Donnerstag 18. Juni 2026

Weltflüchtlingstag: Eine Familie findet eine Familie

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni 2026 ein Einblick in die „ungewöhnlichste WG in Wien“: Seit vier Jahren leben Maksym und Elena Netrylov mit ihren drei Töchtern und den Großeltern mit den Franziskanerinnen der Schmerzhaften Mutter in Wien-Simmering.

Was nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 als vorübergehende Unterkunft gedacht war, wurde zu einem gemeinsamen Alltag – mit vielen Überraschungen auf beiden Seiten. In der aktuellen Podcast-Folge „Orden on Air“ berichten die Ordensgemeinschaften Österreich, wie aus einer spontanen Hilfsaktion eine Familie geworden ist.

 

Als die Familie Netrylov im März 2022 ihre Wohnung in Bila Zerkwa – eine Kleinstadt etwa 80 Kilometer südlich von Kyjiw/Ukraine – verließ, wussten sie nicht, wie lange sie wegbleiben würden. Dass daraus vier Jahre wurden, ist nur eine von vielen Überraschungen, die diese Geschichte bereithält.

 

Sie wussten auch nicht, dass sie ausgerechnet bei einer Ordensgemeinschaft in Wien landen würden. Maksym erinnert sich an seine Angst davor, „dieses stille Leben zu unterbrechen“. Dabei war es schon davor nicht so ruhig, gesteht Sr. Elisabeth Knapp, Hausoberin der Franziskanerinnen der Schmerzhaften Mutter in der Simmeringer Hauptstraße: Das Haus stand immer Gästen offen.

 

Mit Maksym, seiner Frau Elena und den drei Töchtern zogen dann aber doch mehr Menschen ein als sonst – und es wurden noch mehr: Auch die Schwägerin mit ihren zwei Kindern sowie Oma und Opa kamen nach. Zehn Leute fanden Platz in drei Zimmern. Sr. Elisabeth: „Wir haben uns für eine Aufnahme und so auch für diese Überraschungen entschieden.“

Die Schwägerin kehrte später mit ihren Kindern in die Ukraine zurück, um nicht länger von ihrem Mann getrennt zu sein.

 

Sr. Elisabeth Knapp mit Familie Netrylov 2026 im Garten der Schwestern.

Sr. Elisabeth Knapp mit Familie Netrylov 2026 im Garten der Schwestern. © ÖOK/emw

 

Herausforderung Sprache

 

Die größte Herausforderung war zu Beginn die Sprache. „Niemand von uns konnte ein Wort Deutsch. Gar nichts. Null“, erinnert sich Maksym. Man verständigte sich mit Händen und Füßen und ein bisschen Englisch. Heute hört man im Podcast, wie weit dieser Weg war – und zwar am schönsten dort, wo man es am wenigsten erwartet: bei den Kindern selbst. Mascha, Sascha und Polina erzählen darin in eigenen Worten, auf Deutsch, von ihrem Lieblingsfach, ihrem liebsten Ort in Wien – natürlich bei den Schwestern – und davon, dass ihnen Schnitzel und Kaiserschmarrn längst zum Lieblingsessen geworden sind. Besonders Polina, die 2022 erst vier Jahre alt war, denkt inzwischen auf Deutsch.

 

Auch beruflich hat sich viel getan: Maksym arbeitet seit vier Monaten als Reiniger und Techniker, Elena im klostereigenen Kindergarten – einmal pro Woche sogar gemeinsam mit Sr. Elisabeth. Aus Menschen, die besonders zu Beginn viel Unterstützung brauchten, wurden Menschen, die selbst Verantwortung übernehmen.

 

 

Heimat Ukraine oder Wien?

 

Mit der Sprache verbindet sich die Frage nach der Heimat. „Unsere Heimat ist die Ukraine“, sagt Maksym – dort leben seine Mutter, sein Schwiegervater und seine Freunde. Die Kinder sehen das anders: Sie haben hier ihre Freunde und möchten bleiben, erzählt Elena. Vor allem wünscht sie sich, dass ihre Kinder glücklich sind und dass sie sich hier zusammen ein Leben aufbauen können. Das nächste klare Ziel der Familie ist die Rot-Weiß-Rot-Karte.

 

Können sich ein Leben ohne die Schwestern nicht mehr vorstellen: Elena und Maksym Netrylov sind dankbar für alles, was die Schwestern für sie getan haben.

Können sich ein Leben ohne die Schwestern nicht mehr vorstellen: Elena und Maksym Netrylov sind dankbar für alles, was die Schwestern für sie getan haben. © ÖOK/emw

 

Nächster Schritt: Eigene Wohnung

 

Über die Pfarre hat sich eine eigene Wohnung für die Familie aufgetan – nicht, weil die Schwestern sie loswerden wollen, sondern weil die Wohnung vor allem den Eltern nach vier Jahren auf engstem Raum ein Stück Privatsphäre zurückgeben soll. Die neue Wohnung liegt in derselben Straße. Ganz ohne die Schwestern, sagt Elena, könne sie sich ihr weiteres Leben ohnehin nicht vorstellen.

 

In den vergangenen vier Jahren sind sie zu einer großen Familie zusammengewachsen. Jeder und jede hat eine Aufgabe: Der Opa holt die Mädchen von der Schule ab, die Oma kocht besonders gerne am Sonntag (auch wenn es einen Radl-Dienst mit den Schwestern gibt), Maksim und Elena helfen mit – und auch die Mädchen packen an, wo sie können.

Es ist der Familie ein Anliegen, den Schwestern etwas zurückzugeben. „Sie haben so viel gemacht für uns“, sagt Maksym und nennt sie liebevoll seine „österreichischen Mütter“.

Sr. Elisabeth ist darüber sichtlich gerührt. Dann sagt sie, genau das sei es ja, was Schwester-Sein für sie bedeute: anderen Leben zu ermöglichen.

 

Wer hören möchte, wie sich das in echten Stimmen anhört – im noch etwas holprigen Deutsch von Maksym und Elena, in den fröhlichen Stimmen der Kinder und in den Erinnerungen von Sr. Elisabeth –, findet die ganze Folge von „Orden on Air“ auf ordensgemeinschaften.at oder überall, wo es Podcasts gibt.

 

 

„Orden on air“ – der Podcast der Ordensgemeinschaften Österreich

 

Das Medienbüro der Ordensgemeinschaften Österreich hat im März 2022 den Podcast Orden on air ins Leben gerufen. Der Titel ist Programm: Ordensfrauen und -männer kommen vor den Vorhang – und vor das Mikrofon. Ziel ist es, Persönlichkeiten vorzustellen, Einblicke in das Leben von Ordensgemeinschaften zu geben und das Engagement von Ordensleuten in vielfältigen Bereichen sichtbar zu machen. Der Podcast ist überall zu hören, wo es Podcasts gibt.

 

Medienbüro Ordensgemeinschaften Österreich

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