Gedächtnisbuch OÖ: Lebenszeugnisse als Ermutigung, die Erinnerung wachzuhalten
Das Projekt ermöglicht das Sichtbarmachen individueller Schicksale oberösterreichischer Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden oder ihr Leben durch widerständiges Handeln gefährdeten. Dieses Jahr stellte das Gedächtnisbuch OÖ besonders Mitglieder des kommunistischen und christlich-sozialen Widerstands, Opfer der NS-Euthanasie, die Gruppe der Zeug:innen Jehovas, eine Sinti Familie, die Gruppe der „Asozialen“ und Opfer der Zwangsprostitution in den Konzentrationslagern in den Mittelpunkt. Mit Franz Ohnmacht findet auch ein enger Mitarbeiter des damaligen Diözesanbischofs Johannes M. Gföllner Eingang in die Sammlung.

Das Projektteam des Gedächtnisbuches OÖ: Florian Schwanninger (Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim), Jägerstätter-Biografin Erna Putz, Thomas Schlager-Weidinger (Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz), Andreas Schmoller und Verena Lorber (beide Franz und Franziska Jägerstätter Institut der KU Linz) © Diözese Linz / Thomas Markowetz
Das Gedächtnisbuch Oberösterreich ist eine fortlaufend erweiterte Sammlung von Biografien zu Personen, die im Nationalsozialismus aus den verschiedensten Gründen verfolgt waren oder durch widerständiges Handeln gegen das NS-Regime ihr Leben in Gefahr brachten. In einem jährlich stattfindenden Projektablauf werden Teilnehmer:innen zur historischen Recherche und Auseinandersetzung mit einer ausgewählten Biografie angeleitet. Ziel ist dabei die Gestaltung eines vierseitigen Porträts aus Text, Bild und/oder Dokumenten, das als bleibendes Zeugnis in das Gedächtnisbuch eingefügt wird. Diese „neuen Seiten“ des Gedächtnisbuches werden jeweils bei der jährlich stattfindenden feierlichen Präsentation aufgeschlagen. Ergebnis ist eine wachsende Sammlung von NS-Verfolgtenbiografien im regionalen Kontext Oberösterreichs, die im Medium Buch an zentralen Orten aufbewahrt und zugänglich sind. Das Gedächtnisbuch OÖ kann im Mariendom Linz und im Linzer Schlossmuseum aufgeschlagen werden. Ziel ist es, das Gedächtnisbuch in verschiedene Kontexte des Erinnerns zu verorten und die erarbeiteten Biografien in die Gedenkkultur des Landes Oberösterreich einzubinden.
Das großformatige Objekt wurde eigens von einer Welser Buchbinderei in Handarbeit für diesen Anlass angefertigt. Das Buch ist damit mit seiner langlebigen und kunstvollen Materialität das Medium für Geschichte und Erinnerung. Es ist Symbol für das Aufzubewahrende. Das Buch steht dabei nicht in Opposition zu digitalen Medien und deren Flüchtigkeit, sondern ist als Referenz an die zerstörerische Gewalt der Nationalsozialisten gedacht, die in den Bücherverbrennungen vor 90 Jahren, am 10. Mai 1933, zum Ausdruck kam.
Das Projektteam des Gedächtnisbuches OÖ setzt sich zusammen aus Dr. Andreas Schmoller und Dr.in Verena Lorber (Franz und Franziska Jägerstätter Institut der KU Linz), Mag. Florian Schwanninger (Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim), Prof. Dr. Thomas Schlager-Weidinger (Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz) und Dr.in Erna Putz.
Präsentation auf dem OK-Deck in Linz
Bei der Präsentation am 20. Mai 2026 auf dem OK-Deck in Linz sprachen Thomas Schlager-Weidinger und Margot Nazzal, Leiterin der Direktion Kultur und Gesellschaft der Oö. Landesregierung, einführende Worte. Danach präsentierten die Beitragenden die neu eingefügten Seiten im inzwischen 66 Beiträge umfassenden Buch. Die musikalische Gestaltung übernahmen Bernhard Kitzmüller und Martin Kramer (Gitarren-Duo) sowie Davide Zavatti (Cello) und Stephan Hametner (Klavier).
