Dienstag 22. Mai 2018

Gedenkfahrt nach Dachau mit Bischof Scheuer: Den KZ-Opfern ihre Namen zurückgeben

Am 13. März 1938, gleich nach dem "Anschluss", hatten die ersten Verhaftungen stattgefunden. Genau 80 Jahre später gedachten über 150 OberösterreicherInnen in Dachau jener 1.000 Landsleute, die im KZ unter den Gräueltaten der Nazis gelitten haben.

Am 12. März 1938 marschierte die Deutsche Wehrmacht in Österreich ein. Bereits einen Tag danach begannen die Nationalsozialisten, Politiker, Priester, Polizei- und Gendarmeriebeamte, Personen jüdischer Herkunft und weitere „Andersdenkende“ zu verhaften. Viele davon kamen bald darauf ins oberbayerische Konzentrationslager Dachau, unter ihnen ca. 1.000 Oberösterreicher. Im Gedenken an diese Menschen organisierten die Katholische Aktion Oberösterreich, das Evangelische Bildungswerk Oberösterreich und Jägerstätter-Biografin Dr.in Erna Putz am 13. März 2018 eine Gedenkfahrt nach Dachau. Das Anliegen der Theologin und Publizistin Erna Putz: einen Beitrag zu einer Erinnerungskultur zu leisten, wie sie in anderen Ländern selbstverständlich ist. „Mich bewegen die vielen Italiener oder Polen, die in Mauthausen oder Ebensee ihrer Landsleute gedenken“, so Putz. Die Theologin, Publizistin und Politikwissenschafterin aus Ohlsdorf hat durch die wissenschaftliche Aufarbeitung der Biografie Franz Jägerstätters dessen Seligsprechung 2007 ermöglicht. Es ist ihr wichtig, auch die Biografien anderer OberösterreicherInnen zu erforschen, die wegen ihres Glaubens bzw. als „Andersdenkende“ von den Nazis verhaftet, gequält und zum Teil ermordet wurden bzw. an den Folgen der Misshandlungen verstarben. Die Namen der rund 1.000 Männer aus Oberösterreich, die in Dachau inhaftiert waren, stehen für die Tatsache: Nicht alle haben den „Anschluss“ Österreichs hingenommen oder Hitler zugejubelt.

 

Denkmal 'Menschen im Draht': Etliche Häftlinge haben sich aus Verzweiflung in den tödlichen Elektrozaun gestürzt.

Denkmal "Menschen im Draht": Etliche Häftlinge haben sich aus Verzweiflung in den tödlichen Elektrozaun gestürzt. © Diözese Linz / Kraml

 

Über 150 Personen aus ganz Oberösterreich nahmen an der Gedenkfahrt teil, unter ihnen Angehörige von KZ-Häftlingen, Menschen aus den Heimatgemeinden der Häftlinge sowie Bischof Dr. Manfred Scheuer, Superintendent Dr. Gerold Lehner, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz Dr.in Charlotte Herman und Landeshauptmann a. D. Dr. Josef Pühringer.


Im Zentrum stand das Gedenken im Gebet an religiösen Gedenkorten: in der Evangelischen Versöhnungskirche (auf Initiative von ehemaligen Gefangenen des KZ Dachau entstanden und am 30. April 1967 eingeweiht), in der jüdischen Gedenkstätte (am 7. Mai 1967 eingeweiht) und in der Kirche des Karmelitinnen-Klosters „Heilig Blut“ (1964 gegründet).

 

Bischof Manfred Scheuer
Superintendent Dr. Gerold Lehner
Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz, Dr.in Charlotte Herman
Todesangst-Christi-Kapelle
Die oö. Gruppe vor dem Betreten des Lagergeländes.
Führung mit dem evangelischen Diakon Klaus Schultz durch die Gedenkstätte und über das Lagergelände. Ganz links: Superintendent Dr. Gerold Lehner und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz Dr.in Charlotte Herman.
Ein Teil der Gruppe mit Bischof Manfred Scheuer auf dem Lagergelände von Dachau.
Das Tor mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei", das zum Appellplatz führt.
Betreten des Appellplatzes durch das Eingangstor.

 

 

„So schlimm, dass man nicht darüber reden kann“

 

