Sunday 8. December 2019

Leise rieselt der Schnee

Wolfgang Roth, Pastoralassistent in der Pfarre Freistadt, über die Kostbarkeit des Unverfügbaren und eine tiefere Wirklichkeit, die Offenheit braucht, um erfahrbar zu werden. 

Es ist ein magischer Moment. Die Luft klar und verdichtet. Kalte Wolkendecken beschweren den Himmel. Von dort, bewegt in tänzelndem Lufthauch, fällt er herab: der erste Schnee des Jahres. Es ist ein magischer Moment. Im Treiben der Welt schimmert für einige Momente eine andere Wirklichkeit durch. Wir sind erinnert an das Staunen unserer Kindertage. An eine Zeit, in der wir noch darauf vertrauten, nicht alles selbst machen zu müssen. Und das ist wahrscheinlich auch das Magische am ersten Schnee: Wir können ihn nicht machen. Wir können ihn nicht erzwingen. Wir können ihn nicht einfordern. Auch nicht mit Schneekanonen. Der erste Schnee ist anders. Er lässt auf sich warten und fällt, wenn seine Zeit gekommen ist. Ganz leise.

 

Schau doch – es schneit!

 

Er fällt und die Welt hält für Momente den Atem an. Atemlos geht vieles dennoch den gewohnten Gang. In der Betriebsamkeit des Alltags, im Karussell der eigenen Gedanken, im Planen immer neuer bedeutsamer Projekte kann er sich nur schwer sichtbar machen – der erste Schnee. Nichts für atemlose Menschen. Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit meinem Neffen. Ich ging und er blieb stehen. Ich ging weiter. Er stand still. „Was ist denn?“ – „Schau doch – es schneit ...“ – „Na und?“ – Den folgenden, mich bemitleidenden Gesichtsausdruck des Bübchens werde ich mein Leben lang nicht vergessen. – „Es schneit ...“ Mit einem Mal sah ich es auch. Anders als zuvor. Anders als beim bloßen Vorbei- und Hindurchgehen. Ja, tatsächlich: Es schneit. Ich atmete auf.

 

Der erste Schnee - einfach staunen

Wie ein Kind staunen über den ersten Schnee. © kristamonique / www.pixabay.com CC0 1.0

 

Was uns atmen lässt

 

Vieles in unserer Welt verhält sich ähnlich dem Fallen des ersten Schnees. Entscheidendes im Leben ist oftmals völlig unverfügbar. Wertvoll ist, was nicht allein in der eigenen Hand liegt. Auf diese unverfügbaren Facetten unseres Lebens können wir nur warten. Offen sein. Innerlich bereit sein auf dieses Andere, das jeden Moment in unsere Welt brechen könnte. Zu allen Zeiten, in allen Kulturen und Religionen gab und gibt es Menschen, die diese Haltung der Offenheit verkörpern. Die christliche Tradition nennt sie beispielsweise Heilige. Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Männer, Frauen, Alte, Junge, Fromme und Tatkräftige, mein kleiner Neffe. Sie alle verbindet eines: Offenheit. Eine Offenheit, in die er hineinfallen kann – der erste Schnee. Und mit ihm so vieles andere, was unserem Leben eine tiefe Wahrheit gibt: die bedeutsamen Worte „Ich liebe dich“, die herzliche Umarmung einer Freundin, eine betrunkene Ausgelassenheit bei Tagesanbruch, das Mitfühlen mit Menschen, die wir noch nicht einmal kennen, Sinn und Trost, Hoffnung und Traum. Und schließlich die uralte Ahnung jener umfassenderen Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die wir nicht machen, kontrollieren oder einfordern können. Die immer wieder aufs Neue unsere Welt durchweht und dem Menschen entgegentanzt, wie der erste Schnee der Landschaft. Eine Wirklichkeit, die uns aufatmen lässt.

 

Mag. Wolfgang Roth BA ist Pastoralassistent in der Pfarre Freistadt.

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