Freitag 8. Mai 2026

Im Dialog mit Bolivien: Wie (Über)Konsum Lebensgrundlagen bedroht

Mit Bolivien im Dialog“ war der Titel einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, die in Kooperation mit Welthaus der Diözese Linz, dem Verein Frauen im Trend/MUTmacherinnen und dem Bolivianischen Konsulat am 6. Mai 2026 an der Katholischen Privat-Universität Linz stattfand.

Zu Gast waren Anthropologin Alicia Cuiza Churqui und Agraringenieurin Erika Rojas. Sie gaben Einblicke in ihre Arbeit mit indigenen Gemeinschaften in Bolivien: Wie begegnen insbesondere Frauen den Herausforderungen von Umweltzerstörung, Klimawandel und ökosozialer Krise? Und welche alternativen Wege eröffnen dabei die reichen Traditionen indigener Kulturen?

 

Podiumsdiskussion

v.l.: Podiumsdiskussion (von links): Alicia Cuiza Churqui, Mag. Lorna Zamora Robles (Welthaus der Diözese Linz), Erika Rojas, Mag. Hermine Eder (KU Linz, Moderation), Ass.-Prof.in Dr.in Katja Winkler, Teamleiter Thomas Bananik (Welthaus der Diözese Linz), Honorarkonsulin Cecilia Baldivieso de Witzany (Konsulat des Plurinationalen Staates Bolivien). / © KU Linz/Kathrin Haselgrübler

 

 

„Wir treffen in unserer Welt jeden Tag auf Bolivien“ – mit dieser scheinbar paradoxen Feststellung eröffnete Hermine Eder, Vorstandsmitglied der MUTmacherinnen und Leiterin der Abteilung PR & Kommunikation an der KU Linz, den Abend, durch den sie als Moderatorin führte. Denn in Smartphones und Computern, in Solaranlagen und Akkusystemen finde sich Lithium, das in Bolivien abgebaut werde. Was Rohstoffgewinnung, Klimawandel und wirtschaftlicher Druck für indigene und ländliche Gemeinschaften in Bolivien ganz konkret bedeutet und welche Rolle vor allem Frauen bei der tagtäglichen Bewältigung der Folgen spielen, konnte im Rahmen des Welthaus-Projekts „Begegnung mit Gästen“ unmittelbar erfahren werden. Im lebendigen Dialog Zusammenhänge sichtbar zu machen und Bewusstsein zu schaffen, sei das Ziel der Projektreihe, so Thomas Banasik, Teamleiter von Welthaus der Diözese Linz: „Denn Veränderung beginnt mit Begegnung.“ Als wissenschaftliche Einrichtung, die sich in ihren Forschungen namentlich den Transformationsprozessen der Gegenwart widme, sei die KU Linz ein idealer Ort für einen solchen Dialog, unterstrich Rektor Universitätsprofessor Michael Fuchs in seinem Grußwort.

 

Im Dialog mit Bolivien

Duo AlpAndes: Anna Antensteiner, Helmut Herglotz. / © KU Linz/Kathrin Haselgrübler

 

 

Mit einem Rundgang durch Geschichte, Geografie und Kultur Boliviens verlieh Honorarkonsulin Cecilia Baldivieso de Witzany, seit über 40 Jahren Brückenbauerin zwischen den Kontinenten, dem Land Profil und Charakter. Im Spiegel der Präsidentschaft von Evo Morales (2006–2019), die in Bezug auf die Rechte Indigener, die Wertschätzung der Andinen Kosmovision und des Konzepts des harmonischen „buen vivir“ („gut leben“) – das auch das Geschlechterverhältnis einschließt – einen Wendepunkt darstellt, zeigte sie die Entwicklung zum heutigen, im Selbstverständnis plurinationalen Staat Bolivien. Trotz aktuell massiver wirtschaftlicher Probleme gebe es auch Lichtblicke: So mache die Bildungsinitiative bei Mädchen und Frauen große Fortschritte, nicht zuletzt auch an Universitäten.

 

 

Stimmen aus Bolivien: Kulturen am ökologischen Abgrund

 

Anthropologin und Psychologin Alicia Cuiza Churqui berichtete von ihrer Arbeit im „Centro de Ecología y Pueblos Andinos“ (CEPA) in der Region des Poopó-Sees. Seine Verschmutzung durch den Bergbau und die nahezu vollständige Austrocknung durch industrielle Wasserentnahme und stark zurückgehende Niederschlagsmengen entzieht den indigenen Gemeinschaften die Lebensgrundlage. Beispielhaft ist die Situation der Uru: Umweltzerstörung und Arbeitsmigration lassen ganze Sozialgefüge zerbrechen, deren Aufrechterhaltung fast vollständig auf Frauen lastet. Mit diesen gemeinsam werden Strategien wie nachhaltige und bedachtsame Ressourcennutzung entwickelt; die Vermittlung indigenen Kunsthandwerks bietet zugleich Einkommensquelle und Identitätsperspektive. Eindringlich wandte sich Cuiza Churqui aber gegen romantisierende Bilder: „Angesichts der Verletzung der Rechte auf Leben, auf Wasser, auf Land sind das nicht einfach Alternativen, die ergriffen werden – es sind schlicht Überlebensstrategien.“

