Tuesday 2. March 2021

Kinder am Friedhof

„Der Opa schläft nicht, er ist gestorben und liegt am Friedhof begraben.“ Kinder vertragen die Wahrheit des Todes. Am 18. Oktober 2019 lud der Linzer St. Barbara Friedhof zum ersten Vortrag einer neuartigen Reihe zum Thema „Kinder am Friedhof“. 

Die Expertin Mag.a Verena Brunnbauer gab dabei praxisbezogene Umsetzungstipps zur altersadäquaten Begleitung von Kindern und stellte sich dialogisch den Fragen der Interessierten.  
 

Kinder entwickeln erst ihr Todeskonzept

 

Kinder spüren Gefühle wie Trauer schon im Bauch der Mutter. Die Kleinen haben aber kein entwickeltes Zeitgefühl. Mag.a Verena Brunnbauer rät, den Tod direkt anzusprechen. „Der Opa schläft nicht, er ist gestorben“, denn sonst könnten falsche Erwartungen und Ängste entstehen.   
Kleinkinder unter drei Jahren haben noch keine Vorstellung vom Tod. Im Kindergartenalter wird der Tod als Zustand begriffen, der vorübergehen ist und sich wieder verändern kann. Stirbt ein Haustier, kann da schon mal eine Frage wie „Hat der Hase in der Erde noch genug zu essen?“ die Folge sein. Hier sind ehrliche Antworten, keine Metaphern gefragt. Im Volksschulalter begreifen Kinder allmählich die Endgültigkeit des Todes. Sie beginnen Fragen zu stellen. Aber erst in der Pubertät ist der Tod wirklich zu einem Teil des Weltbildes geworden und ein Bewusstsein dafür entstanden, dass alle Menschen sterben müssen.  
 

Das Vorbild zählt

 

So wie Erwachsene Kindern in ihrer Umgebung den Umgang mit dem Tod vorleben, so nehmen sie diese Erfahrungen auch mit, erklärte die Expertin. Trauererfahrungen der Kindheit sind prägend für das Leben - inklusive den Reaktionen der erwachsenen Umgebung.  

 

Der beste Zeitpunkt, um mit Kindern über den Tod zu sprechen

 

Ein aktueller Trauerfall in der Familie oder in der Umgebung ist eine Stresssituation. Besser wäre es zwischendurch mit Kindern den Tod zum Thema zu machen. Der 
Erinnerungsort Friedhof kann dabei eine besondere Rolle spielen. Oft sind auch tote Tiere – vom Haustier bis zum verendeten Vogel in der Natur – ein Anlass den Tod mit Kindern zum Thema zu machen.  

 

Kindliche „Pfützentrauer“ und hilfreiche kleine Rituale

 

Kinder trauern anders als Erwachsene. „Kinder springen in die Pfützen der Trauer hinein und gleich wieder hinaus“, erläuterte Mag.a Verena Brunnbauer. Erwachsene sind in der Lage, sich in Worten auszudrücken. Kinder haben andere Ausdrucksformen. 

 

Kinder am Friedhof

Hilfreich sind für Kinder in der Trauerbewältigung kleine Rituale, z.B. das Mithelfen bei der Grapflege am Friedhof. Foto CC0 pixabay.com


Hilfreich sind für Kinder in der Trauerbewältigung kleine Rituale, z.B. das Mithelfen bei der Grapflege am Friedhof oder das gemeinsame Entzünden einer Kerze. Es ist wichtig, selbst etwas tun zu können. Zuhause kann man ein Bild malen oder einen Brief schreiben und das den verstorbenen Großeltern ans Grab mitbringen. Egal ob Blume, Kerze, Stein oder Muschel – man sollte mit Kindern die Auswahl der auf den Friedhof mitgebrachten Gegenstände besprechen und sie ihre eigenen Ausdrucksformen finden lassen.  

 

Der Friedhof als Lebensort – genauso für Kinder

 

Auch Kinder gehen durchaus gerne auf einen Friedhof, um Ruhe zu finden. Der St. Barbara Friedhof, die größte Grünfläche in der Linzer Innenstadt, lädt auch immer wieder viele Eltern ein zum Spazierengehen mit ihren Kindern. Hier kann gemeinsam der Naturraum Friedhof entdeckt werden: verschiedene Bäume und Sträucher, Vögel und ihre Nistplätze, Hasen, Eichhörnen und verschiedene Insekten. Es gibt sogar Bienenstöcke und „Barbara-Honig“ zu kaufen. Größere Kinder können mittels QR-Codes am Smartphone die Lebensgeschichten vom prominenten Verstorbenen erkunden (https://www.friedhofsfuehrer.at/st-barbara-friedhof-linz/) oder die ehemalige Haltestelle der Pferdeeisenbahn aufsuchen.  
 
Besonders der Wandel der Jahreszeiten am Friedhof lädt ein, das Werden und Vergehen mit Kindern zum Thema zu machen. Wenn die Frage nach Vampiren oder Zombies am Friedhof kommt, ist es am besten Kindern diesen Ort zu zeigen und ihnen zu vermitteln, dass es ein „normaler“ Ort ist. 

 

Trauer und kindliche Lebendigkeit

 

Kinder dürfen am Friedhof traurig sein, aber auch lachen und spielen. Kinder verstehen durchaus, dass sie Rücksicht nehmen sollen, wenn jemand anderer gerade traurig ist. Umgekehrt ist es so, dass aktuell Trauernde durch das Sehen von Kindern am Friedhof ermutigt werden können, das Leben und die Lebendigkeit zu sehen und wieder nach vorwärts zu denken. 
 
Immer geht es darum, Kindern keine Angst zu machen. Kinder brauchen die Erinnerungen an Verstorbene. Bei lustigen Erinnerungen an Verstorbene kann man nicht traurig sein – und diese sollen genauso Platz haben. Beim Erleben von Trauer geht um Schutz, Sicherheit und Bindung für das Kind, so die Expertin Mag.a Verena Brunnbauer. Man sollte sich bewusst machen, dass Trauern nicht das Problem ist, sondern Trauern die Lösung ist – das gilt für Erwachsene wie für Kinder.  
 
Die Referentin 
 
Mag.a Verena Brunnbauer ist ehemalige Bestatterin, ausgebildete Trauerbegleiterin, Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin, systemischer Coach, Freizeitpädagogin und Humorberaterin. 

 

Die Referentin Mag.a Verena Brunnbauer

Mag.a Verena Brunnbauer ist ehemalige Bestatterin, ausgebildete Trauerbegleiterin. Foto (c) Clemens Frauscher.

 

Weitere Veranstaltung der Reihe  
 
„Wann kommt die Oma denn wieder?“ – Kinder bei der Abschiedsfeier Vortrag mit Mag. Martin Dobretsberger, Geschäftsführer des Bestattungsinstituts Dobretsberger, Landesinnungsmeister der Bestatter, 2-facher Vater, langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Kindern bei der Katholischen Jungschar. 
 
Freitag, 15. November 2019, 17.00 Uhr St. Barbara Friedhof, Friedhofstr. 1, 4020 Linz 
 
Die Veranstaltungsreihe findet in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk – SPIEGEL Elternbildung statt. 
 

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