Friday 27. November 2020

Hast du Arbeit, bist du wer!

Eng miteinander verknüpft:  Arbeit, soziale Sicherheit und Demokratie.

Neun Stufen der Sicherheit unterscheidet der deutsche Soziologe Prof. Dr. Klaus Dörre in puncto Jobsicherheit und ordnet Menschen unterschiedlichen Gruppen zu. In sieben Gruppen spüren die Menschen Verunsicherung ob der heutigen Situation des Arbeitsmarktes.

Sie befinden ihren Job als gefährdet, fürchten sich vor einem sozialen Abstieg oder finden sich damit ab, dass sie den Sprung in ein gesichertes Arbeitsverhältnis mit sicherem Einkommen nicht mehr schaffen werden. Die Verunsicherung der breiten Gesellschaft verändert die Gesellschaft selbst − in welche Richtung? Mit welcher Bedeutung? Und welcher Auftrag kommt der Kirche zu?

 

Paul erzählt

 

Paul* ist 20 und Lehrling in einem mittelständischen Betrieb. Er hat drei Jahre Fachschule hinter sich und befindet sich im dritten Ausbildungsjahr zum Maschinenbautechniker. Im Interview erzählt er: „Eine typische Mittags­pause sieht bei uns so aus: Um 12 Uhr treffen sich alle in der Kantine. Geredet wird meistens wenig oder gar nichts. Aber es kommt schon auch vor, dass der eine oder andere zwischendurch aus dem Fenster schaut und im gegen­über­liegenden Asylwerberheim die Flüchtlinge Fußball spielen sieht. Dann gibt es oft abfällige Bemerkungen. Wie letztes Mal, als Joachim* plötzlich sagte: ,Ma, de scheiß Flüchtlinge, de gehören alle erschossen!‘ Keiner hat etwas erwidert. Nur ich. Dann bin ich aufgestanden und gegangen.“ Natürlich würden die wenigsten seiner Kollegen derart blöd daher­reden wie Joachim. Paul glaubt, dass Joachim solche Bemerkungen nur macht, weil er cool sein will. Wenn Paul seine Kollegen einer Partei zuteilen sollte, so vermutet er, dass der größere Anteil rechts wählen würde. Auf die Frage nach dem Warum, zuckt er mit den Schultern: „Vielleicht, weil die Politik derzeit nicht so rennt, wie sie es sich vorstellen.“ Der Rest würde sich auf andere politische Lager aufteilen oder auf jene, die sich für Politik nicht interessieren.

*Name von der Redaktion geändert

 

Der Schrei nach dem starken Mann

 

Als Leiterin des Bereiches mensch & arbeit der Diözese Linz beschäftigt sich Mag.a Anna Wall-Strasser hauptberuflich mit der Arbeitswelt. Wie Paul bemerkt sie unter den ArbeiterInnen eine ähnliche Tendenz in autoritäre politische Richtungen. Zwischen der Verunsicherung der Menschen − auch jener, die objektiv betrachtet einen sicheren Job haben − und dem Aufkommen von totalitärem Gedankengut sieht sie einen Zusammenhang: „Der Faktor Arbeit ist wesentlich für die soziale Absicherung − aber auch für die Demokratie. Wer sich an den Rand gedrängt fühlt oder fürchtet, an den Rand gedrängt zu werden, wird anfällig für Absolutismen. Das zeigt die Geschichte.“ Gefühle sind subjektiv, beeinflussen aber das Denken und Handeln. Paul erzählt: „Manche Kollegen definieren sich stark über die Arbeit. Du arbeitest, dann bist du wer.“ „Arbeit“, so Anna Wall-Strasser, „hat viel mit Identifikation zu tun, und dies prägt Identität.“ Tatsächlich ist Arbeit in den letzten Jahren weniger wert geworden. Das spüren die Menschen. Angst vor Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg und Identitätsverlust ist da.

 

Eng miteinander verknüpft: Arbeit, soziale Sicherheit und Demokratie. © shutterstock/Bogdan VASILESCU

 

Arbeitsmarkt gestern und heute

 

„Vor 30 Jahren gab es in Österreich eine politische Entscheidung für einen stabilen Arbeitsmarkt. Die Arbeits­losigkeit war niedriger als heute. Es war klar, welchen Wert Arbeit im Gesamtwirtschaftsprozess besitzt“, beschreibt Anna Wall-Strasser die Situation in den 1980er-Jahren. Heute sieht das anders aus. Aktienkurse steigen rascher, als die Wirtschaft wächst. Der Finanzmarkt hat die Vorherrschaft über Güter- und Arbeitsmarkt gewonnen. Wer Kapital besitzt, fragt sich: Wo macht mein Geld die meiste Rendite? Geld soll sich lohnen. Geld wird investiert. Arbeit und das Einbringen von Arbeit hat an Wert verloren. Erste Anzeichen für diese Entwicklung gab es bereits in den 1980er-Jahren. Die Idee des neoliberalen Wirtschaftens kam auf − und setzte sich durch. Wall-Strasser: „Einerseits wegen voranschreitender Technologien, die einen Finanzmarkt, wie wir ihn heute haben, möglich machen. Andererseits waren es politische Entscheidungen: Regeln für den Finanzmarkt wurden einfach weggelassen.“

 

Wenn sich Geld-Einsatz mehr lohnt als Arbeit

 