 

Im Dialog mit Bolivien

Alicia Cuiza Churqui, Rektor Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs (KU Linz), Mag. Hermine Eder (KU Linz), Erika Rojas, Honorarkonsulin Cecilia Baldivieso de Witzany (Konsulat des Plurinationalen Staates Bolivien), Daniela Hufnagl, PM.ME (Präsidentin Verein Frauen im Trend/MUTmacherinnen). / © KU Linz/Kathrin Haselgrübler

 

 

In die Lebenswelt des bolivianischen Hochlands führte Agraringenieurin Erika Rojas bei der Vorstellung der Arbeit des „Centro de Investigación y Promoción del Campesinado“ (CIPCA). Am Verschwinden des Chacaltaya-Gletschers machte sie die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels fest, mit denen die Kultur u.a. der Kallawaya konfrontiert ist: Dürren, die nicht nur die Flora betreffen, sondern Nutztierherden im Jahresverlauf um die Hälfte reduzieren, Hagel und andere Extremwetterereignisse. Insbesondere die Gefährdung des Wasserhaushalts der Anden sei eine existenzielle Bedrohung, die zugleich einen kulturellen und spirituellen Bruch bedeute. Rojas wollte die Arbeit des CIPCA mit Frauen vor Ort daher nicht nur als Resilienz verstanden wissen: Es seien Verteidigungsprozesse einer ganzen Kultur, wenn aktives Wassermanagement betrieben, nachhaltige Landwirtschaft gefördert oder Kenntnisse im gemeinschaftlichen Umweltgovernance vermittelt werden. Ein entscheidender Punkt dieses Empowerments sei Bildung.

 

 

Diskurs und Reflexion: Verantwortung zum Handeln

 

Nach der ökosozialen Ethik in einer multipolaren Welt fragte Assistenzprofessorin Katja Winkler vom Institut für Christliche Sozialwissenschaften der KU Linz in einem kritischen Impuls: Wie gehen wir mit dem Befund um, dass die, die am wenigsten zerstören, am meisten leiden? Es zeige sich, dass das Solidaritäts- und Verursacherprinzip bzw. Konzepte einer Gemeinhaftung nur sehr schleppend in international verbindliche rechtliche Ansprüche überführt werden und auch Instrumente wie der „Green Climate Fund“ der UNO nur bedingt wirksam seien. Zudem offenbare sich der Globale Norden in vielfacher Weise als „Externalisierungsgesellschaft“: Ein ganzes Bündel von Mechanismen sorge dafür, dass die Folgen eines durch Machtverhältnisse und ungleiche ökologische und ökonomische Prozesse gekennzeichneten Systems ausgeblendet, gerechtfertigt oder an NGOs, gemeinnützige Projekte und kirchliche Initiativen ausgelagert werden. Ein tiefgreifender Wandel erfordere jedoch, den Diskurs und das verantwortungsvolle Handeln von den Rändern in die Mitte aller Gesellschaften zu bringen – und dabei das eigene Tun stets kritisch zu reflektieren.

 

Im Dialog mit Bolivien

Mag. Lorna Zamora Robles (Welthaus der Diözese Linz), Erika Rojas, Alicia Cuiza Churqui, Honorarkonsulin Cecilia Baldivieso de Witzany (Konsulat des Plurinationalen Staates Bolivien), Teamleiter Thomas Bananik (Welthaus der Diözese Linz), Mag. Hermine Eder (KU Linz). / © KU Linz/Kathrin Haselgrübler

 

 

Dies war auch ein Fazit der abschließenden Diskussionsrunde, in der Alicia Cuiza Churqui und Erika Rojas noch einmal und mit eindringlichen Worten die Lebensrealität in Bolivien nachzeichneten. Gerade auch im Globalen Norden braucht es ein breites gesellschaftliches Bewusstsein, das zu konkretem ökologischem und ökonomischem Handeln im Rahmen verbindlicher Regeln und Normen führt – denn, wie Cuiza Churqui nachdrücklich formulierte: „Wir leben in einem gemeinsamen Haus, das wir nur gemeinsam bewahren können.“

 

Die Beiträge der bolivianischen Referentinnen wurden von Anna Antensteiner live übersetzt, die als Teil des Duos AlpAndes mit Helmut Herglotz auch für die musikalische Gestaltung des Abends sorgte. Die simultane Übersetzung der deutschen Redebeiträge ins Spanische besorgte Lorna Zamora Robles, Referentin bei Welthaus der Diözese Linz.

 

 

 

KU Linz - Hermine Eder

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