Tuesday 2. March 2021

Neue Rituale: Theologisch-praktische Quartalschrift

Theologisch-praktische Quartalschrift

Die neue Ausgabe der Theologisch-praktischen Quartalschrift der KU-Linz beschäftigt sich mit dem Thema "Neue Rituale".

Früher war ein Vorhängeschloss eben ein Vorhängeschloss: ein nützliches Instrument, um Schließfächer zu verriegeln und das darin aufbewahrte Hab und Gut vor Diebstahl zu sichern. Diese rein funktionale Bedeutung scheint der Vergangenheit anzugehören. Denn an zahlreichen Geländern im öffentlichen Raum, bevorzugt an Brücken, mehren sich Vorhängeschlösser. Solche „Liebesschlösser“ werden von Paaren hinterlassen, die das Anbringen der kleinen Schließvorrichtungen – häufig mit ihren Vornamen oder wenigstens ihren Initialen versehen – als Ritual nutzen, um ihrer Beziehung öffentlich Ausdruck zu verleihen. Der Soziologe Kai-Olaf Maiwald sieht (in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.1.2013) im Vorhängeschloss einen Bedeutungsüberschuss gegenüber anderen in der Öffentlichkeit hinterlassenen Liebesschwüren, wie wir sie etwa in Form von Graffiti oder in Gestalt der in Baumrinden geritzten Herzen kennen. Denn die sprechende Symbolik des Schlosses steht für die sichtbare Fixierung, die publik gemachte „Statusmarkierung“ einer festen Partnerschaft: „Der Brauch lässt sich als eine neue Form im Umgang mit dem Problem der ‚Selbst-Institutionalisierung‘ der Beziehung verstehen.“ (Kai-Olaf Maiwald) Insofern passt der Aussagegehalt der Liebesschlösser zu einer Zeit, in der etablierte rituelle Statusmarkierungen von Beziehungen (wie die kirchliche Hochzeit) für viele an Bedeutung verlieren. Das Beispiel zeigt: Es ist keineswegs so, dass in unserer Gesellschaft Ritualität an Relevanz einbüßt. Vielmehr wird sie transformiert, wandert tendenziell aus der Zuständigkeit etablierter Ritualanbieter wie der christlichen Kirchen aus, unterliegt mehr und mehr einem „Ritualdesign“ nach individuellen Vorgaben. Wie können und sollen Kirchen und ihre Theologien auf diese Entwicklung reagieren? Was können sie lernen von der aufbrechenden Ritualkreativität? Was können sie dazu beitragen?

 

Inhalt im Überblick

 

Das Themenheft zu „Neuen Ritualen“ beginnt mit einem instruktiven Überblick der Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger. Sie zeigt – auch im historischen Längsschnitt – die bleibende anthropologische Bedeutung von Ritualen auf. Das Verhältnis moderner Menschen zur Ritualpraxis erweist sich zwar als „gebrochener“ und „distanzierter“ als zu früheren Zeiten. Gleichwohl können sich auch die Menschen unserer Tage Wirkung und Faszination ritueller Handlungen nicht entziehen. Die Tübinger Praktische Theologin Teresa Schweighofer stellt ihr Forschungsprojekt zu Neuen Ritualanbietern vor, die oft an der Schnittstelle von Kirche / Nicht-Kirche angesiedelt sind. Die Autorin plädiert für ein grundsätzlich dialogisches Verhältnis von Theologie und alternativer Ritualpraxis, das freilich auch wechselseitige Kritik nicht ausspart. Mit dem Beitrag von Christiane Bundschuh-Schramm schwenkt der Blick zur Praxis der Kirche. Die Referentin in der Pastoralen Konzeption der Diözese Rottenburg-Stuttgart betont angesichts fortschreitender Individualisierung, dass die kirchliche Ritualgestaltung sich anlass- und biografiebezogener zu zeigen habe. Die Liturgien der Kirchen müssten unmittelbarer an den konkreten Herausforderungen des jeweiligen Lebens anschließen. Stephanie Lehr-Rosenberg, Pastoraltheologin aus Würzburg, schreibt vor dem Hintergrund ihrer Forschungen in afrikanischen Kontexten. Ihr Artikel weitet den eurozentrischen Blick. Die afrikanischen Initiationsriten sind dazu angetan, das christliche Sakrament der Firmung zu bereichern. Denn die in afrikanischen Kulturen hervorgehobene Einbettung der Menschen in ihre sozialen Bindungen erweist sich als notwendiges Korrektiv zu einem europäischen Individualismus, der auch auf die Sakramentenpastoral ausstrahlt. Die Grazer Religionswissenschaftlerin Ulrike Bechmann klärt in grundsätzlicher Weise die weiten Begriffe „Magie“ und „Ritual“ und ihre Verhältnisbestimmung. Unter dem Stichwort der „rituellen Interventionen“ beschreibt sie die durchaus vorhandenen Schnittstellen von Magie und Ritual und legt einen kultursensiblen und differenzierten Umgang mit Phänomenen nahe, die unter der negativ besetzten Zuschreibungskategorie „Magie“ gefasst werden. Schließlich sollen in einem letzten Beitrag zum Themenschwerpunkt vorfindliche rituelle und liturgische Praxen in der katholischen Kirche dokumentiert werden. Die drei aufgenommenen Erfahrungsberichte stammen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern: Irmgard Lehner, Pfarrassistentin in Wels, Oberösterreich, berichtet über kreative Liturgien in der Pfarrseelsorge; aus Sicht der kategorialen Pastoral und Frauenseelsorge schreibt Angelika Gassner, die Leiterin des Referats „Spiritualität“ der Erzdiözese Salzburg; im monastischen Kontext ist der Erfahrungsbericht von P. Otto Rothammer, Zisterzienser im Stift Wilhering, Oberösterreich, angesiedelt. Die hier gesammelten „Stimmen aus der Praxis“ zeigen die Bandbreite gelebter Ritualität im kirchlichen Rahmen.