Einer der Angehörigen, die an der Fahrt nach Dachau teilgenommen haben, ist DDr. Severin Renoldner, Professor für Ethik, Moraltheologie und politische Bildung an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. Er besuchte mit seiner Familie jenen Ort, an dem sein Großvater Alois Renoldner (1884-1966) Schreckliches durchlitten hat. Alois Renoldner war Gendarmerie-Major bei der Stadtkommandantur Linz. Er ahnte nicht, dass sein Vorgesetzter ein Nazi war, der am 13. März 1938 drei Mitarbeiter seiner Dienststelle durch die Gestapo verhaften ließ. Einen konkreten Vorwurf gegen Renoldner gab es nicht. Severin Renoldner erzählt: „Mein Großvater und seine Familie fragten immer wieder nach dem Grund für die Verhaftung, um sich mit rechtsstaatlichen Mitteln dagegen zur Wehr zu setzen. Es dauerte lange, bis sie begriffen haben, dass es keine Rechtsstaatlichkeit mehr gab.“ Der Großvater überlebte das Konzentrationslager Dachau, er wurde 1939 bei einer „Österreicher-Amnestie“ als „Harmloser“ freigelassen. Aus dem Gendarmeriedienst entlassen, arbeitete Alois Renoldner zunächst als Versicherungsvertreter, bis er 1945 rehabilitiert und zum Landeskommandanten für das Mühlviertel ernannt wurde. Renoldner hatte regelmäßig Kontakt mit anderen ehemaligen Dachau-Häftlingen. Von den Erlebnissen in Dachau hat er aber kaum etwas erzählt und auch nichts niedergeschrieben. Severin Renoldner weiß, dass die Lieblingsnichte den heimgekehrten Onkel fragte: „Onkel Alois, wie war es in Dachau?“ Seine Antwort: „So schlimm, dass man nicht darüber reden kann.“ Bei der Entlassung musste Alois Renoldner unter Eid beschwören, dass er nicht über seine Zeit im KZ reden würde. „Wenn doch, kommst du sofort wieder nach Dachau“, lautete die Drohung. Diese Angst saß tief. Enkel Severin Renoldner war erstmals 2014 in Dachau, am 13. März 2018 begleiteten ihn seine Frau Elisabeth und die Kinder Stefan und Magdalena. „Es ist eine Überwindung für mich, Dachau zu besuchen“, so Renoldner, sichtlich bewegt. Gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn und seinem Cousin Pfarrer Alfons Einsiedl entzündete er beim Gedenken um 14.00 Uhr in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Lagergelände Kerzen im Gedenken an all jene, die im KZ Dachau gelitten haben.

 

Severin Renoldner und sein Sohn Stefan entzünden Kerzen im Gedenken an Alois Renoldner und andere ehemalige KZ-Häftlinge.
Elisabeth Maier und Pfarrre Alfons Einsiedl beim Entzünden der Kerzen.
Lichter im Gedenken an die oberösterreichischen KZ-Häftlinge.

 

 

Ein Leben ohne Namen

 

„Lasst uns dem Leben (…) wieder Namen geben. Ich war jetzt lange genug Nummer, um zu wissen, was ein Leben ohne Namen ist“, so schreibt der Jesuit Alfred Delp, der von den Nazis im Februar 1945 hingerichtet wurde. Den Menschen ihre Namen zurückzugeben, war auch das Anliegen der Gedenkfahrt nach Dachau. Im Konzentrationslager Dachau im Nordosten von München waren von März 1933 bis April 1945 insgesamt 202.000 Männer inhaftiert, etwa 42.000 haben das Lager nicht überlebt. Dachau war ein „Modell-Lager“: Die Kommandanten aller großen Konzentrationslager wurden hier ausgebildet. 1938 verzeichnete das KZ Dachau den Zugang von 18.695 Häftlingen, von denen mindestens 8.000 aus Österreich stammten. Drei Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland, am 2. April 1938, traf der erste Transport mit 150 österreichischen Häftlingen in Dachau ein. Etwa 1.000 Männer aus Oberösterreich waren in Dachau inhaftiert.

 

Seit 1965 befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen KZ eine Gedenkstätte, die das Leid der Häftlinge veranschaulicht. Klaus Schultz ist evangelischer Diakon und begleitet seit 20 Jahren Interessierte durch die Gedenkstätte. Ihm ist wichtig zu vermitteln, dass hinter den Zahlen Menschen stehen, die Unaussprechliches erlitten haben: „Was hier geschehen ist, ist unvorstellbar. Wir können es uns nicht vorstellen. Aber wir spüren vielleicht ein wenig die Menschen, die hier waren.“ Er weiß von Häftlingen, die das Lager überlebt haben, dass Dachau sie bis an ihr Lebensende begleitet. „Ein ehemaliger Häftling hat einmal zu mir gesagt: 'Ich habe keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr, ich lebe nur noch in der Gegenwart'“, so Schultz. Ihm ist es ein Anliegen, Menschen nicht auf ihre Zeit als Häftlinge im KZ zu reduzieren: „Das waren Menschen wie Sie und ich – mit einer Lebensgeschichte, mit einem Beruf, einer Familie.“ Im sogenannten „Schubraum“ schildert Schultz den Beginn der Entmenschlichung der Häftlinge gleich am Tag ihrer Ankunft: Sie mussten unterschreiben, dass sie aus der Krankenversicherung austreten, persönliche Gegenstände wie Eheringe, Ketten oder Bilder abgeben und sich entkleiden. Vor der Dusche im Häftlingsbad wurden sie geschoren. In eine Liste wurden Name, Geburtsdatum, Geburtsort und Wohnort der Häftlinge eingetragen, danach erhielten die Häftlinge eine Nummer. „Das war der Zeitpunkt, an dem die Menschen ihre Namen verloren, sie haben nur noch als Nummer existiert“, so Schultz. Und er betont: „Viele sind dennoch, auch unter unmenschlichsten Bedingungen, Mensch geblieben und haben auf die Mithäftlinge geschaut.“ Willkür und äußerste Brutalität prägten den Lageralltag, die Menschen hatten jegliche Form von Selbstbestimmtheit verloren. Ehemalige KZ-Häftlinge haben Schultz immer wieder gesagt, er müsse den BesucherInnen erklären, wie es dazu kam, dass so etwas möglich wurde: „Das war nicht von heute auf morgen da, sondern ist entstanden. Wir haben heute eine gesellschaftliche und politische Verantwortung, damit so etwas nicht mehr passiert.“

