Sonntag 18. November 2018

Forscher-Team lüftet Geheimnisse um den „Luftg’selchten Pfarrer“

Forscher-Team lüftet Geheimnisse um den „Luftg’selchten Pfarrer“

Um den sogenannten „Luftg’selchten Pfarrer“ ranken sich seit rund 200 Jahren zahlreiche Spekulationen. Am 4. November 2018 wurden in St. Thomas am Blasenstein neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zur Mumie präsentiert.

Die klimatisch ungünstigen Bedingungen in der Gruft der Pfarrkirche und der daraus resultierende sich verschlechternde Erhaltungszustand der Mumie machten rasches Handeln notwendig. Für eine naturwissenschaftlich-medizinische Untersuchung konnten der Münchner Pathologe und Mumienexperte Prof. Andreas Nerlich und der Rechtsmediziner Prof. Oliver Peschel, Konservierungsbeauftragter für den „Ötzi“, gewonnen werden. Die Forscher hatten – gemeinsam mit assoziierten Instituten – die Möglichkeit erhalten, wissenschaftliche Daten zu sammeln; im Gegenzug unterstützen sie die Pfarre St. Thomas bei der Umsetzung der konservatorischen Maßnahmen.

Die Mumie wurde im Oktober 2017 für zehn Monate nach München gebracht. In der Zwischenzeit wurde ein zweiter Gruftraum geöffnet und saniert. Das vergrößert nicht nur den Ausstellungsbereich, sondern verbessert vor allem das Raumklima deutlich durch eine stetige Umluft. Seit 8. August 2018 ist die Mumie wieder in der Gruft der Pfarrkirche St. Thomas zu sehen.

Der neue Gruftraum unterhalb der Pfarrkirche in St. Thomas am Blasenstein

Die Mumie im sanierten Gruftraum. (c) Judith Wimmer

Die kostenlose Unterstützung der Münchner Wissenschaftler bei der Befundung und den konservatorischen Maßnahmen an der Mumie war ein großes Geschenk an die Pfarre St. Thomas. Begleitet wurden die Maßnahmen durch das Kunstreferat der Diözese Linz.

Am Sonntag, 4. November 2018 wurden alle nun vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse im Kulturraum der Volksschule in St. Thomas am Blasenstein der interessierten Öffentlichkeit präsentiert. Prof. Oliver Peschel (Institut für Rechtsmedizin der Universität München), Prof. Andreas Nerlich (Institut für Rechtsmedizin der Universität München), Dr. Peter Hofer (Institut für Pathologie, Städtisches Klinikum München) und Mag.a Judith Wimmer (Kunstreferat Diözese Linz) standen allen Interessierten Rede und Antwort.

 

v.l.n.r. Prof. Oliver Peschel (Institut für Rechtsmedizin, Uni München), Prof. Andreas Nerlich (Institut für Pathologie, Städtisches Klinikum München), Mag.a Judith Wimmer (Kunstreferat Diözese Linz), Dr. Peter Hofer (Institut für Rechtsmedizin, Uni

Die Hauptverantwortlichen des Projektes im Gruftraum, v.l.n.r.: Prof. Oliver Peschel (Institut für Rechtsmedizin der Universität München), Prof. Andreas Nerlich (Institut für Pathologie, Städtisches Klinikum München), Mag.a Judith Wimmer (Kunstreferat Diözese Linz), Dr. Peter Hofer (Institut für Rechtsmedizin der Universität München) / (c) Erich Wimmer

 

„Die Spannung war richtig spürbar“

Mag.a Judith Wimmer vom Kunstreferat der Diözese Linz: „Die Präsentation am 4. November fand unter großem Andrang statt. VertreterInnen von Pfarre, Gemeinde, Tourismus, Presse und zahlreiche BewohnerInnen von St. Thomas waren gekommen. Die Spannung im Saal zur Frage, welche Geheimnisse die Mumie preisgegeben habe, war richtig spürbar. Zum Abschluss bekam die Pfarre einen Scheck über 3.000 Euro überreicht, die für die Sanierung des Gruftraums und die weitere Erhaltung der Mumie verwendet werden. Michael Leimer, Besitzer der ,Rieglmühle‘ in St. Thomas, hat hier die Spenden, die er beim ,Tag des Denkmals‘ 2018 lukrieren konnte, noch selbst großzügig aufgerundet und als Geschenk an die Pfarre weitergegeben.“

Die Erkenntnisse der Untersuchungen werfen nun ein ganz neues Licht auf die bislang unbekannte Person. Um es vorwegzunehmen: Viele Fakten sprechen dafür, dass es sich bei der Mumie um den 1746 im Alter von 37 Jahren verstorbenen Pfarrvikar Franz Xaver Sydler von Rosenegg handeln könnte. Damit bestätigen sich frühe Vermutungen und die „Volksmeinung“ um die Identität des „Luftg’selchten Pfarrers“. Aber der Reihe nach:

Die früheste schriftliche Erwähnung findet die Mumie in einem Fremdenführer für Kurgäste in Kreuzen im Jahr 1830. Auch Prominente besuchten die Attraktion, beispielsweise Erzherzog Franz Salvator mit Familie im Juni 1918. Die rätselhafte Mumifizierung förderte die Legendenbildung. Der Volksmund besagt, dass der in der Gruft Bestattete unter Epilepsie gelitten hat und daher auch als Helfer bei dieser Krankheit angerufen wurde.

