Sunday 28. February 2021

Der Ablass als "billige Gnade"?

So lautete der Titel des 36. Ökumenischen Theologischen Tages im Linzer Priesterseminar, bei dem Bischof Manfred Scheuer, Dompfarrer Maximilian Strasser, der Wiener Theologe Gunter Prüller-Jagenteufel und Superintendent Gerold Lehner katholische und evangelische Zugänge erläuterten.

Durch das "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" wurde der damit verbundene Ablass in den Blickpunkt des Interesses gerückt - eine Praxis, die zwischen den Kirchen, aber auch innerkatholisch als problematisch empfunden wurde und wird.

 

Nach heutigem katholischem Verständnis geht es eher darum, die Frage nach dem Ernst der Umkehr zu stellen. Wie kann man damit umgehen, dass mit der Vergebung zwar die Schuld erlassen ist, die Folgen dieser Schuld aber immer noch existieren? Und: Könnte sich ein solches Verständnis mit der evangelischen Auffassung, dass eine Vergebung ohne Umkehr und Leben in der Nachfolge Jesu eine "billige Gnade" zu werden droht, vermitteln lassen?

 

Diesen brisanten Fragestellungen wurde beim 36. Ökumenischen Theologischen Tag am 21. April 2016 im Linzer Priesterseminar nachgegangen. Es referierten Bischof Dr. Manfred Scheuer, Dompfarrer Dr. Maximilian Strasser, der Wiener Univ.-Prof Gunter Prüller-Jagenteufel und Superintendent Gerold Lehner. Der Ökumenische Theologische Tag ist eine Veranstaltung von Evangelischer Kirche A. B. in Oberösterreich, Forum der christlichen Kirchen in Oberösterreich und Römisch-Katholischer Kirche in Oberösterreich.

 

V. l: Dompfarrer Dr. Maximilian Strasser, der Wiener Univ.-Prof. Dr. Gunter Prüller-Jagenteufel, Superintendent Dr. Gerold Lehnervon der Evangelischen Kirche A. B. in OÖ, Ökumene-Referentin Mag.a Helga Schwarzinger und Bischof Dr. Manfred Scheuer. © Diözese Linz

 

A. o. Univ.-Prof. Dr. Gunter Prüller-Jagenteufel von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien skizzierte zunächst die amtliche katholische Lehre zum Ablass, ging dann auf Luthers Protest gegen den Ablass ein und zeichnete die historische Entwicklung des Ablasswesens nach. Danach zeigte er etliche theologische Fragezeichen zum Thema Ablass auf und erläuterte Karl Rahners Ansatz einer Neuinterpretation der Ablasslehre un dessen Weiterführung. Schließlich nannte Prüller-Jagenteufel bleibende ökumenische Fragen in dieser Thematik.

 

Handout Vortrag Prüller-Jagenteufel

 

Literaturhinweis von Univ.-Prof. Prüller-Jagenteufel: Artikel der Kirchenrechtlerin Sabine Demel (Regensburg) zum Ablass

 

Superintendent Dr. Gerold Lehner von der Evangelischen Kirche A. B. in Oberösterreich verlieh seiner Irritation darüber Ausdruck, "mit welcher (zumindest in dem mir vorliegenden Äußerungen) unreflektierten Selbstverständlichkeit die Rede vom Ablass bei Papst Franziskus in der Ankündigung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit gebraucht wird". Diese Irritation wachse, wenn am Ende des Schreibens an Erzbischof Fisischella eine ausführliche Erörterung in Bezug auf die Pius-Bruderschaft zu finden sei. "Hier wird, gegenüber einer erzkonservativen Bewegung, großzügig der Brückenschlag angeboten und vollzogen. Die Evangelischen Kirchen werden demgegenüber in ihrer Sensibilität für dieses Thema nicht wahrgenommen. Gibt es von Rom her überhaupt kein Gespür dafür, dass diese unproblematische Redeweise vom Ablass auch als eine Provokation empfunden werden kann?" Ein Blick in die Geschichte zeige, dass weder die mittelalterliche noch die spätmittelalterliche und auch nichr die reformatorische Kritik durch Luther und andere Ablasstheorie und -praxis verändern konnten. "Es existiert in dieser Frage ein merkwürdiges Beharrungsvermögen", konstatierte Lehner. Der Superintendent entfaltete seinen Einspruch sowohl vom Fegefeuer, vom Kirchenschatz und von der Terminologie rund um Ablass, Buße und Sünde her. Schließlich versuchte Lehner einen Brückenschlag. Er betonte: "Ich sehe, wie katholische Theologie und Pastoral um eine sinnvolle Interpretation einer alten Kategorie ringen. Darin möchte ich mich ihnen an die Seite stellen. Darin möchte ich auch etwas von ihnen lernen, denn Theologie und Praxis der Umkehr und der Heiligung genießen im Raum der Evangelischen Kirche eher nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie sie der Theologie der Rechtfertigung und Gnade entgegengebracht wird." Für beide Kirchen aber sei es die hohe Aufgabe, neben der indikativischen Theologie und Praxis, also jener des Zuspruchs, auch jene der imperativischen in gleicher Stärke zu leben. "Denn das Christentum ist nicht als ein Bündel milder Trostgründe in die Welt gekommen, sondern als das Unbedingte, nämlich als die Herausforderung in der Nachfolge Jesu leben zu lernen."

