Montag 11. Dezember 2017

Ist die Welt besser als ihr Ruf?

2015 ist die Enzyklika Laudato si’ erschienen. Das mediale Interesse war groß. Nach zwei Jahren ist es an der Zeit zu schauen, wie nachhaltig sie wirkt. Ein Gespräch mit Vertretern von Kirche, Landwirtschaft und Wirtschaft.

Befragt wurden der Moraltheologe und Umweltsprecher der Diözese Linz Univ.Prof. Dr. Michael Rosenberger, der Präsident der Landwirtschaftskammer Oberösterreich ÖR Ing. Franz Reisecker und der Unternehmer Mag. Severin Rumplmayr, Vorsitzender des Arbeitskreises „Kirche–Wirtschaft“.

 

In einem Punkt sind sich der Moraltheologe, der Land­wirtschaftskammer-Präsident und der Unternehmer einig: Es ist gut, dass sich Kirche mit ökologischen Themen beschäftigt, denn sie hat die Aufgabe, die Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Aber schon die Art und Weise, wie diese Auseinandersetzung passiert, wird zum Teil vollkommen unterschiedlich eingeschätzt. In den einzelnen Positionen und im Umgang mit der Enzyklika werden die Unterschiede noch deutlicher.

 

Blick auf Ursulinenkirche im Frühling.

In einem Punkt sind sich die Gesprächspartner einig: Es ist gut, dass sich Kirche mit ökologischen Themen beschäftigt, denn sie hat die Aufgabe, die Menschen zum Nachdenken zu bewegen. © Diözese Linz/Appenzeller

 

Eine leichte Irritation

 

Unternehmer Rumplmayr nahm bei sich und seinen KollegInnen aus Wirtschaft und Industrie eine leichte Irritation ob der Inhalte und der drastischen Wortwahl wahr, die der Papst zum Teil gefunden hat. „Es ist eine Streitschrift in prophetischer Tradition und als solche bedeutend.“ Rumplmayr sieht Wohl­stand als Basis für den Umweltschutz: „Wirksame ökologische Orientierung als menschliches Grundbedürfnis etabliert sich stets ab einem gewissen volkswirtschaftlichen Wohlstands-, Demokratie- und Bildungsniveau. Wenn man Marktwirtschaft zulässt und nicht verteufelt, ist Umweltschutz weltweit nachweisbar die Folge.“

 

Brachte Laudato si’ einen Anstoß zu handeln?

 

Sowohl für den Landwirtschaftskammer-Präsidenten als auch für den Unternehmer sind die Forderungen in Laudato si’ nichts Neues. „Franziskus spricht viele Themen an, die die Landwirte in Oberösterreich und international ohnehin beschäftigen, denn in der Landwirtschaft ist der Grund und Boden die Hauptressource. Insofern ist der Erhalt des Ökosystems die Grundlage der Landwirtschaft. Zwar gibt es international Regionen, in denen die Landwirtschaft vollkommen in die falsche Richtung geht, 500 Hektar Mais-Monokultur zum Beispiel. In Österreich entwickelt sich aber vieles schon seit Jahren zum Besseren“, so Reisecker, der Präsident der Landwirtschaftskammer. Der Unternehmer Rumplmayr sieht es ähnlich: „Die österreichischen Produktionsbetriebe sind seit Langem gefordert und auch erfolgreich darin, die vielfältigen gesetzlichen Umweltstandards zu erfüllen. Insofern hat Laudato si’ kein Umdenken bewirkt, weil wir ohnehin dauernd in diese Richtung denken müssen.“

 

Landwirtschaftskammerpräsident Reisecker und Unternehmer Rumplmayr halten die Forderungen in Laudato si´für nichts Neues. Österreichische Landwirte und Produktionsbetriebe seien seit Langem gefordert, Umweltstandards zu erfüllen.  © CC0 Pixabay/ andreas160578

 

In den Diözesen sieht das anders aus, dort arbeitet man sich noch immer an der Enzyklika ab und das Umsetzen ist durchaus eine Herausforderung. Das erfährt auch Rosenberger als Umweltsprecher der Diözese Linz: „Man merkt, dass eine Diözese ein schwerfälliger Tanker ist. Das System und die Struktur sind so angelegt, darauf zu beharren, wie es ohnehin schon läuft. Das ist kein Vorwurf, denn Beharrungsvermögen hat auch etwas Gutes. Nicht alles wirft einen gleich aus der Bahn. Der Nachteil ist, dass sich zentrale Impulse wie Laudato si’ zunächst schwer durchsetzen können. Es braucht Überzeugungs- und Detailarbeit. Auch wenn wir in bestimmten Bereichen bereits gut dabei sind, der Erfolg ist noch nicht garantiert.“

 

Was passiert konkret?

 

Nach Erscheinen der Umweltenzyklika beschloss die Öster­reichische Bischofs­konferenz 2015, wie die Impulse umgesetzt werden sollen. In der Diözese Linz machte man sich an die Erarbeitung von Umwelt­leitlinien und einer ökosozialen Beschaffungsordnung. Im Bereich des Klimaschutzes sollen bis 2020 mindestens 10 Prozent der Pfarren 20 Prozent weniger
Emissionen erzeugen.

 

Photovoltaikanlage Pfarre Grünau im Almtal.