Die Beiträge
Rosa und Ludwig Beer
Rosa Beer, geboren 1884, wuchs als Tochter einer angesehenen Wirtsfamilie in Wesenufer auf, absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete später in Wien in jüdischen Familien sowie in sozialen Einrichtungen. Nach der Heirat mit dem jüdischen Journalisten Louis Beer wurde sie Mutter von Ludwig Beer. Bereits 1921 verlor sie ihren Mann und musste die Familie fortan als alleinerziehende Mutter erhalten. Trotz zunehmender Verfolgung hielt sie während der NS-Zeit mutig Kontakt zu jüdischen Familien. Ludwig Beer entwickelte sich früh zu einem kommunistischen Widerstandskämpfer, wurde mehrfach verhaftet, kämpfte später in den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg sowie in der französischen Résistance und organisierte schließlich Widerstandsaktionen gegen das NS-Regime in Wien. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo wurde er schwer gefoltert, 1944 in das Konzentrationslager Dachau deportiert und dort ermordet. Rosa Beer kämpfte nach 1945 um Restitution, Erinnerung und öffentliche Anerkennung des Schicksals ihrer Familie.
Maria Ehmer
Maria Ehmer, geboren 1910, wuchs in einer armen Arbeiterfamilie in Niederösterreich auf und wurde früh durch das sozialistische Milieu ihrer Familie politisch geprägt. Gemeinsam mit ihrem Mann engagierte sie sich ab den 1930er Jahren in der kommunistischen Bewegung und unterstützte trotz der Verfolgung durch Austrofaschismus und Nationalsozialismus die illegale Widerstandsarbeit. Während ihr Mann zur Wehrmacht eingezogen war, übernahm sie zentrale Aufgaben im kommunistischen Widerstandsnetzwerk „Willy-Fred“ im Salzkammergut und transportierte unter großer Gefahr Geld und Nachrichten für Verfolgte und Untergetauchte. 1944 wurde sie von der Gestapo verhaftet, bei Verhören schwer misshandelt und in ein Frauengefängnis gebracht. Bei einem Bombenangriff im Jahr 1945 überlebte sie nur knapp und schwer verletzt. Nach dem Krieg engagierte sich Maria Ehmer im KZ-Verband sowie im Bund Demokratischer Frauen in Gmunden. Sie erhielt erst spät öffentliche Anerkennung für ihren Widerstand gegen das NS-Regime.
Ferdinand Elmer
Ferdinand Elmer stammte aus einer kinderreichen bäuerlichen Familie in Oberösterreich und arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg als Knecht und Gelegenheitsarbeiter. Eine schwere Kopfverletzung veränderte sein Leben nachhaltig. Aufgrund von Armut, Krankheit und seiner unsteten Lebenssituation wurde der 1881 Geborene von den Nationalsozialisten als „arbeitsscheu“ und „asozial“ stigmatisiert und 1943 von der Kriminalpolizei verhaftet. Anschließend wies man ihn in den Zentralwanderhof Herzogsägmühle ein, wo Menschen unter dem Vorwand der „Arbeitserziehung“ Zwangsarbeit, Misshandlungen und Entrechtung ausgesetzt waren. Am 20. Juni 1944 starb Elmer unter ungeklärten Umständen in Herzogsägmühle. Die offiziell angegebene Todesursache „Herzschwäche“ steht exemplarisch für die Verschleierung der tatsächlichen Folgen nationalsozialistischer Gewalt gegen Menschen, die als „Asoziale“ verfolgt wurden.
Rosalia Hahn
Rosalia Hahn wurde 1901 als Tochter einer Försterfamilie in Bovec in Slowenien geboren. Später zog sie nach Bad Ischl, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Josef Hahn ein Optikergeschäft führte. In den 1930er Jahren schloss sie sich den Zeug:innen Jehovas an und engagierte sich trotz zunehmender Repressionen aktiv für ihre Glaubensgemeinschaft. Nach dem „Anschluss“ Österreichs wurde sie aufgrund ihrer religiösen Überzeugung verfolgt und am 4. April 1939 gemeinsam mit anderen Zeug:innen Jehovas von der Gestapo verhaftet. Über das Polizeigefängnis Linz wurde sie in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie trotz Haft und Misshandlungen an ihrem Glauben festhielt. Nach rund vierzig Monaten Haft wurde ihr Tod im Juli 1942 offiziell bekanntgegeben. Rosalia Hahn zählt zu den zahlreichen Zeug:innen Jehovas aus Oberösterreich, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden.
