Freitag 24. April 2026

Thomas-Akademie 2026: Säkularisierung als Konzept und Realität

Die Herausforderungen der Säkularisierung für Kirche und Gesellschaft standen im Mittelpunkt der Thomas-Akademie, zu der Bischof Manfred Scheuer, die Katholische Privat-Universität Linz und das Bischöfliche Priesterseminar der Diözese Linz am 23. April 2026 an die KU Linz luden.

Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack zeigte in seinem Vortrag einen dramatischen religiösen Wandel auf, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass die Kirchen trotz anhaltendem Relevanzverlusts auch in säkularen Gesellschaften wichtige Orte der Regeneration gemeinschaftsstiftender Werte blieben.

 

Nach der Begrüßung durch Rektor Universitätsprofessor Michael Fuchs, in der er anhand des akademischen Werdegangs, der wissenschaftlichen Projekte und Forschungen sowie ausgewählter Publikationen die breite Expertise des Referenten beleuchtete, eröffnete Bischof Manfred Scheuer das Thema des Abends mit der Frage: „Welche Rolle kann Religion, kann Kirche heute haben?“ Sei man von ihrer vermittelnden Funktion zwischen Individuum und Gesellschaft überzeugt – und betrachte Kirche nicht als oppositionellen, sondern als einen integralen, ja stabilisierenden Faktor –, müsse man sich mit Phänomenen der Säkularisierung fundiert und nüchtern auseinandersetzen.

 

V. l.: Rektor Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Bischof Dr. Manfred Scheuer, Prof. Dr. Detlef Pollack, Regens KonsR Dr. Slawomir Dadas.

V. l.: Rektor Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Bischof Dr. Manfred Scheuer, Prof. Dr. Detlef Pollack, Regens KonsR Dr. Slawomir Dadas. © KU Linz / Hermine Eder

 

Lesarten von „Säkularisierung“: Hypothesen und Befunde

 

Detlef Pollack setzte in seinem Vortrag zunächst beim Begriff selbst an: Es handle sich hier nicht um ein wertneutrales Konzept, sondern „Säkularisierung“ sei kulturell hoch aufgeladen und ein in mehrere Richtungen lesbarer „Kampfbegriff“, der aufs Engste mit dem Selbstverständnis der europäischen Moderne verknüpft sei. Auch die Theologie bediene sich dieses Konzepts und gebe ihm spezifische Wendungen, die positive Deutungen und Selbstbilder von Religion und Kirche „in und durch Säkularisierung“ erlauben. Gerade das aber habe dazu geführt, dass es zwar eine intensive Debatte um Konzepte, Methoden und Analyseinstrumente von „Säkularisierung“ gab und gibt; die verfügbar empirische Datenlage werde dabei aber weitgehend ausgeblendet. Dagegen gelte es, Säkularisierung als deskriptive soziale Kategorie zu begreifen und Prozesse des religiösen Wandels gestützt auf empirische religionssoziologische Befunde herauszuarbeiten.

 

Das im Anschluss differenziert erläuterte Datenmaterial – Erhebungen, Umfragen, statistische Auswertungen – zeigt sowohl in Europa als auch in den USA einen dramatischen religiösen Wandel, der ähnlich auch in anderen Weltregionen greifbar sei. Man müsse hier, so Pollack, von „einer überwältigenden Evidenz“ sprechen, die sich nicht nur auf den Bereich institutionalisierter Religion und ihrer Vollzugsformen beziehe, sondern ins Innerste des Glaubens führe. So tritt neben einem dramatischen Rückgang beispielsweise des wöchentlichen Kirchgangs (bei Katholik:innen in Deutschland von rund 50 % 1950 auf unter 6 % 2022) eine Verflüchtigung des Glaubens an einen Gott bzw. die Gleichgültigkeit gegenüber Kernfragen des Glaubens.

 

Dabei blieb Pollack aber nicht stehen. In einem weiteren Schritt vertiefte er diese religionssoziologischen Befunde und erprobte an ihnen beispielhaft fünf Erklärungshypothesen für Säkularisierungsprozesse. Die Sichtbarmachung ihrer zugrundeliegenden kausalen Mechanismen und die Benennung der Einschränkungen ihrer Erklärungsreichweite holte den Titel des Vortrags – „Säkularisierung verstehen“ – ein und war damit auch eine Lehrstunde wissenschaftlicher Sorgfalt und Redlichkeit. Mit der steten Rückbindung an das empirische Material gewannen die Hypothesen Profil: Nimmt mit steigendem Wohlstandsniveau das Niveau der Religiosität zwingend ab? Wie wirken sich funktionale Differenzierungen auf die Integrationsfähigkeit von Kirchen aus? Sind Rationalisierung und Individualisierung Treiber der „Verflüssigung“ religiöser Vorstellungen? Stärkt eine zunehmende Individualisierung Formen des Religiösen oder führt sie zur Abschwächung der lebensgestaltenden Kraft des Religiösen? Wie wirken sich religiöse Mehrheitsverhältnisse auf individuelle religiöse Überzeugungen aus – und was bedeutet das angesichts einer wachsenden Pluralisierung des religiösen Feldes und der Skepsis gegen jede Form von Wahrheitsanspruch?

 

In multiperspektivischen Analysen kamen auch jüngste Entwicklungen zur Sprache, etwa die Wiederkehr der Religion im Feld des Politischen – sei es die religiöse Aufladung der „Nation“, wie man es im orthodoxen Bereich beobachten könne, oder die Rolle des Evangelikalismus im politischen System der USA. Hierin sieht Pollack eher eine vorübergehende und nur vermeintliche „Hochphase“ mit in letzter Konsequenz klar negativen „Folgekosten“ für die Rolle von Religion und Kirchen in der Gesellschaft.

 

Trotz aller Herausforderungen, denen sich insbesondere institutionalisierte Religion stellen müsse, unterstrich Detlef Pollack zum Abschluss die positive Rolle von Kirchen, die sich nicht als „Player der Tagespolitik“ oder als „gesellschaftliche Dominanzfaktoren“ missverstehen. Gesellschaftlich positiv besetzte Werte wie Solidarität und Fairness werden von Menschen in Kirchen gelebt und vertreten und die in einem erheblichen Umfang auch ehrenamtlich geleistete Arbeit in sozialen Feldern erfahre hohe Anerkennung. So können Kirchen in Gesellschaft und Politik gegen Polarisierung wirken: „Die Formen gelebter Gemeinschaftlichkeit sind eine Qualität, die in vielen anderen gesellschaftlichen Kontexten gebraucht wird!“

 

Daran knüpfte auch Slawomir Dadas, Regens des Priesterseminars der Diözese Linz, in seinem Schlusswort an: Die Kirche und ihre Rolle in der Welt positiv und zukunftsfähig zu gestalten, sei eine Aufgabe, zu der die jährliche Thomas-Akademie mit Reflexion und Diskussion aktueller Fragen qualifizierte Impulse liefern möchte.

 

KU Linz / Hermine Eder

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