In der Diözese Linz machte man sich an die Erarbeitung von Umwelt­leitlinien und einer ökosozialen Beschaffungsordnung. Photovoltaikanlage Pfarre Grünau im Almtal. © Diözese Linz

 

Unternehmer Rumplmayr, der Mitglied der Industriellenvereinigung Oberösterreich ist, berichtet aus seinem Bereich: „Wenn Sie 100 SchülerInnen oder Erwachsene befragen, ob der Wald in Österreich stirbt, werden 90 zustimmen. Tatsächlich ist der Wald in den vergangenen 30 Jahren aber um 300.000 Hektar angewachsen – und das, obwohl Tausende Menschen in öster­reichischen Familienbetrieben und Konzernen auf Basis des Werkstoffes Holz ihren Lebens­unterhalt erwirtschaften und sogar einen deutlichen Exportüberschuss erzeugen.“ Rumplmayr sieht dies als ein Beispiel von vielen: „Man muss besser differenzieren, wenn man sich dem Thema Wirtschaft und Umweltzerstörung zuwendet.“ Moral­theologe Rosenberger kennt auch v.a. im mittelständischen Bereich viele Vorzeigebetriebe, die extrem ökologisch wirtschaften.

 

„Der Apfel aus Chile ist ein Wahnsinn!“

 

Trotzdem bemerken alle drei auch, dass in ihren Arbeits­bereichen manches schiefläuft und die Enzyklika dahingehend wichtige Themen anspricht. Der Vertreter der Landwirtschaft erkennt zum Beispiel ein großes Problem in der Verbauung von Land: „In Österreich verlieren wir jeden Tag einen Bauernhof durch die Versiegelung des Bodens für Wohnbau oder Industrie. Das ist ein großes Problem. Aber wenn wir mit dem Flächenverbrauch so weitermachen, dann haben wir in 160 Jahren die gesamte Ackerfläche Österreichs verbaut.“

 

Franziskus sieht den Grund dafür im Konsumverhalten der Menschen, denn für die vielen Güter, die sie konsumieren wollen, müssen Industriebetriebe geschaffen werden. Diese brauchen Boden, auf dem sie entstehen können. Für den Vertreter der Landwirtschaft ist Konsum ein Zeichen für Wohlstand, das man den Menschen nicht nehmen kann. Moraltheologe Rosenberger sieht das anders: „Immer mehr zu konsumieren, hat mit Wohlstand nichts zu tun. Der durchschnittliche Haushalt hat 10.000 einzelne Gegenstände. Da stellt sich schon die Frage, wie man die alle nutzen und in Ordnung halten kann. Um so eine Menge kann sich kein Mensch kümmern. Wir haben einfach zu viel.“

 

In der Art des Konsums und der Verteilung der Güter erkennt auch Land­wirtschaftskammer-Präsident Reisecker ein Problem: „Von der Landwirtschaft her haben wir keine Schwierigkeit, die Welt zu ernähren. Vielmehr haben wir ein Verteilungs- und in gewissen Regionen ein politisches Problem. Die Zeit der Abschottung ist vorbei. Mitteleuropa profitiert vom Handel. Das schadet aber oft der Landwirtschaft. Denn dadurch werden die Preise global gemacht. Sobald die Tomate aus Spanien billiger ist, wird sie von dort gekauft. Der Apfel aus Peru oder Chile zum Beispiel ist ein Wahnsinn! Unsere Chance ist es, die regionale Landwirtschaft als Lösung anzubieten.“

 

Menschen gestalten und verändern ihre Umwelt. Inwieweit dies gut oder schlecht, angemessen oder zu viel ist, darüber scheiden sich die Geister. © fotolia.com/gentelmenit/Jaroslaw Pawlak

 

Wie kann es weitergehen?

 

Moraltheologe Rosenberger ortet großen Handlungs­bedarf: „Die Auswirkungen von Laudato si’ sind bei Bereichen geblieben, in denen bereits ein ökologisches Interesse vorhanden war. Aber das ist zu wenig. In Laudato si’ fordert Franziskus eine kulturelle Revolution. Damit wir dazu bereit sind, braucht es wohl einen Anstoß im Sinne einer Katastrophe. Wir brauchen den großen Schock, der uns aufrüttelt, damit wir merken, dass wir etwas tun müssen.“

 

Die Vertreter aus Landwirtschaft und Wirtschaft betrachten die Zukunft wesentlich optimistischer und fordern, ein positiveres Bild nach außen zu tragen. Der Unternehmer Severin Rumplmayr sieht die Medien und auch die Kirche in der Pflicht: „Die Entwicklung der Lebensbedingungen der vergangenen 200 Jahre ist eine weltweite Erfolgsgeschichte, weil Wohlstand, Demokratisierung, Bildungsniveau und medizinische Versorgung stark gestiegen, Armut, Kindersterblichkeit und Analphabetismus aber zurückgedrängt worden sind. Trotzdem wird ein durchwegs negatives Bild der Welt transportiert. Das halte ich für falsch. Viel wichtiger wäre es, eine positive Geschichte zu erzählen, denn das schafft Fantasie und diese braucht es, damit man etwas verändern kann.“

 

Fazit: Bereit für den Dialog

 

Drei Positionen, die zum Teil sehr unterschiedlich sind. Aber sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie Laudato si’ in verschiedenen Bereichen wahrgenommen und umgesetzt wurde. Mit Laudato si’ hat die Kirche Themen eröffnet, die auch für Industrie und Landwirtschaft relevant sind. Was die Positionen verbindet, ist die Dialogbereitschaft, und diese lässt vielleicht doch gemeinsame Wege finden, wie man dem „gemeinsamen Haus“ gerecht werden kann.

 

Dieser Artikel erschien in der Juni-Ausgabe 2017 des "infomiert", der MitarbeiterInnen-Zeitung der Diözese Linz. Verfasserin ist Melanie Wurzer. Sie führte die Interviews.

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