Friday 27. November 2020

„Das Zeitalter des Arbeitsvermögens – trügerische Verheißungen zur Zukunft der Arbeit“

Anlässlich des Tages der Arbeitslosen am 30. April referierte der Sozialethiker und Ökonom Friedhelm Hengsbach am 16. April 2015 beim 119. Sozialstammtisch.

In seinem Vortrag ging es ihm vorrangig darum, die wirtschaftsliberale Zukunftsvision von der Wertsteigerung des Arbeitsvermögens zu widerlegen.

 

Publikum Sozialstammtisch
Publikum Sozialstammtisch
Aichern und Hengsbach
Publikum Sozialstammtisch
Publikum Sozialstammtisch
Publikum Sozialstammtisch
Aichern, Hengsbach, Winkler

 

Die Theorie von Daniel Cohen

 

Im Zentrum der Kritik von Friedhelm Hengsbach stand die Theorie von Daniel Cohen. Dieser geht davon aus, dass in Zukunft der Wert der Arbeit steigen würde und die Beschäftigten selbst es sind, die diese Veränderung bewirken. Cohen vertritt die Meinung, dass in Zukunft die ArbeitnehmerInnen zu „ArbeitskraftunternehmerInnen“ werden. Als solche beanspruchen sie mehr Autonomie für die Gestaltung ihrer Arbeit und Arbeitszeit. Dies würde eine Humanisierung der Arbeit, eine Zunahme der Arbeit an den Menschen und eine Aufwertung der Arbeit bewirken. Damit seien Unternehmen gezwungen, diesen Erwartungen gerecht zu werden und somit den Wert des Arbeitsvermögens höher einzuschätzen.

 

Hengsbachs Kritik an Daniel Cohen

 

Hengsbach kritisiert Cohens Theorie auf mehreren Ebenen. So sieht er die Fixierung auf die Erwerbsarbeit, die Wachstumsdynamik der kapitalistischen Wirtschaft, die zunehmende Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und die steigende Entregelung der Arbeitsverhältnisse als Tendenzen, die der Wertsteigerung des Arbeitsvermögens entgegenstehen. Außerdem glaubt er  – im Gegensatz zu Cohen - nicht, dass besonders hochgebildete Menschen von der neuen Situation am Arbeitsmarkt und der Tendenz hin zum/r „ArbeitskraftunternehmerIn“ profitieren. Diese Entwicklung führt vielmehr dazu, dass sich diese bis zur Erschöpfung selbst ausbeuten, was anhand der zunehmenden Burn-Out-Rate von hochqualifizierten ArbeitnehmerInnen ablesbar ist. Kritisch sieht er auch die Entwicklung unserer Wissensgesellschaft. Denn Wissen als ein Ansammeln von Daten der naturwissenschaftlichen Dimension erfasst den realen Menschen nicht. Außerdem sieht Hengsbach die digitale Vernetzung nur als vermeintliche Verbesserung, was sich seiner Meinung nach, an der Fehleranfälligkeit durch Hackerangriffe ablesen lässt.

All diese Punkte würden vielmehr zeigen, wie dringend eine grundlegende Veränderung unserer Realität und unserer Arbeitswelt notwendig ist. Diese Veränderung nennt er „Gezeitenwechsel“. Als Indikatoren für diese Veränderung sieht er etwa die Analyse von Papst Franziskus in „Evangelii Gaudium“, in dem er sagt: „Diese Wirtschaft tötet“. Außerdem auch den Hinweis des französischen Ökonomen Piketty, der davor warnt, dass sich die Schere zwischen armen und reichen Bevölkerungsschichten rasant öffnet.

 

Hengsbach fordert eine neue Balance

 

Lösungscharakter für die Krise in der Arbeitswelt hätte es, so Hengsbach, wenn zumindest einige Punkte ins Gleichgewicht gebracht werden. So müsste eine neue Balance zwischen Finanz- und Realwirtschaft gefunden werden, sodass die dienende Funktion der Wirtschaft wiederhergestellt wird. Um ein Gleichgewicht zwischen Industriearbeit und Arbeit an/für Menschen zu erreichen, braucht es eine Umlenkung der Finanzmittel in den Dienstleistungssektor. Außerdem muss das Ungleichgewicht zwischen Männer- und Frauenarbeit ausgeglichen werden. Dies kann jedoch nur mit männlicher Beteiligung an der Veränderung des eigenen Rollenbildes geschehen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist unabdingbar. Eine Balance zwischen Erwerbsarbeit und Arbeit jenseits von Erwerbsarbeit muss gefunden werden. Im Gegensatz dazu sieht Hengsbach die Flexibilisierung der Arbeitszeit kritisch. Diese würde zu einem Fehlen von einer gemeinsamen Zeitkultur führen. Im Gegensatz dazu würde eine kollektive Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit mit gestaffelten Lohnausgleich nicht nur zu mehr Einkommen, sondern auch zu mehr beziehungsintensive Fest-Zeit führen. Eine Arbeitszeitverkürzung würde seiner Einschätzung nach auch den zusätzlichen Konsumsog und Wachstumsschub durchkreuzen, die Wachstumsspirale ausbremsen und die Umweltzerstörung verlangsamen. Sie würde auch die soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Polarisierung in der Verteilung der Arbeits- und Lebenszeit verringern.

 

Franziskus wäre „happy“

 

Nach der umfassenden Diskussion mit dem Publikum schloss der Professor mit seiner „Zuversicht, dass die Lernfähigkeit der Menschen, der Politiker nicht unendlich ist, aber auch nicht gegen Null tendiert“. Altbischof Maximilian Aichern meinte in seinen Abschlussworten, dass Papst Franziskus wohl sehr „happy“ gewesen wäre, wäre er an diesem Abend dabei gewesen. Aichern beschrieb seine Hoffnung auf eine neue Offenheit der Kirche, die nötig ist um das Evangelium neu zu verkünden.

 

Aichern, Hengsbach, Winkler

 

Lydia Seemayer (Bischöfliche Arbeitslosenstiftung), ma, mw

 

Stand 16.11.2020

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