„Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus“: Gedenkfeier in Mauthausen
Die Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen, organisiert vom Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) in Zusammenarbeit mit dem Comité International de Mauthausen (CIM) und der Österreichischen Lagergemmeinschaft (ÖLM), ist die größte Gedenkveranstaltung dieser Art in Europa. 2026 stand sie ganz im Zeichen des gemeinsamen Erinnerns und Mahnens. Gemeinsam mit Zeitzeug:innen wie Lucy Waldstein und Katja Sturm-Schnabl, internationalen Delegationen und zahlreichen Jugendlichen wurde im Rahmen eines Gedenkzugs an die Befreiung des Konzentrationslagers am 5. Mai 1945 und an dessen Opfer erinnert.

Gedenkzug am ehemaligen Appellplatz. © Martin Jordan
Willi Mernyi: „Erinnerung darf nicht bei den Opfern stehen bleiben."
Mit dem Themenschwerpunkt „Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus“ wurde der Blick bewusst auf jene gelenkt, die durch aktives Handeln, Mitwirkung oder Wegsehen zur Umsetzung und Aufrechterhaltung des nationalsozialistischen Terrorsystems beigetragen haben. Ziel war es, die gesellschaftlichen und individuellen Mechanismen sichtbar zu machen, die Verbrechen ermöglicht haben – und daraus Lehren für die Gegenwart abzuleiten.„Erinnerung darf nicht bei den Opfern stehen bleiben. Wir müssen auch verstehen, wie Täterinnen und Täter handeln konnten – und welche Strukturen das ermöglicht haben. Nur so können wir verhindern, dass sich Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalt wiederholen“, betonte Willi Mernyi, der Vorsitzende des MKÖ.

Der Wiener orhodoxe Bischofsvikar Ioannis Nikolitsis, die evangelische Bischöfin Cornelia Richter und der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer beim ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle der Gedenkstätte © Samuel Haijes
Bischof Scheuer: „Monster" weniger gefährlich als Mitläufer
Eröffnet wurde die Feier traditionellerweise mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle der Gedenkstätte mit Bischof Manfred Scheuer, der evangelischen Bischöfin Cornelia Richter und dem Wiener orthodoxen Bischofsvikar Ioannis Nikolitsis. Bischof Scheuer wies dabei auf die Gefahren des Mitläufertums hin: „Monster gibt es, aber es sind zu wenige, um eine echte Gefahr darzustellen", zitierte er den italienischen Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Gefährlicher seien „gewöhnliche Menschen, Funktionäre, die bereit sind, zu glauben und zu handeln, ohne Fragen zu stellen".
Von Hannah Arendt stamme das Wort von der „Banalität des Bösen", so Scheuer weiter: „Es sollte die Durchschnittlichkeit des Täters bezeichnen und nahe legen zu sagen: Die große Masse war nicht besser als Eichmann." Die jüdische Philosophin habe damit den Sachverhalt des moralisch durchschnittlichen Schreibtischtäters benannt, der kein Unrechtsbewusstsein aufzubringen vermochte. In einer technisierten und bürokratisierten Welt seien der Völkermord und die Ausrottung „überflüssig" erscheinender Bevölkerungsgruppen „geräuschlos und ohne moralische Empörung der Öffentlichkeit" zur Gewohnheit geworden, erinnerte der Bischof.
Und er stellte die Frage, wie ein sittliches Bewusstsein auf ein solch niedriges Niveau hinabgezogen werden könne, wie Abwehrkräfte dagegen gemindert werden. Eine Antwort darauf habe der von den Nazis ermordete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer versucht: „Der tyrannische Menschenverächter macht sich das Gemeine des menschlichen Herzens leicht zunutze, indem er es nährt und ihm andere Namen gibt: Angst nennt er Verantwortung, Gier heißt Strebsamkeit, Unselbständigkeit wird zur Solidarität, Brutalität zum Herrentum." Unter den heiligsten Beteuerungen der Menschenliebe treibe die niedrigste Menschenverachtung ihr finsteres Geschäft, so Bonhoeffer. Die verbleibende kleine Zahl der Aufrechten werde mit Schmutz beworfen.
Gedenken heiße nicht, sich automatisch auf die richtige Seite zu stellen, wies Bischof Scheuer hin. Erinnerung sei mehr als Rückblick: „Sie verlangt, sich nicht vorschnell als „die Guten" zu sehen, sondern die eigene Verantwortung ernst zu nehmen." Und: Gedenken sei nicht bequem, vielmehr verbunden mit Trauer, Scham, dem Eingeständnis von Schuld, mit der Bereitschaft zur Veränderung, Menschlichkeit und mit Willen zu lernen. "Gedenken fordert uns heraus", betonte Scheuer. „Nicht nur zu erinnern – sondern aufmerksam zu bleiben."
Gesamte Predigt Bischof Manfred Scheuer
Die musikalische Gestaltung des ökumenischen Gottesdienstes lag beim Chor „Musica Viva" der Pfarre Mauthausen unter der Leitung von Alfred Hochedlinger.
Die offizielle Befreiungsfeier startete im Anschluss um 11 Uhr mit einer mehrsprachigen, virtuellen Verlesung des „Mauthausen-Schwurs“. Danach richtete Mernyi seine Begrüßungsworte an die Teilnehmer:innen vor Ort sowie an das internationale Publikum vor den Bildschirmen. Für musikalische Untermalung sorgten die Meira Mandlburger Connection und die Oberösterreichische Militärmusik.
130 Delegationen legten Kränze nieder
An der Feier nahmen auch eine Reihe von Vertreter:innen der Kirchen und Religionsgemeinschaften teil, von katholischer Seite u. a. eine Delegation der Katholischen Aktion und zahlreiche Engagierte aus der Katholischen Jugend und der Katholischen Jungschar. Hunderte junge Menschen gestalteten eine Jugendkundgebung im ehemaligen Steinbruch des Konzentrationslagers. (Bericht Katholische Jugend) Im Rahmen des Gedenkens legten rund 130 internationale Delegationen Kränze nieder.

