sich auch bei Gruppierungen religiöser Jugendlicher“, so Großegger. In Studien zeige sich, dass Religion und Politik seit den 1990er Jahren ganz unten auf der Skala der wichtigen Lebensbereiche rangieren (7 – 9 %), Familie und Freunde aber ganz oben (80 – 90 %, je nach Altersstufe). „Die Jugendlichen verlagern sich immer mehr in die Gesellschaft der Altersgleichen – sie werden zum Referenzsystem“, so Großegger. Peer-Groups würden an Bedeutung zunehmen, was in vielen Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit bereits Berücksichtigung finde.

 

Chancen und Herausforderungen

 

Großegger riet der katholischen Kirche, nicht die Moralkeule zu schwingen, sondern sich der Situation zu stellen und konstruktiv damit umzugehen. Großegger sieht vier Herausforderungen für die kirchliche Jugendarbeit:

 

  • Was alle Jugendlichen verbindet, ist die Forderung, Kirche müsse mit der Zeit gehen.
  • Jugendliche sind absolut undogmatisch. Ihre Haltung ist nutzenorientiert und alltagstauglich.
  • Jugendliche sind gemeinschaftsorientiert. Sie haben ethische, spirituelle und rituelle Bedürfnisse. Gerade für religiöse Jugendliche sind religiöse Gemeinschaften Orte der Geborgenheit. „Religion lässt Raum für Fragen, die man sich im rationalisierten Alltag nicht stellt oder nicht stellen soll. Fragen wie: Warum bin ich hier? Wo gehe ich hin? Gibt es Gott wirklich? Sinnfragen werden in der heutigen Zeit wichtiger – man darf die Jugendlichen nicht unterschätzen. Wer beschäftigt sich mit den Jugendlichen, die eine Sinnkrise thematisieren?“, ortete Großegger eine große Chance für Religionsgemeinschaften.
  • Jugendliche sind handlungs- und erlebnisorientiert. Die Herausforderung sei, kirchliche Angebote für Jugendliche so zu gestalten, dass sie mit dem Jugendkulturalltag kompatibel seien. „Wer am Samstagabend bis in die Morgenstunden fortgeht, steht nicht gern zur Frühmesse am Sonntag auf“, formulierte es Großegger pointiert.

 

„Unmusikalität“ erlaubt?

 

Religion sei für Jugendliche etwas ganz Persönliches, Privates, über das man kaum spreche – anders als etwa über Sexualität. „Das zeigt auch, dass es ein wichtiger Bereich ist“, so Großegger. Viele Jugendliche glauben, ohnehin nicht den Vorstellungen der Amtskirche zu entsprechen. Großegger sprach in diesem Zusammenhang in Anlehnung an Max Weber von „religiös unmusikalischen Menschen“. „Die Frage ist: Wollen wir nur die Musikalischen?“, so Großegger kritisch.

 

Pressetext zum Buch von Dr.in Beate Großegger

 

 

V. l.: Stefanie Poxrucker B.A. (Jugendleiterin Dekanat Altenfelden), Dr.in Beate Großegger (wissenschaftliche Leiterin und stv. Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien) und Klemens Hager (Projektleiter JugendKircheLinz). © Diözese 

V. l.: Stefanie Poxrucker B.A. (Jugendleiterin Dekanat Altenfelden), Dr.in Beate Großegger (wissenschaftliche Leiterin und stv. Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien) und Klemens Hager (Projektleiter JugendKircheLinz). © Diözese Linz

 

 

Kirchliche Jugendarbeit: Mitgehen, ohne zu binden

 

Stefanie Poxrucker B.A., Jugendleiterin im Dekanat Altenfelden, brachte ihre Erfahrungen aus dem ländlichen Raum ein. Der Schwerpunkt der kirchlichen Jugendarbeit liege auf einem Beziehungsangebot an die Jugendlichen. „Einerseits signalisieren wir: Wir sind für euch da, einfach auch als Mensch, und wir versuchen, in den Pfarren Räume für euch zu schaffen. Andererseits bringen wir den Pfarren nahe, was man tun kann, damit sich Jugendliche wohl fühlen.“ Auch Kooperationen, etwa mit Vereinen und Gemeinden, seien in der kirchlichen Jugendarbeit wichtig.

