Tuesday 2. March 2021

Priester aus anderen Ländern in der Diözese Linz: „Es braucht ein Loslassen und Sich-neu-Einlassen“

V. l. Generaldechant Dr. Slawomir Dadas, Mag. Maximus Oge Nwolisa, Dr. Paulinus Anaedu und Dr. Martin Füreder.

Etwa 20 Prozent der Priester in der Diözese Linz sind keine gebürtigen Österreicher. Welche Maßnahmen die Diözese Linz für eine gute Integration dieser Priester setzt, wurde am 21. Juni 2018 bei einer Pressekonferenz in Linz präsentiert.

Am 29. Juni 2018 werden im Linzer Mariendom zwei Männer zum Priester geweiht. Beide kommen nicht aus Österreich, sondern werden für ihre Heimatdiözese in Nigeria geweiht und vermutlich irgendwann wieder dorthin zurückkehren. Francis Chiduluo Abanobi und Maximus Oge Nwolisa bilden eine personelle Realität ab: Über 130 der rund 600 Priester der Diözese Linz stammen aus anderen Ländern, hauptsächlich aus Polen (51 Priester), aus Afrika (27 Priester) und aus Deutschland (17 Priester). Im Jahr 2017 waren 67 „Ferienkapläne“ in 78 oö. Pfarren bzw. Krankenhäusern tätig.

 

Bei der Pressekonferenz des OÖ. Journalistenforums am 21. Juni 2018 im OÖ. Presseclub in Linz erläuterten der Personalverantwortliche für Priester und Diakone und drei aus dem Ausland stammende Priester bzw. Priesteranwärter (Maximus Oge Nwolisa wird in einer Woche geweiht) Vorteile und Herausforderungen, die sich aus dieser Situation für die Betroffenen, die Pfarren und die Diözese als Dienstgeberin ergeben.

 

V. l.: Mag. Maximus Oge Nwolisa, Generaldechant Dr. Slawomir Dadas, Moderator Mag. Matthäus Fellinger, Dr. Martin Füreder und Dr. Paulinus Anaedu.

V. l.: Mag. Maximus Oge Nwolisa, Generaldechant Dr. Slawomir Dadas, Moderator Mag. Matthäus Fellinger, Dr. Martin Füreder und Dr. Paulinus Anaedu. © Diözese Linz

 

„Es ist hilfreich, wenn mehrere ausländische Priester aus der gleichen Diözese kommen“

 

Dr. Martin Füreder, Leiter der Abteilung Priester und Diakone und Pfarrmoderator in Linz-St. Konrad, erklärte zunächst die Veränderungen, die sich bei den Herkunftsländern ausländischer Priester ergeben haben: Waren es früher vor allem Priester aus kommunistischen Ländern, die den Weg nach Österreich suchten, sind es derzeit vor allem Priester aus Afrika, die in die Diözese Linz kommen. Sie werden von ihren Heimatbischöfen nach Österreich geschickt und absolvieren hier meist auch ein Spezialstudium. Mit den Heimatbischöfen ist vereinbart, dass sie für einige Jahre in Österreich bleiben. Füreder: „Grundsätzlich sollen sie aber ihre Erfahrungen aus Europa in ihre Heimat einbringen.“ Insgesamt gebe es mehr Anfragen aus dem Ausland als Zusagen von der Diözese Linz, so der Personalverantwortliche. „Aufgrund der ersten Kontakte mit Diözesen in Nigeria und Uganda und mit einem indischen Orden, der in Steyr-Tabor eine Niederlassung hat, bevorzugen wir Priester bzw. Seminaristen von dort. Unsere Erfahrung ist: Es ist hilfreich, wenn mehrere ausländische Priester aus der gleichen Diözese kommen. Die Diözesen sprechen sich gut untereinander ab – schließlich wollen wir nicht ‚Problemfälle‘ von einer Diözese in eine andere übernehmen.“

 

