Thursday 17. October 2019

Theologisch-praktische Quartalschrift: „Kulturen des Sterbens“

Die Theologisch-praktische Quartalschrift wird von den ProfessorInnen der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz (KTU) herausgegeben. Ausgabe 2/2015 behandelt das Thema „Kulturen des Sterbens“.

„Noch mal leben vor dem Tod“ – so heißt ein 2004 erschienener und seit dem immer wieder aufgelegter Bildband. Darin sind Fotografien von sterbenden Menschen zu sehen – erst gezeichnet von ihrer schweren Krankheit, schließlich im Tod. Die Bilderserie des Hamburger Fotografen Walter Schels hat großen Anklang gefunden, ist mehrfach ausgezeichnet worden. Sie lässt sich als Zeichen und Beispiel dafür ansehen, dass die lange Zeit vorherrschende Tabuisierung des Sterbens in einer lebenshungrigen Gesellschaft brüchig geworden ist.

 

Eine erhöhte Aufmerksamkeit auf die letzte Lebensphase zeichnet sich ab. Dazu hat ohne Zweifel ein Bewusstseinswandel beigetragen, wie er maßgeblich durch die Hospizbewegung eingeleitet wurde. Sie hat dem Sterben Aufmerksamkeit verschafft und eine ganzheitliche Sicht angeregt, die medizinische, pflegerische und psychische Bedürfnisse von Sterbenden und ihren Angehörigen zusammendenkt. Auch die emotional geführten gesellschaftlichen wie politischen Debatten um die angemessene Versorgung Sterbender, um Sterbehilfe sowie um die Möglichkeiten und Grenzen der Palliativmedizin unterstreichen die gestiegene Sensibilität für die Situation Sterbender. Das Ringen um die Gestaltung eines menschenwürdigen Lebensendes, um eine „Kultur des Sterbens“ wird sichtbar. In einer Gesellschaft, die von Migration, Multikulturalität und weltanschaulicher Pluralität geprägt ist, in der unterschiedliche Deutungen von Leben und Tod und somit von „gutem Sterben“ nebeneinander stehen, bilden sich zugleich Kulturen des Sterbens – im Plural. Ihnen geht das Themenheft „Kulturen des Sterbens“ nach.

 

Dann Anfang macht ein informativer Überblick des Pastoraltheologen und Professors für Palliative Care der Univer­sität Klagenfurt, Andreas Heller. Der Autor zeichnet den Wandel nach, den die Sterbephase für die einzelnen wie für die Gesellschaft insgesamt genommen hat. Sehr deutlich plädiert er für die Implementierung einer Organisationskultur, um zu menschenwürdigem Sterben beizutragen. Denn die Gestaltung des Lebensendes liegt in unserer spezialisierten Gesellschaft heute häufig in der Hand von dafür zuständigen Sorge-Organisationen, die entsprechende ethische Leitbilder benötigen.

 

Eine komplementäre Perspektive nimmt Eberhard Schockenhoff, katholischer Moraltheologe aus Freiburg i. Br. und Experte für Lebensethik, ein. Er sucht nach Möglichkeiten, wie sich die Einzelnen auf ihr unausweichliches Sterben vorbereiten können, befragt dazu die (christliche) Lebens- und Sterbekunst (Ars moriendi) und sieht die „Einübung in eine gelöste Lebenskunst“ als „beste Vorbereitung auf das Sterben“ – und zwar unabhängig davon, ob der Mensch „zur Hoffnung auf eine individuelle Überwindung des Todesschicksals findet“.

 

Aus Sicht einer spirituellen Theologie schreibt der Wiener Jesuit Klaus Schweiggl SJ. Seine Reflexion entstammt einer „pastoralen Praxis, die ihren Kontext als Hospizseelsorge nicht verleugnen kann und will“. Schweiggl bietet hilfreiche Deutungen der angesichts des Todes aufbrechenden Existenzfragen im Licht des Glaubens. Dies ist freilich nicht als flaches Frage-Antwort-Spiel von existenzieller Herausforderung und Glaubensdeutung zu verstehen. Geistliche Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen ist vielmehr solidarische „Weggefährtenschaft“ in der letzten Lebensphase.