Rund 130 internationale Delegationen legten Kränze und Blumen nieder. © Samuel Haijes
Redebeiträge von Vertreter:innen des MKÖ und des Präsidenten des Comité International de Mauthausen Guy Dockendorf unterstrichen die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur. Moderiert wurde die Befreiungsfeier erneut mehrsprachig von Konstanze Breitebner und Mercedes Echerer, die dabei erstmalig von Gebärdensprachdolmetscherinnen begleitet wurden. Die österreichische Politik war vertretern durch u. a. Landeshauptmann Thomas Stelzer, Vizekanzler Andreas Babler und die Mininster:innen Gerhard Karner, Eva-Maria Holzleitner, Korinna Schumann, Josef Schellhorn und Norbert Totschnig sowie Staatssekretär Alexander Pröll.

V. l.: Ministerin Korinna Schumann, Staatssekretär Alexander Pröll, Ministerin Eva-Maria Holzleitner, Minister Gerhard Karner, Vizekanzler Andreas Babler und Landeshauptmann Thomas Stelzer © Samuel Haijes
Der Gedenkzug endete symbolisch mit dem Auszug aus dem ehemaligen Schutzhaftlager – als Zeichen der Befreiung der KZ-Häftlinge im Jahr 1945. Im Anschluss bestand die Möglichkeit zum individuellen, stillen Gedenken.
Gedenkfeier im ehemaligen KZ-Außenlagern
Bereits am Samstag, 9. Mai 2026, fanden in den ehemaligen Außenlagern Gusen, Ebensee und Gunskirchen Gedenkveranstaltungen statt. Jene in Gusen in der Gemeinde Langenstein wurde von der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und dem Gedenkdienstkomitee Gusen veranstaltet. Am ehemaligen Appellplatz trafen sich nationale und internationale Gruppierungen, um der Opfer zu gedenken. Im Zentrum der Veranstaltung standen deren Redenbeiträge, welche die Vielfalt der Erinnerung und die weltweite Bedeutung des Gedenkens widerspiegelten. Sie standen unter dem gemeinsamen Motto „We stand together" und behandelten Themen wie gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidarität. Die Beiträge unterstrichen auch die Bedeutung des Ortes Gusen als Teil des KZ-Systems Mauthausen und die Notwendigkeit, dessen Geschichte sichtbar zu halten. „Wir alle haben es in der Hand, Gusen lebendig zu machen“, so Barbara Glück, Direktorin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen.
Ein gemeinsamer Trauerzug führte die rund 1000 Teilnehmer:innen zum Memorial de Gusen, wo die Feier mit einer Kranzniederlegung endete
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© Samuel Haijes
Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ)
Katholische Jugend Oberösterreich
Katholische Aktion Oberösterreich







