Saturday 28. May 2022

KU Linz: Dies Academicus zum Thema Verschwörungstheorien

"Chemtrail, Corona und Klimawandel … das kann doch kein Zufall sein!" Muster, Argumentationsfiguren, Erscheinungsbilder und ästhetische Codes von Verschwörungstheorien bildeten den Inhalt des Dies Academicus der KU Linz am 19. November 2020.

 

Bei der Veranstaltung an der Katholischen Privat-Universität Linz, die ein höchst aktuelles Thema aufgriff, referierten der Amerikanist Michael Butter von der Universität Tübingen, der Kulturwissenschafter Daniel Hornuff von der Kunsthochschule Kassel, der Berliner Autor und Philosoph Jan Skudlarek und die Wiener Medienkünstlerin Karin Ferrari.

 

Nicht nur in der Abhaltungsform – der Dies Academicus fand aufgrund des Lockdowns im Online-Modus statt –, auch inhaltlich stand die Veranstaltung ganz im Zeichen der Corona-Pandemie: Bei den im Herbst letzten Jahres beginnenden Vorbereitungen konnte man, so Professor Michael Fuchs, Vizerektor für Forschung und Lehre an der KU Linz, in seiner Begrüßung, noch nicht wissen, dass das Thema Verschwörungstheorien im wahrsten Sinne des Wortes 'virulent' werden würde. Heute scheint es uns, als würden solche 'Welterklärungen' namentlich im Zusammenhang mit Corona geradezu explosionsartig zunehmen – und nicht zuletzt aufgrund potenzieller Gewaltbereitschaft mancher ProtagonistInnen eine auch für das demokratische System und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedenkliche, wenn nicht sogar bedrohliche Dynamik entfalten.

 

Professorin Ilaria Hoppe vom Institut für Kunst in gegenwärtigen Kontexten und Medien der KU Linz sprach in ihrer Einführung daher von einer "kritischen Masse" die erreicht sei, indem Verschwörungstheorien durch das Internet nicht nur rasend schnell Verbreitung finden, sondern vielfach auch als 'Wahrheit' geglaubt und weitergegeben würden. Gleichzeitig üben solche Theorien eine große Faszination aus, die u.a. auch in literarischen Verarbeitungen – etwa von Umberto Eco oder Dan Brown – ein großes Publikum ansprechen. Zu fragen sei, was diese Erscheinungen für unsere Gegenwart bedeuten und wie diese mit Kontrollverlust, Verunsicherung und auch Angst in einer unübersichtlich empfundenen globalen Welt zusammenhängen.

 

Im Vortrag "Verschwörungstheorien in der Corona-Krise" machte Michael Butter, Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte von der Eberhard Karls Universität Tübingen, zunächst deutlich, dass entgegen unserer Wahrnehmung Verschwörungstheorien nicht zugenommen haben, ja alles andere als eine neue Erscheinung sind. Rund ein Drittel der Menschen sind für Verschwörungstheorien zumindest empfänglich. In der Herausarbeitung der verschiedenen Funktionen, die Verschwörungstheorien für diejenigen haben, die sie hervorbringen bzw. annehmen und weitergeben, zeigte er, dass solche Theorien in der Vergangenheit oft allgemein geteiltes, nicht weiter hinterfragtes Gemeinwissen waren, mit dem auch (Welt-)Politik gemacht wurde. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie entwickeln diese Theorien deshalb eine neue Dynamik, weil sie – verstärkt durch das Internet – zum einen an bestehende Verschwörungstheorien 'andocken', zum anderen deshalb, weil die staatlichen Verordnungen und Beschränkungen ganz unmittelbar in die Lebenswelt aller Menschen eingreifen, man also ganz anders betroffen ist als etwa von der Theorie, dass die Mondlandung eine Fiktion aus dem Filmstudio sei.

 

Verschwörungstheorien, Dies Academicus

Die Corona-Pandemie: Anlass für Verschwörungstheorien. © Omni Matryx / www.pixabay.com CC0 1.0

 

"Rechte Verschwörungsnarrative und ihre Bilder" behandelte Daniel Hornuff, Professor für Theorie und Praxis der Gestaltung an der Kunsthochschule Kassel. Ausgehend von der Frage, wie Bilder wirken und wie diese in bestimmten Kontexten eingesetzt werden, arbeitete er am Beispiel antisemitischer Stereotype heraus, mit welchen Strategien und Inszenierungen die 'Neue Rechte' Rassismus ästhetisiert, popularisiert und damit ganz bestimmte Botschaften in die Gesellschaft trägt. So würden etwa Karikaturen oder bewusst laienhaft gestaltete Text/Bild-Kombinationen zu "Fluchtpunkten der eigenen Verschwörungstheorie", die RezipientInnen zugleich zur Aktivität anregen: Die Bilder werden ausgedruckt und als Schilder bei Demos und Kundgebungen getragen, sie werden aber auch bearbeitet, montiert, verfremdet und in die sozialen Medien gespielt. Positives Feedback – als die Hauptwährung der Anerkennung im Netz – bewirke einen Verstärkungseffekt, was sich auch bei den jüngsten Demonstrationen von 'Corona-Gegnern' in Deutschland gut beobachten lasse: von der Selbstwahrnehmung der 'Neuen Rechten', in einem 'Kulturkampf' zu stehen bis hin zur Verbindung ganz unterschiedlicher Gruppierungen, die eben keine homogene Gruppe von 'Corona-Gegnern' ergebe, sondern diese sich vielmehr als Sammelbecken ganz unterschiedlicher, auch widerstreitender Fraktionen erweise.

 

Eine reiche Zusammenschau aktueller Verschwörungstheorien lieferte der Berliner Philosoph und Autor Jan Skudlarek in seinem Beitrag "Viel Meinung, wenig Ahnung. Über Verschwörungstheorien". Dabei strich er vor allem eine durchaus logisch aufgebaute Argumentationsfigur heraus: in vielen dieser Theorien werde eine immer nach demselben Muster ablaufende Umetikettierung der 'Wahrheit' vorgenommen, durch die Argumentationen gegen jeden Widerspruch immunisiert und aus dem Bereich der Überprüfbarkeit herausgenommen werden. Jede Gegenrede ordne sich immer 'logisch' in das Komplott der Verschwörer ein: Wenn die ganze Presse gesteuert ist, die Bevölkerung heimlich ausgetauscht wird, das Coronavirus eine Biowaffe aus dem Labor oder eine reine Fiktion ist – dann ist jeder Einspruch nur wieder der Versuch, eine "erleuchtete Minderheit" zu unterdrücken. Und gerade dieses Gefühl, von einem übermächtigen Gegner – der oft an Protagonisten wie etwa Bill Gates festgemacht wird – marginalisiert zu werden, kann zu einer gefährlichen Radikalisierung führen, wo Gewalt als Notwehr und zugleich Befreiung verstanden und legitimiert wird.

 

Einen völlig anderen Zugang zum Thema – und damit auch ein anderes Verständnis für abweichende Meinungen – eröffnete die Wiener Medienkünstlerin Karin Ferrari mit der abschließenden Lecture-Performance "Decoding (The Whole Truth)". Ferrari untersucht in ihrer künstlerischen Praxis Wissensproduktionen digitaler Subkulturen, wobei sie sich besonders mit spekulativen Narrativen zwischen akademischer Theorie und esoterischen Utopien befasst. Man könne Verschwörungstheorien einem Bereich menschlicher Schöpfung zuordnen, der jenseits von Fakten und Fiktionen einen anderen Raum der Wahrheit aufschlage. Die Magie dieses Denken sei im Übrigen nicht so zu verstehen, dass man sich an ein magisches Universum ausgeliefert fühle, sondern im Gegenteil: die eigene, in Aufbau und Gestaltung oft höchst rationale und elaborierte Theorie ermögliche gerade eine magische Beeinflussung der Welt, stelle also auch eine Ermächtigung dar. In Ferraris Video Decoding the iPhone Xs. A techno-magical Portal (2019) wurde eine solche Theorie exemplarisch vorgeführt, quasi als eine künstlerisch überhöhte Verschwörungs- oder besser: Welterklärungstheorie zweiter Ordnung.

 

Maximilian Lehner vom Institut für Kunst in gegenwärtigen Kontexten und Medien der KU Linz sprach in diesem Sinne von einer "ästhetischen Rehabilitierung der Verschwörungstheorien"; Ilaria Hoppe sah in Ferraris Zugang vor allem auch das Verständnis, das man VerschwörungstheoretikerInnen – ohne Ironie und sich lustig zu machen, gleichzeitig ohne Verharmlosung etwa von Gewaltbereitschaft – entgegenbringen könne, auch um sein persönliches Verhältnis zu den vielen kleinen Formen des alltäglichen Aberglaubens zu prüfen. Karin Ferrari unterstrich mehrfach, dass es auch darum gehen müsse, andere Meinungen auszuhalten, sich auch unbequemen, ja vielleicht absurden Fragen zu stellen und diese zu beantworten – und so im Gespräch zu bleiben.

 

Fazit: Es ist wichtig, mit Menschen die Verschwörungstheorien anhängen, solange als möglich im Dialog zu bleiben. Als Prävention müsse Aufklärung über Funktionsweisen und Strategien stattfinden. Schwierig werde es, wenn Menschen sich in ihrer Überzeugung völlig hermetisch eingeschlossen haben: jede Gegenrede, jedes Argument verstärke dann die eigene Position, jeder, der widerspricht, werde zu einem Agenten der Verschwörung, jede staatliche Maßnahme bekräftige und ‚bewahrheite‘ das eigene Denkgebäude. Die Anschläge von Christchurch und von Oslo und Utøya lehren, dass ein Umschlag in Gewalt möglich ist. Radikalisierte Einzeltäter können aus Versatzstücken von Verschwörungstheorien ein Weltbild zusammenfügen, das nicht selbstgenügsam im Phantasma der eigenen Allwissenheit verbleibt, sondern katastrophales Handeln gebiert.

 

Das Streaming-Video des Dies Academicus ist auf der Facebook-Seite der KU Linz abrufbar. Voraussichtlich im März 2021 wird in Verbindung mit dem Dies Academicus „Verschwörungstheorien“ ein Themenheft der Zeitschrift kunst und kirche erscheinen.

 

Hermine Eder / KU Linz

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