Dann ist Arbeit weniger wert. Weniger Menschen können von Arbeit gut leben oder sich in ihrem Job in Sicherheit wiegen. Je nach Sparte sind Menschen von dieser Entwicklung betroffen oder zumindest verunsichert. „Natürlich gibt es stabile Bereiche. Aber diese sind kleiner geworden“, so Anna Wall-Strasser. „Viele Betriebe leisten sich nur mehr 60 Prozent Stammbelegschaft. Der Rest der Arbeit wird von Leasing-Arbeitern verrichtet oder ausgelagert. Die Kosten für den Faktor Arbeit werden möglichst reduziert.“ Kommt es zur Krise, sind die Leasing-Arbeiter die Ersten, die ihre Arbeit verlieren. Aus Gesprächen in der Betriebsseelsorge weiß Anna Wall-Strasser: „Die Leute sind realistisch. Sie leben mit dieser Job-Unsicherheit. Aber natürlich macht das etwas mit ihnen. Ein sicherer Arbeitsplatz hat mit Lebensqualität zu tun, mit Planbarkeit. Menschen möchten Einfluss auf die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit haben.“ Ist das nicht gegeben, fühlen sich die Menschen an den Rand gedrängt. Dass der prekäre Sektor wächst, bekommen auch jene mit, die gute Arbeitsbedingungen haben. Der allgemeine Mangel an Sicherheit scheint sich Bahn zu brechen im Schrei nach dem starken Mann und der Abgrenzung gegenüber anderen, z.B. sozialen Minderheiten wie Flüchtlingen.

 

Arbeit als Auftrag der Kirche

 

Als BetriebsseelsorgerInnen begleiten Anna Wall-Strasser und ihre MitarbeiterInnen Menschen in allen Fragen rund um Arbeit. Es ist ihnen wichtig zu vermitteln, dass der Mensch mehr ist als seine Arbeit. Jede/r besitzt Wert und Würde, auch jenseits und ohne (Erwerbs-)Arbeit. Zu dieser Würde gehört, tätig sein zu können und nicht um die Existenz fürchten zu müssen. Gute Arbeit ist nicht Arbeit um jeden Preis, bei der die Menschen zwar arbeiten, aber von ihrer Arbeit nicht leben können. Gute Arbeit garantiert die Würde des Menschen, sorgt für gerechtes Einkommen und trägt Verantwortung für die Umwelt. „Es ist wichtig, dass sich die Kirche für Gerechtig­keit in der Arbeitswelt einsetzt“, so Wall-Strasser: „Wer sich in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs einbringt, wird gehört, beeinflusst die öffentliche Meinung und somit die Politik.“ Gute Arbeit sieht sie als wesentlichen Faktor für die Stabilität einer Demokratie. „Wir als Kirche müssen uns immer wieder fragen: Wie gestalten wir Gesellschaft so, dass möglichst viele Menschen Anteil an guter Arbeit und sozialer Absicherung haben, damit wir uns möglichst gerecht und friedlich weiterentwickeln können?“

 

Arbeit: Stufen der Sicherheit


Zone der Integration:

• Die Gesicherten sind Beschäftigte in Voll- oder Teilzeit mit unbefristetem Arbeits­vertrag. Sie verdienen über 2.000 Euro brutto im Monat und spüren kaum Unsicherheit.
• Die Selbstmanager haben zwar keinen Normalarbeitsplatz, aber sie erleben die Flexibilität als positiv – denn sie haben ein gutes Einkommen sowie Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten im Job. Ihre gute Qualifikation reduziert die Beschäftigungsunsicherheit.
• Die Verunsicherten stehen objektiv gut da: Sie sind unbefristet beschäftigt, haben ein Monatseinkommen von über 2.000 Euro brutto, erleben ihre Arbeit als positiv. Dennoch plagt sie die Sorge um ihren Arbeitsplatz.
• Die Abstiegsbedrohten verdienen weniger als 2.000 Euro, ihre nicht befristete Stelle empfinden sie jedoch als gefährdet. Sie haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Dies ist die größte Einzelgruppe – jede/r dritte Erwerbstätige gehört dazu.


Zone der Prekarität:

• Die Hoffenden arbeiten in atypischen Beschäftigungs­verhältnissen für weniger als 2.000 Euro im Monat. Sie erwarten, so den Sprung in eine sichere Beschäftigung zu schaffen.
• Die Realistischen sind zwar häufig frustriert, haben sich jedoch damit abgefunden, dass sie die Zone der Prekarität nicht verlassen können. Sie pendeln oft zwischen
atypischen Beschäftigungen und Arbeitslosigkeit.
• Die Zufriedenen jobben als atypisch Beschäftigte und bekommen keine 2.000 Euro im Monat. Da sie in einem Haushalt mit weiteren Einkommen leben und sich nicht
vorrangig über die Arbeit definieren, stört sie das weniger.


Zone der Entkoppelung:

• Die Veränderungswilligen gehen durch lange Phasen der Arbeitslosigkeit, hin und wieder unterbrochen durch prekäre Jobs. Sie möchten diese Situation überwinden.
• Die Abgehängten haben die Hoffnung aufgegeben und richten sich in einer Subgesellschaft ein.


Brinkmann, Ulrich; Dörre, Klaus; Röbenack, Silke; Kraemer, Klaus und Speidel, Frederic. 2006. Prekäre Arbeit. Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung.

 

© shutterstock/iurii

 

Veranstaltungstipp:

 

„Arbeit im Wandel – Gute Arbeit für ein gutes Leben“.
125 Jahre Katholische Soziallehre: 11. Mai 2016, 17:30 bis 22 Uhr; Treffpunkt mensch & arbeit Standort voestalpine. Mehr dazu finden Sie
hier.

 

Dieser Text erschien im informiert“, der MitabeiterInnen-Zeitung der Diözese Linz. Verfasserin ist Maria Appenzeller. Sie führte die Interviews und Recherchen.

Stand 16.11.2020

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