Über die Gründe, die zur Mumifizierung geführt haben, wurde viel spekuliert. Das „wundersame“ Nichtverwesen wurde von manchen sogar als „Fingerzeig Gottes“ gewertet. Röntgenuntersuchungen im Jahr 2000 zeigten eine rätselhafte „Kugel“ im Unterbauch, was die Einnahme von (giftigen) Medikamenten oder sogar einen Giftanschlag in Betracht ziehen ließ. Die Computertomografie im Jahr 2017 hat jedoch gezeigt, dass die Leibeshöhle ausgestopft ist. Die Ergebnisse der Toxikologie zeigen zudem, dass die Haltbarmachung auch mit Chemikalien unterstützt wurde. Dann muss der Tote längere Zeit unter Luftabschluss gelegen sein. Eine Erdbestattung ist auszuschließen.

Das Füllmaterial aus dem Körper besteht vor allem aus Hobelspänen, Astwerk und Stoffstückchen. Die knapp einen Zentimeter große Kugel im linken Unterbauch ist eine Glasperle, wie sie u. a. für Stickereien, Schmuck und als Rosenkranzperlen verwendet wurde. Sie zeugt also nicht von einem Giftanschlag, sondern ist lediglich mit dem Füllmaterial „mitgerutscht“.

Die Mumie ist 1,71 Meter lang und wiegt ca. zehn Kilogramm. Der Körper ist über Brust, Bauch und Rücken ausgezeichnet erhalten. An Gesicht und Beinen sind jedoch postmortale Zerstörungszeichen sichtbar. Zähne, Gefäße und Schädel deuten auf ein jung-erwachsenes Alter hin. Die Untersuchung von Haut und Lunge weist auf eine längere Krankheit hin, wahrscheinlich eine chronische Lungen-Tuberkulose. Ein akuter Blutsturz kann daher als Todesursache vermutet werden.

Eine Radiokarbon-Datierung einer Gewebeprobe legt den Sterbezeitpunkt zwischen 1734 und 1780.

 

Die historische Person

Der Tote hatte eine mehrlagige Bekleidung an, trug gestrickte Strümpfe und eine Kniebundhose mit Gürtel. Davon sind allerdings nur mehr minimale Reste vorhanden. Besser erhalten sind die Lederschuhe, die in dieser Form zwischen 1670 und 1750 datieren.

Eine Abnützung der Schneidezähne gibt einen Hinweis auf ein kleines „Laster“, denn es zeigt länger gehendes Pfeifenrauchen an. Haut- und Knochenbefunde zeigen, dass die Person sehr gut ernährt war und keine wesentlich belastende körperliche Arbeit leisten musste.

All diese bereits genannten Daten und Fakten könnten die Vermutung bestätigen, dass es sich bei der historischen Person um den Pfarrvikar Franz Xaver Sydler von Rosenegg handelt.

Der Erhaltungszustand der Mumie weist zudem mehrere Ähnlichkeiten zu drei Teilmumien in der Gruft des ehemaligen Stiftes Waldhausen auf. Auch Franz Xaver Sydler von Rosenegg war Ordensmann im Augustiner Chorherrenstift Waldhausen.

Franz Xaver wurde am 4. Juni 1709 als 13. Kind der Familie Sydler in Bad Kreuzen geboren. Sein Vater Gottlieb war Schlossvorsteher in Kreuzen. Als Franz Xaver im Alter von 37 Jahren starb, war er bereits 19 Jahre Ordensmann, 14 Jahre Priester und drei Jahre Pfarrvikar in St. Thomas.

Die Matrikenbücher der Pfarre St. Thomas verzeichnen sein Begräbnis am 3. September 1746, einen Tag nach seinem Tod. Diese rasche Beisetzung widerspricht allerdings der gezielten Haltbarmachung des Leichnams.

Vielleicht sollte Franz Xaver ursprünglich in das Stift Waldhausen gebracht werden, um die letzte Ruhe unter seinen Ordensbrüdern zu finden. Oder er wurde dort präpariert – was die Ähnlichkeit mit den Waldhausener Mumien erklären würde – und kam dann zurück nach St. Thomas.

Als Highlight der Präsentation am 4. November 2018 konnten die Teilnehmenden sogar eine farbige Gesichtsrekonstruktion des Toten bestaunen.

Eine Gesichtsrekonstruktion des Toten

Eine Gesichtsrekonstruktion des Toten war am 4. November 2018 das Highlight der Präsentation in St. Thomas am Blasenstein. (c) Lukas Fischer / 3D-Construt

Katholische Kirche in Oberösterreich
Diözese Linz

Kommunikationsbüro
Herrenstraße 19
Postfach 251
4021 Linz
TEL: 0732 / 7610 - 1170
FAX: 0732 / 7610 - 1175

DVR: 0029874(117)

www.dioezese-linz.at
post@dioezese-linz.at
https://www.dioezese-linz.at/
Darstellung: