Montag 16. März 2026

Dürnberger: Habermas erwartete von Theologie "viel, vielleicht zu viel"

Der Salzburger Theologe Martin Dürnberger äußerte sich im Kathpress-Gespräch zum Ableben des deutschen Philosophen Jürgen Habermas am 14. März 2026 über gemeinsame Anliegen und bleibende Differenzen zwischen Theologie und nachmetaphysischer Philosophie.

Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 mit 96 Jahren verstorben ist, hat sich selbst in Anlehnung an Max Weber stets als "religiös unmusikalisch" bezeichnet und sich auch gegen jede theologische Vereinnahmung gewehrt; gleichwohl hat er sich gerade in den letzten Jahren immer wieder mit theologischen Autoren und der Frage befasst, ob die in religiöser Erfahrung geborgenen Gehalte nicht auch für eine prinzipiell säkulare Gesellschaft noch orientierende Kraft entfalten können. Dabei habe Habermas von der Theologie - freilich ohne dies dezidiert auszusprechen - "durchaus viel erwartet, vielleicht sogar zu viel", betonte der an der Universität Salzburger lehrende Theologe und Habermas-Kenner, Prof. Martin Dürnberger, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress am 15. März 2026.

 

Dürnberger verwies dazu etwa auf einen kurzen "Geburtstagsgruß", den Habermas im vergangenen Jahr an den kürzlich ebenfalls verstorbenen Frankfurter Religionsphilosophen Thomas Schmidt formuliert hatte. Darin verteidigte Habermas den in konkreter religiöser Erfahrung wurzelnden Dreiklang von Glaube, Liebe und Hoffnung gegen Konzepte einer inhaltlich unbestimmten Hoffnung. "Hier hat Habermas den Christen ins Stammbuch geschrieben, den Grund ihrer Hoffnung immer wieder neu zu aktualisieren und zu konkretisieren - denn Haltung ohne Inhalt wird zum bloßen Gestus", so Dürnberger.

 

Zugleich habe Habermas konsequent eingemahnt, dass diese theologischen Inhalte sich "diskursiv bewähren" und "säkular übersetzen" lassen müssten. In seinem späten Opus magnum "Auch eine Geschichte der Philosophie" (2019) habe er rekonstruiert, wie theologische Konzepte im Lauf der Geschichte neue Wege eröffnet und auch die Philosophie wegweisend inspiriert haben. Gerade hier habe Habermas im Blick auf die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft "viel von Theologie erwartet - vielleicht sogar zu viel. Es ist jedenfalls eine offene Frage, ob und wie sie diese Erwartungen einlösen kann."

 

Man könne darin eine Lernbereitschaft der säkularen Vernunft der Religion gegenüber sehen, allerdings auch eine gewisse funktionalistische Dienstbarmachung von Religion für soziale Problemlagen. Unabhängig davon bleibe Habermas ein inspirierender Denker für die Theologie, vor allem, wo er die Frage nach dem "unabgegoltenen Leid und himmelschreienden Ungerechtigkeiten" nicht nur in die Philosophie einspiele, sondern die Theologie als Ort der "prophetischen Benennung dessen, was fehlt" sieht, so Dürnberger abschließend.

 

Martin Dürnberger (r.) und Jürgen Habermas

Martin Dürnberger (r.) und Jürgen Habermas © Kathpress / Henning Klingen

 

Erzbischof Lackner: Habermas hinterlässt der Menschheit einen Schatz

 

Mit dem Tod von Jürgen Habermas ist "die Stimme eines großen Geistes verstummt": Mit diesen Worten kondolierte der Salzburger Erzbischof Franz Lackner am Samstag, 14. März 2026 zum Tod des bekannten deutschen Sozialphilosophen. "Jürgen Habermas hat mit seinem Denken und Wirken einen großen Schatz für die Menschheit hinterlassen; manches an ihm wird man in unseren säkularen Tagen als prophetisch erkennen", so der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz.

 

Habermas habe sich selbst als einen religiös "unmusikalischen" Menschen gesehen, seine Bedeutung für das religiöse Denken unserer Tage sei aber "unschätzbar", hielt Lackner fest. Davon zeuge nicht zuletzt Habermas' Debatte mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger im Jahr 2004, in der beide von unterschiedlichen Punkten aus die Vermessung der moralisch-politischen Grundlagen menschlichen Zusammenlebens versuchten.

 

Habermas habe mit Blick auf die säkulare Gesellschaft einst von der "verlorenen Hoffnung auf Resurrektion" gesprochen, die eine spürbare Leere hinterlasse, fügte der Salzburger Erzbischof hinzu: "Möge ihm das Licht eben dieser Hoffnung nun leuchten."

 

 

Einer der bedeutensten Philosophen der Gegenwart ist verstorben

 

Der Philosoph Jürgen Habermas ist am Samstag, 14. März 2026 im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben, wie sein Verlag Suhrkamp der deutschen Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) bestätigte. Habermas galt als einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart und war ein einflussreicher Intellektueller.

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz kondolierte. Der Vorsitzende Bischof Heiner Wilmer nannte Habermas einen "Ausnahme-Philosophen". Er erklärte: "Die Weite seines Denkens und die visionäre Kraft Brücken zwischen der Philosophie und Religion zu bauen, werden bleiben." Unvergessen sei sein Dialog mit Joseph Ratzinger, "der gezeigt hat, dass die Theologie nicht ohne die Philosophie und die Philosophie nicht ohne die Theologie bestehen kann."

Geboren wurde Habermas am 18. Juni 1929 in Düsseldorf. Er studierte Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur sowie Ökonomie in Göttingen, Zürich und Bonn. Dort erlangte er 1954 die Doktorwürde. Auf Einladung von Theodor W. Adorno begann er in den 1950er Jahren als Assistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Habermas war einer der bekanntesten Vertreter der Kritischen Theorie der Gesellschaft, die aus der "Frankfurter Schule" hervorgangen war.

Als Universitätsprofessor für Philosophie beziehungsweise Soziologie lehrte Habermas in den 1960er und 1970er Jahren erst in Heidelberg und dann in Frankfurt am Main. Als Wissenschaftler wurde er im Zuge der Studentenbewegung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Von 1971 bis 1983 war er Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. 1983 kehrte er wieder als Philosophieprofessor an die Frankfurter Universität zurück.

Neben zahlreichen Auszeichnungen - darunter der Heine-Preis - und Ehrendoktorwürden im In- und Ausland erhielt Habermas 2001 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Jury würdigte ihn als den prägendsten deutschen Philosophen der Gegenwart, der zu den meistübersetzten Autoren des Deutschen gehöre.

Habermas äußerte sich nicht nur zu gesellschaftlichen Fragen wie 2017 mit seiner Ablehnung einer Leitkultur oder 2022 zum Ukrainekrieg, sondern auch zu religiösen Themen. Bekannt ist seine Debatte 2004 mit Kardinal Joseph Ratzinger, der im Jahr darauf Papst wurde.

 

Kathpress

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