Bevor sie in der Seelsorge arbeiten, absolvieren ausländische Priester einen speziellen Einführungskurs, der kontinuierlich evaluiert und adaptiert wird und der aus mehreren Phasen besteht. Dabei spielt der Spracherwerb eine wesentliche Rolle, wie Füreder erläuterte: „Haben die Priester in ihrer Heimat schon eine A2-Deutschprüfung gemacht, wohnen sie die ersten Monate im Linzer Priesterseminar oder in einem Kloster und machen in dieser Zeit die B1- und B2-Sprachkurse im BFI Linz. Wenn sie diese Prüfung bestanden haben und selbst Gottesdienste halten können, wechseln sie in eine Pfarre, um dort erste Erfahrungen in der Seelsorge zu machen. Ein Jahr lang nehmen sie am Einführungskurs teil und reflektieren dort ihre pastoralen Erfahrungen aus der Pfarre bzw. aus zusätzlichen Praktikumseinsätzen, etwa in Jugendzentren, Seniorenheimen oder Bildungshäusern. Im zweiten Jahr nehmen sie gemeinsam mit Priesteramtskandidaten und angehenden PastoralassistentInnen am Pastorallehrgang an der Katholischen Privat-Universität Linz teil. Danach sind sie wie andere Priester auch verpflichtet, Fortbildungsseminare zu besuchen.“ Darüber hinaus werden für ausländische Priester spezielle Seminare angeboten, etwa zu gesellschaftlichen Fragen, zum Verhältnis zwischen Islam und Christentum oder zum besseren Verstehen des oberösterreichischen Dialekts. Übernehmen ausländische Priester die Leitung einer Pfarre ist die C1-Sprachprüfung Voraussetzung.

 

Füreders Fazit: „Priester aus anderen Ländern sind kein Allheilmittel, um die personelle Situation aufzufangen, aber eine Erleichterung. Für die Diözese Linz bedeutet es gleichzeitig eine Anstrengung, diese Priester sprachlich, kulturell und pastoral gut zu integrieren. Wir führen auch viele Gespräche in den Pfarren, um die Situation zu erklären.“

 

Dr. Martin Füreder

Dr. Martin Füreder, Personalverantwortlicher für Priester und Diakone in der Diözese Linz. © Diözese Linz

 

„Entscheidend ist: Man muss die Menschen mögen“

 

Wie es Priestern geht, die aus dem Ausland nach Österreich kommen, schilderte Dr. Slawomir Dadas (53), Generaldechant der Diözese Linz, Pfarrer in Wels-Hl. Familie und gebürtiger Pole. Die Gründe, aus denen er vor 30 Jahren nach Österreich kam („Damals waren wir Polen noch Exoten!“), liegen „zwischen Idealismus und Wahnsinn“, wie er sich schmunzelnd erinnert. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes wurde Priestern in Polen sehr viel Wertschätzung entgegengebracht – „und ich dachte, das ist überall auf der Welt so“, blickt Dadas zurück. Die „sehr gute Atmosphäre im Priesterseminar“ mit damals 45 Seminaristen und „ein warmherziger Bischof und Generalvikar“ bestärkten Dadas darin, in Österreich zu bleiben. Für ihn ist eine Grundhaltung entscheidend: „Man muss die Menschen mögen – und zwar alle Menschen.“ Für die Menschen da zu sein und aus der christlichen Botschaft zu leben hat Dadas in schwierigen Zeiten Kraft gegeben.

 

Als Generaldechant weiß er, dass sich einige seiner Landsleute mit der Integration in Österreich schwertun: „Das höre ich von den Menschen aus den Pfarren und von den Dechanten. In diesen Fällen versuchen wir gemeinsam mit Martin Füreder eine Lösung zu finden.“ Wenn sich jemand nicht wohlfühle, könne er auch nicht gut arbeiten, ist Dadas überzeugt. Der Generaldechant stellt klar: „Wir brauchen keine zerknirschten Männer an der Front, die immer nur jammern. Sie sollen schließlich die Frohe Botschaft verkünden!“

 

Dr. Slawomir Dadas

Generaldechant Dr. Slawomir Dadas ist gebürtiger Pole und kam vor 30 Jahren nach Österreich. © Diözese Linz

 

„Irgendwann ist das ‚ausländische Gefühl‘ verschwunden“

 

Mag. Maximus Oge Nwolisa (33) wird am 29. Juni 2018 um 10 Uhr im Linzer Mariendom zum Priester für seine Heimatdiözese Awka in Nigeria geweiht. Nwolisa besuchte in Nigeria das Priesterseminar, absolvierte das Propädeutikum, studierte vier Jahre Philosophie und machte ein Praktikumsjahr, bevor er von seinem Heimatbischof 2011 nach Österreich geschickt wurde. Er studierte in Innsbruck Theologie und absolvierte sein Pastoraljahr in der Pfarre Perg. Am 9. Dezember 2017 wurde er im Mariendom zum Diakon geweiht. Er freut sich auf die Priesterweihe, seinem Dienst als Priester in der Diözese Linz blickt er optimistisch entgegen: „Alles ist eine Bereicherung, auch die Schwierigkeiten.“ Während seines Studiums in Innsbruck war er viel mit Studienkollegen und jungen Leuten unterwegs: „Ich weiß, was sie gerne machen und wie sie reden. Irgendwann ist das ‚ausländische Gefühl‘ verschwunden und ich habe nicht mehr daran gedacht, dass ich nicht aus Österreich komme.“

 

Mag. Maximus Oge Nwolisa und Generaldechant Dr. Slawomir Dadas.

