Thursday 3. December 2020

Was macht eine Wundersucherin?

Martina Resch ist Kundschafterin der Diözese Linz und schreibt als Wundersucherin auf dem neu erschienenen Blog und auf Facebook. Ein Beitrag über ein außergewöhnliches Arbeitsfeld, auf den Spuren der Spiritualität der Stadt.

Auf die Frage, was eine Wundersucherin macht, sprudelt es bereits aus Mag.a Martina Resch heraus: „Sie geht, flaniert, schaut, hört zu, lässt sich ein. Sie hinterlässt mancherorts kleine Dinge, nimmt manchmal auch etwas mit. Es ist ein Suchen nach einer Spiritualität der Stadt. Dabei geht es nicht um Rückzugsorte, sondern um Spiritualität mitten im Gewusel. Es geht um ein Bei-sich-sein und dabei bei den anderen sein.“

 

Illustration: katuuschka

 

Möglich ist diese Arbeit als Wundersucherin durch eine Anstellung als „Kundschafterin“ der Diözese Linz. Kundschafter*innen gibt es seit April 2019, damals war Martina Resch die erste von inzwischen acht Kundschafter*innen in der Diözese Linz. Entstanden ist die Idee zu dieser besonderen Art der Anstellung im Zuge des Zukunftsweges in der Themen-Gruppe „Glaubensvermittlung neu“. Ausgangspunkt für die Entwicklung des Projekts war einerseits die Beobachtung, dass es eine Sehnsucht nach berührenden, erschließenden Glaubensgesprächen, sowie Ritualen – auch im nichtkirchlichen Kontext – gibt. Gleichzeitig herrscht in diesem Bereich oft eine gewisse Sprachlosigkeit. Andererseits wurden bei den haupt- und ehrenamtlichen Seelsorger*innen der Diözese mangelnde Ressourcen für eben diese Gespräche und Zugänge festgestellt. Die Direktorin der Abteilung Pastorale Berufe Mag.a Brigitte Gruber-Aichberger PMM beschreibt es folgendermaßen: „Kundschafter*innen arbeiten im offenen, also nicht-kirchlichen oder aber auch im kirchlichen Raum. Gehen dorthin, wo sie „heiligen Boden“ vermuten und suchen die Begegnung mit den Menschen. Sie setzen sich aus, wagen sich abseits der ausgetretenen Pfade und lassen sich dort überraschen. Sie spüren die Samen des Glaubens an unterschiedlichen Orten auf und heben diese. Dabei zeichnen sie ein Bild von Kirche in Bewegung.“ Die Anstellungen der Kundschafter*innen sind jeweils für zwei Jahre befristet. Die meisten Kundschafter*innen sind gleichzeitig auch in Dekanatsprojekten oder als Pastoralassistent*innen bzw. Betriebsseelsorger*innen angestellt.

 

 

Martina Resch ist seit circa 1,5 Jahren unterwegs, am Ideen sammeln, Kontakte knüpfen und Interviews führen. Als Österreich vom Coronavirus und den dazu gehörigen Beschränkungen erfasst wurde, hat sie begonnen zu schreiben und sich dazu entschlossen einen Facebook-Account anzulegen: „Und das, obwohl ich bis dahin ein absoluter Social-Media-Grünschnabel war. Ich habe keine der bekannten Portale genutzt, nicht mal WhatsApp. Und dann habe ich begonnen zu schreiben, ganz offen Einblicke zu geben. Wie es ist als Theologin, Mutter, Frau in dieser beengten Situation des Lockdowns.“

Die „Corona-Zeit“ kann sie daher als Chance für ihr Projekt sehen: „Ganz nah bei den Menschen zu sein, durch diesen Account, ohne physische Nähe, ist etwas Wunderbares. Viele von denen, die mir auf Facebook folgen, kenne ich nicht.“

 

Dabei merkt Martina Resch, dass es viel Resonanz gibt, wenn man selbst das Herz aufmacht, wie sie sagt: „Ich habe das Gefühl, ich biete eine Sprache an für das, was den Menschen auf der Seele brennt, für das sie selbst aber keine Sprache haben.“

Dabei folgt Martina Resch selbst nicht einer spezifischen Strömung der christlichen Spiritualität, vielmehr möchte sie eine Offenheit erzeugen, egal welcher Religion die Leser*innen ihrer Texte angehören. Sie möchte ermutigen, die Wunder im Alltag zu entdecken. Sich zum Beispiel kleine Rituale anzueignen, die einem durch den Alltag helfen.

Deshalb kommt das Wort „Gott“ in ihren Texten kaum vor: „Dennoch kommt in den Texten viel durch davon, was mein Gottesbegriff ist und was meine Gottesbeziehung ausmacht. Dabei fällt mir auf, dass viele Menschen so etwas wie einen Alltagsglauben haben, da knüpfe ich an. Die Menschen interessieren sich. Es ist eine spirituelle Sehnsucht da. Die Menschen haben so etwas, wie eine theologische Neugierde.“

 

Mit denjenigen, mit denen sie ins Gespräch kommt, verbinden sie oft ähnliche Zugänge, die Stadt zu erleben. Dadurch kommt sie auch als Theologin mit Kirchenfernen in den Austausch. Aus solchen Gesprächen entwickeln sich dann auch Projekte. So wurde Martina Resch eingeladen, einen Text auf die Glasscheibe eines Geschäfts zu schreiben. Eine Künstlerin hat dann dazu etwas gemalt. Aus dieser Möglichkeit entwickelten sich weitere Einladungen. Das ist auch das besonders Schöne an Reschs Arbeit, wie sie selbst sagt: „So entwickelt sich immer etwas Neues. Wunder passieren ungeplant, sie tauchen auf. Es ist schön, erfahren zu dürfen, dass, wenn man minimale Gedanken streut, etwas passiert.“

Ein weiteres Projekt, das aber leider corona-bedingt derzeit eingefroren ist, ist der Tanzraum für Hörende und Gehörlose, den Martina Resch gemeinsam mit mehreren hörenden und nicht-hörenden Frauen entwickelt hat. Drei Tanzabende haben noch vor März 2020 stattgefunden. Wann es weitergeht, ist derzeit auf Grund der aktuellen Situation unklar. Über den weiteren Verlauf dieses und anderer Projekte kann man auf der Homepage unter dem Punkt „Wundern auf die Sprünge helfen“ lesen. Martina Resch sieht ihre Rolle in diesen Projekten folgendermaßen: „Mir gefällt es, wenn ich Sachen ermöglichen kann. Die Dinge liegen oft am Tablett und ich sehe mich dann einfach als eine, die sie versucht zu ermöglichen.“

 

Dabei ist sie oft überrascht, wie offen mögliche Kooperationspartner*innen auf sie reagieren: „Wenn sie mich fragen, wer ich bin, antworte ich ´Theologin im offenen Raum´. Die erste Reaktion, von den meist Kirchenfernen, ist dann fast überschwänglich:´Wahnsinn, das macht Kirche? Das ist ja ein Traumjob!´ Da herrscht eine große Faszination.“

Innerkirchlich nimmt sie da hingegen mehr Zurückhaltung oder gar Ressentiments wahr.

 

Als herausfordernd an ihrer Arbeit empfindet Martina Resch es vor allem, sich nicht den eigenen Leistungsansprüchen hinzugeben: „Denn das, was die Wundersucherin macht, das hat eine andere Logik. Das sind kleine Kostbarkeiten.“ Außerdem gibt es in ihrer Arbeit kaum eine Grenze zwischen dem Privaten und der Arbeit: „Das muss man mögen. Manches überfällt einen um Mitternacht und manchmal überfällt es einen gar nicht. Auch sagt mir niemand, was ich zu tun habe. Das ist schön, aber auch herausfordernd.“

 

Besonders spannend findet sie es, zu beobachten, was passiert, wenn man Gedichte in den Raum „wirft“, also konkret bisher auf Facebook. „Die Texte machen irgendwie die Runde.“ Oft entwickeln sich daraus verschiedene Anfragen, sei es einmal eine Einladung zu einer offenen Lesebühne, oder eine Anfrage einer Lehrerin, ob sie die Texte verwenden darf, oder auch, ob ein Text für eine Audioandacht oder einen Gottesdienst verwendet werden darf.

 

Auf der Homepage der Wundersucherin findet sich auch die Rubrik „Wunderbare Begegnungen“, hinter der sich Portraits über Menschen verstecken. Dabei schreibt Martina Resch über Menschen, die sie faszinieren, berühren, nachdenklich oder fragend machen. Die Gespräche zu den Portraits finden aber nicht auf die Schnelle statt: „Bevor ich die Menschen anfrage, ob ich über sie schreiben darf, braucht es Zeit zum Kennenlernen. Wenn es dann so weit ist, dann ist es so, dass ich gar keinen Fragenkatalog brauche, die Menschen erzählen einfach. Diese Offenheit zu erleben, ist etwas Schönes.“ In den Gesprächen ist es Resch wichtig einen gewissen Stil einzuhalten, nämlich unaufdringlich, zuhörend, präsent zu sein. Diese Haltung empfindet sie als zentral dafür, dass sich die Menschen öffnen können.


Unter der Rubrik „Wundersucher*innen“ fragt sie selbst aber auch Menschen an, die selbst schreiben möchten, oder auch eigene Fotos zur Verfügung stellen möchten. So sollen auch andere Stimmen zu Wort kommen: „Und es gibt bei jedem*r diese kleinen Kostbarkeiten, die jede*r erfahren kann.“

 

Ihr Anliegen ist es jeweils, die Menschen zu sensibilisieren, durch minimale Perspektivenwechsel im Alltag bei sich zu sein und dabei offen zu werden und zu schauen, was es gibt. Auch wenn diese Offenheit verletzlich macht, so macht sie auch berührbar.

 

Fragt man Martina Resch, was das Schönste an ihrer Arbeit ist, so nennt sie zwei Punkte: „Das erste ist, die Irritation zu sehen, wenn ich den Menschen sage, dass ich Theologin bin. Dann die wachen, staunenden Augen, wenn ich versuche zu erklären, warum ich gern Theologin bin. Wenn man dann weiterspricht, merkt man, dass es jenseits der religiösen Zugehörigkeit so vieles gibt, das verbindet. So wie etwa die Hoffnung, dass es das Leben gut mit uns meint.

Das zweite ist, zu erfahren, dass die Menschen beginnen zu erzählen, wenn man ihnen wirklich zuhört. Wenn man sich gegenseitig eine Bühne bereitet. Da sind die Menschen oft selbst überrascht, dass und was sie erzählen. Da kommt dann öfter die Rückmeldung: ´Danke, dass du mein Resonanz-Raum warst.´“

 

Text: Mag.a Melanie Wurzer

 

 

 

Stand 16.11.2020

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