 

Die thematisch freien Beiträge der Ausgabe: Der Luzerner Fundamentaltheologe Edmund Arens reflektiert über Glaubenskommunikation unter den heutigen kulturellen und medialen Bedingungen; der Dortmunder Religionspädagoge Bert Roebben beschreibt den Religionsunterricht als theologieproduktiven Ort.

 

Die Redaktion der Theologisch-praktischen Quartalschrift trauert um ihren langjährigen Chefredakteur und großen Förderer, den ehemaligen Linzer Kirchenhistoriker Prof. Dr. Rudolf Zinnhobler, der am 9. März 2016 im 86. Lebensjahr verstorben ist. Zeit seines Lebens blieb er der Theologisch-praktischen Quartalschrift eng verbunden. Die Redaktion bewahrt ihm ein dankbares und ehrendes Andenken und druckt den Nachruf, den der Rektor der Katholischen Privat-Universität Linz, Franz Gruber, auf den Verstorbenen gehalten hat.

 

Die Beiträge belegen eindrücklich: Auch unsere gegenwärtige Gesellschaft bleibt durchdrungen von Riten und Bräuchen. Tatsächlich scheint sich gerade die Moderne unserer Tage als besonders ritenproduktiv zu erweisen. Denn inmitten zunehmender Komplexität sind feste Abläufe wichtig, um die Lebensführung zu strukturieren. Zugleich geraten, wenn die verbindliche Kraft von Traditionen und Gemeinschaften nachlässt, Rituale in Bewegung, wachsen Ritualdynamik und -kreativität. Und schließlich erzählen praktizierte Rituale „Geschichten“ – wie das simple Symbol der öffentlich fixierten Vorhängeschlösser sowohl die Fragilität als auch die Sehnsucht nach Stabilität in heutigen Beziehungen zum Ausdruck bringt. So eröffnen unsere Beiträge zu neuen Ritualformen zugleich instruktive Blicke auf die Lebenswirklichkeiten der Menschen von heute.

 

Quartals.Gespräch

 

Die Theologisch-praktische Quartalschrift / Katholische PrivatUniversität (KU) Linz, das Institut für Pastorale Fortbildung, das Bildungszentrum Haus der Frau sowie die Personalentwicklungen der DFK und des Pastoralamtes der Diözese Linz laden ein zum Quartals.Gespräch "Segen mit der Patchworkdecke: Neue Rituale" moderiert von Mag.a Gabriele Eder-Cakl, Leiterin Haus der Frau, am 10. Mai 2016 von 16 bis 17.30 Uhr in die Bar Café Solaris, OÖ Kulturquartier, OK Platz 1, 4020 Linz.

 

Ob der wöchentliche Kaffeehausbesuch im Einkaufszentrum, das Engelbild oder die Segensfeier – neue Rituale bewegen sich zwischen profanen und religiösen Traditionen. Das kirchliche Monopol ist seit Jahren im Umbruch. Wohin geht der rituelle Weg? Dazu diskutieren mit Ihnen Univ.-Prof.in Ulrike Bechmann, Institut für Religionswissenschaften an der Universität Graz, und Pfarrassistentin Mag.a Irmgard Lehner, Pfarre Wels St. Franziskus. • Quartals.Gespräch Wissenschaft und Praxis im Diskurs bei einem Afterwork-Getränk im Café Solaris zu aktuellen Themen

 

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