 

Bischof Dr. Manfred Scheuer begann seine Ausführungen mit einem Verweis auf den Mystiker Meister Eckhart, der die "guten Leute", die Gott durch gute Werke wie Fasten, Wachen, Beten und Bußübungen aller Art einen Gefallen tun wollen und dafür mit Belohnung rechnen, mit den Kaufleuten im Tempel vergleicht, die mit Gott einen Handel eingehen wollen. "Eckhart macht klar, dass wir Gott ja gar nichts geben können. Alles was wir sind und was wir haben, das sind und haben wir von ihm. Umgekehrt ist Gott uns nichts schuldig, es sei denn, er will es freiwillig aus Gnade. Darum sagt Eckhart: Wenn Gott in die Seele kommt, dann vertreibt er die Kaufleute, dann ist es aus mit dem frommen Kauf- und Kuhhandel", so Scheuer. Eckharts Zugang erinnere an "Martin Luther und seine Kritik an den guten Werken denken, durch die wir meinen, uns den Himmel verdienen zu können; an Luthers Botschaft, dass wir nicht aufgrund der Werke, sondern allein aus Gnade selig werden". Auch Scheuer greift Rahners Zugang zum Ablass auf: "Bei der im Ablass gemeinten heilenden und heiligenden Einwirkung der Kirche geht es um ein Ausleiden und Aufarbeiten der durch die je subjektiv gesetzten bösen Folgen mit dem Ziel, die dem Sünder definitiv schon zuteil gewordene Barmher­zigkeit und die Versöhnung mit der Kirche in der Pluralität und Komplexität der endlichen, existentialen, sozialen und naturalen Dimensionen des menschlichen Daseins zur Auswirkung zu bringen." Nach Rahner könne und wolle der Ablass die subjektive Buße nicht ersetzen, son­dern gerade zu ihr befähigen. Er mache aber auch klar, dass Versöh­nung mehr sei als nur eine passive Hinnahme der Schuldvergebungs­erklärung durch Gott. Es gehe um die Annahme und geschichtliche Realisierung der Selbstmitteilung Gottes und seines Versöhnungs­handelns in der geschichtlich sich erstreckenden Lebensgestalt der Kirche. Die erweiterte Ablasstheorie und Praxis von Ottmar Fuchs gehe von der Einsicht aus, dass die de­struktiven Folgen aus der Sündenvernetzung Sündenfolgen konstitu­ieren (z. B. Verhältnis zwischen armen und reichen Ländern; ökolo­gische Verantwortung; Tätigkeit von Christen in Rüstungsfabriken bzw. Ausbeutungskonzernen). "Ablass meint auch die Leidverkürzung zugunsten des Reiches Gottes, das bereits im Diesseits zugunsten der Lebenden selbst, insbesondere der Opfer, auf der Ebene der direkten Begegnung der Menschen untereinander wie auch hinsichtlich des strukturellen Aspektes der Sündenfolgen mit allen Kräften guten Willens aufzu­bauen ist", so Bischof Scheuer. Traditionelle Busswerke (individuelle Umkehr, Gebet und Sakramentenempfang) blieben sinnvoll, seien aber keine Ersatzlei­stungen für die notwendige konkrete Versöhnung mit den anderen und die Abarbeitung der sozialen und weltlichen Folgen der Sünde.

 

Vortrag von Bischof Manfred Scheuer zum Nachlesen

 

V. l.: Bischof Manfred Scheuer, Superintendent Gerold Lehner, Ökumene-Referentin Helga Schwarzinger, Bischof em. Maximilian Aichern, Dompfarrer Maximilian Strasser

© Diözese Linz

 

 

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