Monday 24. January 2022

Sehnsuchtsweg zur Krippe

Stern, der den Weg zur Krippe weist

Weihnachts-Gedanken von Bischof Scheuer am 24. Dezember 2021 im ORF OÖ über das Wunder des Lebens und die weihnachtliche Sehnsucht.

Die Umstände der Geburt Jesu waren genau betrachtet erbärmlich. Um das zu veranschaulichen, hatte der heilige Franz von Assisi 1223 die Idee, die Geburtsszene von Bethlehem nachzustellen. „Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen.“ Er wählte eine Felshöhle in Greccio aus, die als Stall benutzt wurde; ein Säugling lag in einer strohbedeckten Futterkrippe, ein Esel und ein Ochse standen an der Seite. Die uns allen so vertraute Ausstattung der Weihnachtskrippen hat hier ihr Vorbild. Was man in den Nachbildungen aber nicht umzusetzen vermag, ist der Gestank, ist die mangelnde Hygiene, ist der Dreck. Gott war sich nicht zu schade für diese Zustände. Gott ist kein Gott der Perfekten und Vollkommenen. Gott ist ein Gott, der die menschliche Realität am eigenen Leib kennenlernte.

 

Die vergangenen Wochen waren nicht einfach. Viele Intensivstationen, überlastetes Gesundheitspersonal. Verschobene Operationen. Viele Menschen sind an Covid19 gestorben. Auch am heurigen Weihnachtsfest können wir nicht zurückschauen auf diese Pandemie. Sie ist weiterhin Teil unseres Alltags und viele leiden unter dieser Situation. Das Leichte, das uns an Weihnachten in all den Jahren davor umfangen hat – ist es verloren gegangen? Ist die weihnachtliche Fröhlichkeit gemeinsam mit den abgesagten Adventmärkten flöten gegangen? Dieser Advent hat uns die Zerbrechlichkeit, aber auch die Kostbarkeit des Lebens vor Augen geführt. Das Wunder des Lebens erlaubt es uns nicht, damit zu spielen oder ein menschliches Leben höher zu bewerten als ein anderes. Der Schutz des Lebens, die Solidarität, das Aufeinanderschauen, die Annahme von Freiheitsbeschränkungen oder auch die Impfung als Eigenschutz und als Schutz vor besonders gefährdeten Personengruppen und der Gesamtbevölkerung haben Priorität.

 

Gerade die Botschaft von Weihnachten bringt diese Bedeutung des Lebens auf den Punkt. Mit der Geburt Jesu bejaht Gott das menschliche Leben von Anfang an – ungeachtet von Herkunft und sozialem Status, er macht sich gleich mit denen, die besonders Hilfe bedürfen. Unsere Krippen haben aus gutem Grund keinen Palast, keine Burg oder ein stattliches Anwesen im Zentrum. Im Mittelpunkt steht die Bedürftigkeit, die Ausgesetztheit und die Armut. Weihnachten ist ein Fest, das unsere Sehnsucht nach Menschlichkeit, nach unbedingter Annahme ausdrückt. Nicht umsonst ist es ein Fest, wo wir alle die wir lieben, um uns haben wollen, sie beschenken wollen. Weihnachten lädt uns ein, Freundinnen und Freunde des Lebens zu werden, dass wir Lebensräume schaffen, in denen andere ein Ja zum Leben sagen können.

 

Den Weg auf Weihnachten kann man so als Sehnsuchtsweg zur Krippe hin verstehen. Es ist eine Sehnsucht da, dass unsere Lebensfreude und unsere Hoffnung wachsen möge, dass die Begegnung mit dem Gotteskind in der Krippe unser menschliches Schlamassel heil machen kann. Der Weg zur Krippe kann eine tiefe Sehnsucht entfachen, dass es Versöhnung und Gerechtigkeit gibt, ein endgültiges Gelingen und Gutwerden des Lebens. Das ist die Botschaft von Weihnachten. Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest!

 

Bischof Manfred Scheuer

 

ORF-Ansprache zum Download

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