Mag. Maximus Oge Nwolisa (33) stammt aus Nigeria und wird am 29. Juni zum Priester geweiht. © Diözese Linz

 

Sein Landsmann Dr. Paulinus Anaedu (50) war einer der ersten Afrikaner, die in die Diözese Linz kamen. Er war bereits acht Jahre Priester in seiner Heimat Nigeria, bevor er im Februar 2004 nach Österreich kam – mitten im Winter, wie er sich erinnert: „Das war der erste Schock. Der zweite Schock war die Sprache – ich hatte keine guten Deutschkenntnisse. Ich wohnte damals im Stift Lambach und bin von dort aus nach Salzburg gependelt, um Deutsch zu lernen. An der Universität konnte ich die Leute gut verstehen. Dann kam ich im August in die Pfarre Grieskirchen und verstand nichts, das war frustrierend. Im Oktober, als die Uni wieder begann, wurde mir klar, dass an der Uni Hochdeutsch gesprochen wird und in der Pfarre Mundart – das war eine Erleichterung.“ Anaedu ist Pfarradministrator in Hartkirchen, Haibach ob der Donau und Aschach an der Donau. Seine Erfahrung: „Die Leute bemühen sich sehr, Hochdeutsch zu sprechen – aber Emotionen sind auf Hochdeutsch nicht leicht auszudrücken, da verfallen die Menschen schnell wieder in die Mundart.“

 

Der Priester aus Nigeria ist sich dessen bewusst, dass sein Deutsch nie perfekt sein wird: „Wenn ich spreche, weiß man, ich bin Ausländer – aber so bin ich, das kann ich nicht ändern.“ Integration bedeutet für ihn, dass „sich jeder an den anderen gewöhnen muss: ich an die Österreicher und sie sich an mich“. Menschen, die ihn öfter hören, verstehen ihn gut, weil ihnen seine Aussprache vertraut ist. Schwieriger sind „einmalige“ Begegnungen wie bei Hochzeiten, Begräbnissen oder Taufen. Einmal erlebte Anaedu, dass eine Familie ihn als Priester beim Begräbnis nicht haben wollte. „Manche wollen aber wieder genau mich für eine Taufe oder Hochzeit – es gibt einfach beides“, reagiert Anaedu gelassen.

 

Dr. Paulinus Anaedu.

Dr. Paulinus Anaedu (50) stammt aus Nigeria und ist Pfarradministrator in drei oö. Pfarren. © Diözese Linz

 

Sich auf Neues einlassen und pastorale Fragen weiter sehen

 

Nicht nur die Sprache kann eine Barriere sein, sondern auch Unterschiede in der Mentalität. Anaedu meint dazu: „Wenn man mit Verständnis damit umgeht und persönliche Begegnungen macht, ändert das die eigene Sichtweise.“ Martin Füreder ergänzt: „Manche Themen müssen einfach angesprochen werden. So ist etwa die Trauerkultur in Afrika eine andere als in Österreich. In afrikanischen Großfamilien sind Trauernde anders aufgehoben als bei uns, wo Menschen oft allein mit dem Verlust fertigwerden müssen und entsprechend lange trauern.“ Auch die „oft braven und biederen Gottesdienste“ seien für Afrikaner, die mit ihrem ganzen Körper beten, gewöhnungsbedürftig, schmunzelt Füreder. Es sei auch wichtig zu vermitteln, dass jüngere Generationen nicht zum Kirchenbesuch gezwungen werden könnten. Für polnische Priester sei unverständlich, warum die Menschen in Österreich vergleichsweise selten beichten.

 

Die persönliche Erfahrung von Slawomir Dadas: „Wenn man aus einem anderen Land kommt, relativiert sich irgendwann die Wirklichkeit. Man muss hier lernen, pastorale Fragen weiter zu sehen. ‚Ich möchte, dass die Menschen hier den Glauben wie in meiner Heimat leben‘ – diese Haltung bringt nichts, sondern erzeugt nur Frust.“ Wichtig ist nach Ansicht von Dadas, viel zu lesen, hinzuschauen und hinzuhören, um sich so selbst ein Bild machen zu können.“ Der Generaldechant wörtlich: „Wenn ich ein Stück meiner Heimat loslasse und mich neu einlasse, dann kann auch Österreich meine neue Heimat werden.“

 

V. l. Generaldechant Dr. Slawomir Dadas, Mag. Maximus Oge Nwolisa, Dr. Paulinus Anaedu und Dr. Martin Füreder.

V. l. Generaldechant Dr. Slawomir Dadas, Mag. Maximus Oge Nwolisa, Dr. Paulinus Anaedu und Dr. Martin Füreder. © Diözese Linz

 

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