 

Im theologischen Kontext bedarf das Sterben aus religiösen Motiven, die Lebenshingabe für den Glauben, erhöhter Aufmerksamkeit. Der Innsbrucker Systematische Theologe Roman A. Siebenrock fokussiert auf das Martyrium. Gerade angesichts der Missbrauchsanfälligkeit dieser religiösen Kategorie, die uns in zeitgenössischen Selbstmordattentaten Tag für Tag auf unerträgliche Weise vor Augen geführt wird, ist die Kriteriologie, die Siebenrock für eine christliche Theologie des Martyriums entwickelt, hilfreich und angesichts des religiös verblendeten Terrorismus von höchster politischer Aktualität.

 

Die letzten beiden Beiträge des Themenschwerpunktes weiten noch einmal den Blick. Der Leiter der Fachstelle „medien und kommunikation“ in München, Matthias Wörther, thematisiert Tod und Sterben im Film. In seiner „Typologie filmischer Inszenierungsstrategien des Sterbens“ zeigt Wörther die Offenheit dieser Kulturform für theologische und philosophische Anschlussfragen. Auf die Bedeutung der Multikulturalität für eine Ethik würdigen Sterbens weist eigens die Wiener Religionswissenschaftlerin Birgit Heller hin. Interkulturelle Kenntnisse sind in der Sterbebegleitung und Hospizarbeit heutzutage unerlässlich. Heller setzt daher an ganz konkreten ethischen Fragen zum Lebensende an, wie Therapieverzicht, Sterbehilfe oder Organentnahme, und zeigt deren Behandlung in unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Kontexten.

 

Cover Theologisch-praktische Quartalschrift, Ausgabe 2/2015

 

Empfehlenswert sind auch die außerhalb des Themenschwerpunktes an­gesiedelten Beiträge: Der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger beleuchtet den innerkirchlich umstrittenen Begriff des Gehorsams in ethischer und spiritualitätstheologischer Hinsicht. Der emeritierte Linzer Dogmatiker Walter Raberger legt theologisch relevante Tiefendimensionen im Werk des Komponisten Richard Wagner frei.

Die Rubrik „Das aktuelle theologische Buch“, die den Rezensionsteil eröffnet, schließt zugleich den Kreis unseres Themenschwerpunktes. Der Berliner Systematische Theologe Matthias Reményi bespricht das Buch „Was kommt nach dem Tod?“ von Hans Kessler, der als einer der Protagonisten in den aktuellen theologi­schen Debatten um die christliche Auferstehungshoffnung gelten darf.

 

Die Redaktion war sich angesichts des gewählten Themenschwerpunktes bewusst, dass diese Ausgabe der Theologisch-praktischen Quartalschrift keine „leichte Kost“ ist. Dennoch ist sie der Ansicht, dass eine Kultivierung des Sterbens ein Ausdruck guten Lebens ist. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, die selbst eine schwere Krebserkrankung überwunden hat, hat jüngst ein Buch über das Sterben geschrieben. Es trägt den Titel „Das Zeitliche segnen“. Sie versteht darin die schmerzliche Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit, Hinfälligkeit und Sterblichkeit nicht lebensverneinend, sondern als Plädoyer für bewusstes und intensives Leben: „Es ist gut, ans Sterben zu denken – für das Leben!“

 

http://www.thpq.at/

 

Univ.-Prof. Dr. Ansgar Kreutzer / Katholisch-Theologische Privatuniversität Linz (be)

Getauft und Gesandt
Michael Münzner

Michael Münzner

Es ist erstaunlich und schön, dass Gott durch mich wirken will.
Katholische Kirche in Oberösterreich
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