 

Vielfalt und Offenheit

 

Wichtig sei „ein Mitgehen, ohne unbedingt binden zu wollen“ und das auch offen zu kommunizieren, so Poxrucker. „Die Jugendlichen sollen spüren, dass sie nicht ‚pfarrlich verzweckt‘ werden.“ Projekte wie „72 Stunden ohne Kompromiss“ (www.72h.at), bei dem sich Jugendliche alle 2 Jahre 72 Stunden lang für einen guten Zweck engagieren, seien eine Möglichkeit, verschiedenste Jugendliche anzusprechen – im Gegensatz zur klassischen pfarrlichen Jugendarbeit, die eher auf Jugendliche aus gebildeten Familien abziele. „Uns ist wichtig, Vielfalt anzubieten, etwa spirituelle Events in Jugendtreffs und -zentren.“

 

Positive Gemeinschaftserfahrungen

 

Als ein Beispiel nannte Poxrucker den Jugendtag in Haslach, der am 15. November 2014 bereits zum dritten Mal stattfindet. Nach einer Jugendmesse am Samstagabend gibt es ein Konzert im Pfarrheim – bei freiem Eintritt und Verpflegung. „Für Jugendliche ist Ästhetik, Licht, Musik wichtig“, so Poxrucker. Der Abschluss des Jugendtages wird um 22.30 Uhr in der stimmungsvoll beleuchteten Kirche von JackTheBusch gestaltet – mit Liedern und Texten, die unter die Haut gehen. Bei der Auswahl der MusikerInnen gehe es darum, Songs mit Mehrwert zu bieten, die Lebensfragen thematisieren. „Danach hören wir von vielen: ‚Da hab ich wirklich was gespürt.‘ Solche Gemeinschaftserfahrungen geben Kraft und werden positiv mit Religion verbunden“, so Poxrucker.

 

http://ooe.kjweb.at/

 

 

 

JugendKircheLinz: Nicht Sender, sondern Empfänger

 

Klemens Hager, Projektleiter der JugendKircheLinz, stellte das Pilotprojekt „JugendKircheLinz“ vor, das neben der bereits etablierten Jugendkirche in Wien das einzige in Österreich ist. „Diese Entscheidung war ein bewusstes Zeichen der Diözese, für Jugendliche in der Stadt da sein zu wollen“, so Hager. In der Stadt werden Jugendliche mit pfarrlicher Jugendarbeit weniger angesprochen, als dies in ländlichen Regionen der Fall ist. Mit der Stadtpfarrkirche Urfahr, neben Ars Electronica Center und Stadtwerkstatt gelegen, wurde ein jugendaffiner Ort gefunden. Die Grundidee: Vor allem suchende und kirchlich distanzierte Jugendliche sollen mit diesem Angebot angesprochen werden. Andockpunkte ergeben sich durch die Zusammenarbeit mit Schulen und mit der Firmpastoral. So können verschiedene Milieus erreicht werden, auch Performer und Materialisten.

 

Beziehungsangebot – bedingungslos und für alle

 

Die JugendKircheLinz ist nicht auf die Bildung einer „Jugendgemeinde“ angelegt, sondern stellt ein Beziehungsangebot dar, das auch punktuell genutzt werden kann. „Wir säen Samen, die vielleicht irgendwann aufgehen. Wenn junge Menschen mit Tod und Leben konfrontiert sind, dann kommt ihnen vielleicht der Gedanke, dass die Kirche ein Angebot hat, das sie jetzt gerade brauchen“, so Hager. Wichtig ist ihm, dass Jugendliche „in Würde pubertieren“ dürfen. Das heißt: Ihnen wird Raum zur Verfügung gestellt – nicht irgendein Raum, sondern ein kostbarer Kirchenraum. Sie sind bedingungslos willkommen: Sie brauchen sich nicht zu binden und sie müssen nichts können (z. B. singen). Sie sollen die Möglichkeit haben, einfach da zu sein und bei sich anzukommen. „Im Erleben des Kirchenraums bringt sich Gott selber zur Sprache. Wir stellen zum Beispiel Liegestühle in der Kirche auf. Im Liegen erfolgt ein Perspektivenwechsel, der Blick richtet sich nach oben, die Jugendlichen sind gehimmelt und geerdet zugleich“, so Hager. Darüber hinaus werden Konzerte, Ausstellungen, Impro-Theater und neue Gottesdienstformen angeboten, die auf Jugendliche ohne liturgische Praxis eingehen. Was Hager als Projektleiter besonders wichtig ist: „Wir sind Empfänger, nicht Sender. Wir hören hin auf die Anliegen der Jugendlichen und versuchen sie aufzugreifen.“

 

Raus aus der Kirche

 

JugendKircheLinz ist aber auch außerhalb der Stadtpfarrkirche präsent: etwa in der JamTram, wo zwischen Hauptbahnhof und Mühlkreisbahnhof musiziert wird, oder im Rahmen von „72 Stunden“ mit der Fuzo-Musi“, wo in der Linzer Innenstadt mehr als 1.200 Euro für ein Projekt in Rumänien ersungen wurden.

 

http://jugendkirchelinz.wordpress.com/

 

 JugendKircheLinz_Lange Nacht der Kirchen 2014. © Diözese Linz

 

(be)

 

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