Donnerstag 16. August 2018

KU Linz: Forscher beschäftigen sich mit ethischen Fragen der Genchirurgie

Das Institut für Praktische Philosophie / Ethik der KU Linz ist an einem internationalen und interdisziplinären Drittmittelprojekt beteiligt, das sich mit den sozialen, ethischen und rechtlichen Fragen zur Genchirurgie beschäftigt.

Mit Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs und Ass.-Prof. Dr. Lukas Kaelin beschäftigen sich zwei Forscher der Katholischen Privat-Universität (KU) Linz im Rahmen dieser internationalen Studie mit den Entwicklungs- und Einsatzmöglichkeiten des Genome Editing.

 

V. l.: Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Ass.-Prof. Dr. Lukas Kaelin (beide KU Linz)

V. l.: Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Ass.-Prof. Dr. Lukas Kaelin (beide KU Linz). © KU Linz / Eder

 

Seit einigen Jahren wird von der Genchirurgie oder auch der Gen-Schere gesprochen. Dahinter verbirgt sich eine Reihe von Ansätzen, mit denen gezielt das Genom von Lebewesen verändert werden soll. Schon seit Jahrzehnten entwickeln Forscher und Forscherinnen Verfahren, wie DNA wirksam in Zellen aufgenommen werden kann. Über lange Zeit benutzte man dazu veränderte Viren, die bestimmte DNA-Sequenzen wie ein Taxi in den Kern einer Zielzelle bringen sollten. Es ging darum, durch Hinzufügung eine bestimmte Funktion in der Zelle zu verstärken oder überhaupt zu erreichen. Das Ideal aber war stets, nichts hinzuzufügen, sondern gezielt auszutauschen, ein "krankes" Element durch ein "gesundes", funktionstüchtiges zu ersetzen. Neben diesen viralen Gen-Taxis dachte man auch über mechanische Injektionsverfahren nach und über elektrische Gen-Pistolen, die durch Stromstöße die Zellmembran durchlöchern sollten.

 

Und man erprobte künstliche Enzyme, um DNA gezielt schneiden zu können. Zu solchen "Gen-Scheren" gehörten bereits die Zinkfingernukleasen und die TALEN (transcription activator-like effector nuclease). 1987 entdeckte man CRISPR (clustered regularly interspaced short palindromic repeat), eine ungewöhnlich gebaute DNA-Sequenz im Genom von Bakterien. Weil Bakterien damit Viren identifizieren, dienen sie der Immunabwehr. 2012 fanden Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna heraus, dass die Sequenz benutzt werden kann, um gezielte Schnitte im Genom nicht nur von Bakterien, sondern von allen Lebewesen vorzunehmen: Man spricht von CRISPR/Cas. Inzwischen sind solche molekularen Werkzeuge auf dem Markt gut und leicht erhältlich. In den biologischen Forschungslabors haben sie sich sehr schnell verbreitet.

 

Im Prinzip sind die gesellschaftlichen Fragen, die mit der Genchirurgie aufkommen, nicht neu, sondern werden im Rahmen der Gen-Ethik schon seit mehr als vierzig Jahren diskutiert. Welche Gefahren gehen von dieser Technik aus, wenn wir sie in der Landwirtschaft oder der Tierzucht einsetzen? Kann man verhindern, dass die Anwendung auf den Menschen über die Therapie von Krankheiten und die Prävention von Krankheiten hinaus auch anderen Zielen dient, etwa dem eines individuellen Dopings oder gar dem einer Menschenzüchtung in einem totalitären Kontext? Diese Fragen haben vielen Kontroversen ausgelöst, aber auch erstaunliche Anstrengungen und Erfolge bei der politischen Regulation.

 

Gleichwohl haben die neuen technologischen Entwicklungen erneutes Nachdenken provoziert. So wird zum Beispiel gefragt, ob die CRISPR/Cas Technologie im Bereich der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion überhaupt unter das Regime fällt, weil doch im fertigen Produkt die technische Intervention gar nicht nachweisbar ist. In der somatischen Gentherapie steht die Frage an, ob laufende klinische Studien mit viralen Vektoren weitergeführt werden sollen oder ob man auf bessere Verfahren aus der Genchirurgie warten sollte. Schließlich haben schon bald nach der Publikation zu der neuen Technologie viele renommierte Wissenschaftler davor gewarnt, die neue, scheinbar wenig riskante Technik auch für die gezielte Korrektur in der menschlichen Keimbahn einzusetzen. Mit einer solchen Korrektur wäre nicht nur der Patient selbst geheilt, sondern auch das Genom seiner Nachkommen wäre betroffen.
 

Die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung der Schweiz (TA Swiss) hat nun nach einem internationalen Auswahlverfahren eine Studie zu den Entwicklungs- und Einsatzmöglichkeiten des Genome Editing sowie den damit verbundenen Potentialen und Risiken an ein Österreichisch-schweizerisches Konsortium unter Federführung des Wiener Instituts für Höhere Studien (IHS) vergeben. Im Rahmen der Studie ist das Institut für Praktische Philosophie der KU Linz – Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Univ.-Ass. Dr. Lukas Kaelin – für die Bearbeitung der ethischen Fragen zuständig. Weitere Kooperationspartner sind das Interdisziplinäre Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFZ) und die Universität Luzern. Besonderes Augenmerk liegt auf den medizinischen Anwendungen, den hierzu bereits diskutierten ethischen Argumenten und der Frage, ob Moratorien als moralisch adäquate Lösung betrachtet werden können. Was erreicht man, wenn man abwartet? Die Antworten sollen Anfang 2019 vorliegen.

 

Kick-off Meeting im Institut für Höhere Studien, Wien

Kick-off Meeting im Institut für Höhere Studien, Wien: von li: Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs (Linz), Prof. Dr. Malte Gruber (Luzern), Dr. Erich Grießler (Wien), Dr. Armin Spök MSc (Graz), Mag. Sandra Karner (Graz), Mag. Alexander Lang BA MSc (Wien) und Ass.-Prof. Dr. Lukas Kaelin (Linz). © Alexander Lang.

 

Hermine Eder | KU Linz

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