Marie Luegmayer
Marie Luegmayer wurde 1879 in Linz geboren und wuchs in einer gutbürgerlichen katholischen Familie auf. Ab 1912 traten erstmals Schlaflosigkeit, Sinnesverwirrungen und Wutausbrüche auf. Ein traumatisches Erlebnis dreizehn Jahre später löste erneut einen psychotischen Schub aus, der zu wiederholten Aufenthalten in der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart in Linz führte. Ihre Schwester Ella kümmerte sich intensiv um sie und übernahm schließlich ihre Vormundschaft. Innerfamiliäre Konflikte über ihre Behandlung, Zweifel an den medizinischen Maßnahmen sowie die Verstrickung ihres Cousins, des Psychiaters Josef Schicker, werfen bis heute offene Fragen zur Rolle der Familie und der Ärzte im Kontext der nationalsozialistischen „Euthanasie“ auf. Im Rahmen der „Aktion T4“ wurde Mitzi 1940 aus Niedernhart in die Tötungsanstalt Hartheim deportiert. Offiziell wurde ihr Tod in „Grafeneck“ registriert, tatsächlich wurde sie jedoch vermutlich in Hartheim mit Kohlenmonoxid ermordet.
Franz Ohnmacht
Franz Ohnmacht war Priester der Diözese Linz, enger Mitarbeiter von Bischof Johannes Maria Gföllner und führend in der Organisation der Katholischen Aktion tätig. Aufgrund seiner engen Verbindung zum NS-kritischen Bischof sowie seiner klaren Ablehnung des NS-Regimes wurde er unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 verhaftet und stellvertretend für seinen Bischof verfolgt. Nach seiner Inhaftierung in Linz deportierte man Ohnmacht in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald, wo er schwer misshandelt, zu Zwangsarbeit gezwungen und mutmaßlich medizinischen Experimenten unterzogen wurde. Die jahrelange Haft beeinträchtigte seine körperliche und geistige Gesundheit nachhaltig. Nach seiner Entlassung 1943 und der Rückkehr nach Linz im Jahr 1946 litt er unter massivem Gedächtnisverlust, Sprachstörungen und zunehmendem geistigem Verfall. Franz Ohnmacht starb 1954 an den Folgen der KZ-Haft.
Eduard Pesendorfer
Eduard Pesendorfer wurde 1904 in Traunkirchen geboren, studierte Rechtswissenschaften in Wien und arbeitete anschließend als Beamter sowie als Bezirkshauptmannstellvertreter in Oberösterreich. In seiner Funktion als Leiter der Sicherheitsabteilung ging er bereits vor dem „Anschluss“ gegen die illegale Tätigkeit der verbotenen Nationalsozialisten vor. Unmittelbar nach dem „Anschluss“ 1938 wurde er verhaftet, misshandelt und in die Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg deportiert. Im Krankenrevier des KZ Dachau setzte er sich unter Lebensgefahr für kranke Häftlinge ein, versteckte konsekrierte Hostien für heimliche seelsorgliche Feiern und unterstützte zahlreiche Mitgefangene, insbesondere Geistliche. Nach seiner Entlassung Ende 1942, weiterem Kriegseinsatz und sowjetischer Kriegsgefangenschaft kehrte Pesendorfer 1945 nach Oberösterreich zurück. Er starb 1974 an den Folgen eines Schlaganfalls.
Wanda S.
Wanda S. wurde 1922 in Neusulzfeld (polnisch Nowosolna) geboren und musste nach dem frühen Tod ihres Vaters bereits in jungen Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Ab 1942 geriet sie in die Verfolgungsmaschinerie des NS-Regimes und wurde unter anderem im KZ Ravensbrück sowie im Jugendschutzlager Uckermark inhaftiert, wo sie als „asozial“ stigmatisiert wurde. Ab 1944 wurde Wanda S. in den Konzentrationslagern Dachau und Gusen zur sexuellen Zwangsarbeit gezwungen und später in Mauthausen als Häftlingsaufseherin eingesetzt. Zwar überlebte sie die Befreiung, verschwieg jedoch in ihrem Wiedergutmachungsantrag die erlittene sexuelle Zwangsarbeit. Dies verweist sowohl auf die anhaltende Stigmatisierung dieser Opfergruppe als auch auf die lange verweigerte gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung ihres Leidens.
Rosa Winter und Arthur Schneeberger
Rosa Winter wurde 1923 als Angehörige einer österreichischen Sinti-Familie in Königswiesen geboren und 1939 im Zuge nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen interniert. Nach Zwangsaufenthalten in den Lagern Maxglan und Ravensbrück musste sie Zwangsarbeit leisten, wurde schwer misshandelt und konnte 1945 während eines Todesmarsches entkommen. Arthur Schneeberger, 1916 in Halle an der Saale geboren, gelang als Häftling des KZ Sachsenhausen gegen Kriegsende die Flucht während eines Todesmarsches. Auf dem Weg nach Österreich begegnete er Rosa; beide hatten nahezu ihre gesamten Familien im Holocaust verloren. Nach dem Krieg gründeten sie gemeinsam eine Familie in Linz, litten jedoch weiterhin unter den körperlichen, psychischen und gesellschaftlichen Folgen der Verfolgung sowie unter der anhaltenden Diskriminierung von Sinti und Roma in Österreich. Rosa Winter engagierte sich später intensiv als Zeitzeugin gegen das Vergessen und für die Anerkennung der Rechte von Roma und Sinti. Ihre Tochter und Enkelin führten dieses Engagement in der Erinnerungs- und Bildungsarbeit weiter.
Bischof Scheuer: „Gedenken lässt in Begegnung eintreten und eröffnet Verantwortung“
Schlussworte sprachen Andreas Schmoller, Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts an der KU Linz, und Bischof Manfred Scheuer. Bischof Scheuer bezeichnete in seinen Gedanken die Erinnerung als das Schlüsselwort; sie verbinde Vergangenheit und Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Das Erinnern gebe der Gerechtigkeit ihre Würde zurück. Erinnerung an Leid und an Leidende stehe im Kontext von Abwehr, Empörung, Grauen, Sympathie, Apathie oder Antipathie, von Scham oder Gleichgültigkeit, Nihilismus, Hoffnung, Arroganz, Hass, Verachtung, Verzweiflung, Verzeihen, Freude am Leben, Bitterkeit. „Wenn alle von ‚Bewältigung’ und ‚Aufarbeitung’ der Vergangenheit reden, dann werden die unschuldig Leidenden wieder zu Material. Dies geschieht auf ganz andere Weise, wenn die Toten im Besitz der Lebenden für gegenwärtige Machtkämpfe herhalten müssen, wenn die moralische Entrüstung hervorgeholt wird, um als nützliche Waffe zu dienen. Und nicht zuletzt sind die Schmerzen und Schreie der Opfer in der Vergangenheit interessant für Voyeure, denen es gerade fad ist und die deshalb nach Unterhaltung rufen. Und dann gibt es auch einen Trend zur Musealisierung, zur Neutralisierung oder zur Relativierung und geschichtlichen Einordnung des Holocaust. Aber Geschichte kann man nicht neutralisieren“, so Scheuer.
Das Gedenken in Mauthausen sei kein Beobachten der schrecklichen Ereignisse vor 85 Jahren aus sicherer Distanz, sondern lasse in Begegnung eintreten und eröffne Verantwortung. Das Gedenken stehe „im sozialen, politischen und religiösen Kontext der Vergangenheit und der Gegenwart“; es brauche „die Aufmerksamkeit gegenüber Formen materieller und sozialer Armut, gegenüber Entwurzelung, gegenüber Ängsten, gegenüber Potentialen von Verachtung und Hass, von Ressentiment, Revanchismus und Antisemitismus“. Es suche aber auch nach Spuren der Aussöhnung und der Hoffnung.
Bischof Scheuer dankte dem Projektteam des Gedächtnisbuches und allen, die ihre Verbundenheit mit ihren Familienangehörigen gezeigt hätten. „Ich danke allen, die historisch forschen und arbeiten, dass unsere Erinnerungskultur mit Gesichtern und Namen verbunden sein kann“, meinte Scheuer wörtlich.
Besonderes Gedenkprojekt
Das Gedächtnisbuch ist ganzjährig im Linzer Mariendom und im Oberösterreichischen Landesmuseum aufgelegt. Eine digitale Fassung findet sich auf der Webseite des Jägerstätter-Instituts (www.ku-linz.at/gedaechtnisbuch_ooe).
Das Gedächtnisbuch Oberösterreich verbindet Wissenschaft und Forschung mit gelebter partizipativer Erinnerungskultur. Das Projekt führt geschichtlich bis in die kleinsten Dörfer des gesamten Bundeslandes Oberösterreich. Es umfasst damit die diversesten sozialen Gruppierungen, Altersgruppen, Weltanschauungen, Verfolgungsgründe, auch solche, deren Erinnerung teils bis in die Gegenwart eine Leerstelle darstellen.
Um Teil des Projekts zu werden und selbst eine Verfolgtenbiografie in das kollektive lokale Gedächtnis aufzunehmen, können sich Interessierte an das Franz und Franziska Jägerstätter Institut wenden (ffji@ku-linz.at).