 

Ein Teil der Gruppe mit Bischof Manfred Scheuer auf dem Lagergelände.
Appellplatz im ehemaligen KZ Dachau
Im "Schubraum" begann die Entmenschlichung der Häftlinge.
Klaus Schultz gibt Informationen zu den Geistlichen, die in Dachau inhaftiert waren.
Dürftige sanitäre Anlagen für hunderte Männer in einer Baracke.
Verlassen einer Baracke

 

 

Den Menschen ihre Namen zurückgeben

 

Im Konzentrationslager wurden Menschen zu Nummern degradiert und auch auf diese Weise ihrer Menschlichkeit und Individualität beraubt. Der Jägerstätter-Biografin Erna Putz war es ein Anliegen, den KZ-Häftlingen ihre Namen zurückzugeben, ihre Biografien zu erforschen. Recherchen beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, in Dachau selbst und die Hilfe des Heimatforschers Gottfried Gansinger aus Ried im Innkreis führten zu einer Dokumentation von knapp 1.000 Namen – gerechnet hatte Putz mit mehreren hundert. Akribisch genau hat sie Name, Geburtsdatum, Adresse, Verhaftungsgrund, Religionsbekenntnis, Einlieferungsdatum und das Datum festgehalten, an dem der Häftling Dachau wieder verlassen hat (falls er überlebt hatte). Etwa ein Drittel der im KZ Dachau internierten Häftlinge aus Oberösterreich haben die Gräueltaten, die ihnen zugefügt wurden, nicht überlebt. Von September 2017 bis Jänner 2018 hat Erna Putz intensiv geforscht und rekonstruiert. Nicht alle Daten konnten in dieser kurzen Zeit verifiziert werden. Deshalb ruft Erna Putz dazu auf, am sogenannten „Gedächtnisbuch“ in Dachau mitzuwirken. Das Gedächtnisbuch ist eine fortlaufend erweiterte Sammlung von Biografien ehemaliger Häftlinge des KZ Dachau. Seit 1999 wurden über 200 Biografien in verschiedenen Sprachen erstellt. SchülerInnen, Studierende, Verwandte ehemaliger Häftlinge und andere Interessierte führen mithilfe der ProjektbegleiterInnen umfangreiche Recherchen durch und verfassen und gestalten Biografien auf 4 DIN-A4-Seiten.

 

Jägerstätter-Biografin Erna Putz

Jägerstätter-Biografin Dr.in Erna Putz. © Diözese Linz / Kraml

 

Beim Gedenken um 14.00 Uhr in der Evangelischen Versöhnungskirche wurden von Schauspieler Franz Froschauer etwa 200 ausgewählte Namen und Lebensdaten oberösterreichischer Inhaftierter verlesen. Auch Froschauer hat einen starken Bezug zur Thematik: Er ist Hauptdarsteller in Thomas Baums Stück „Der Fall Gruber“, das im Juni 2017 im Linzer Mariendom uraufgeführt wurde und derzeit in oö. Pfarrkirchen auf Tournee ist. Im Theaterstück „Eichmann“ von Rainer Lewandowski hatte Froschauer den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann gespielt, der für den Mord an Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich war. Während die Namen verlesen wurden, zündeten Enkel bzw. Urenkel eines ehemaligen KZ-Häftlings Kerzen an. Damit jeder Mann, der in Dachau inhaftiert war, beim Namen genannt wird, wurden alle 1.000 Namen in der Linzer KirchenZeitung (Ausgabe Nr. 10, 8. März 2018) veröffentlicht.

 

Schauspieler Franz Froschauer verliest in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Lagergelände die Namen von etwa 200 Oberösterreichern, die im KZ Dachau inhaftiert waren. Enkel und Urenkel eines der Häftlinge, Alois Renoldner, entzünden Kerzen i

Gedenken in der Evangelischen Versöhnungskirche mit Verlesen der Namen von etwa 200 KZ-Häftlingen aus Oberösterreich. © Diözese Linz / Kraml

 

Gedenken als Auftrag und Verantwortung

 

Auch Landeshauptmann a. D. Dr. Josef Pühringer betonte in seiner Ansprache beim Gedenken, dass es wichtiger Teil des Gedenkens sei, den Opfern des Lagers ihre Individualität, ihren Namen zurückzugeben. Ebenso wichtig sei die Erinnerung daran, dass hier Menschen nicht nur zu Opfern geworden seien, sondern auch zu Tätern, die aus der Mitte der Gesellschaft kamen. Pühringer wörtlich: „Ihre persönliche Schuld haben sie mit ins Grab genommen. Die Folgen ihrer Schuld, die die Grundlagen menschlicher Sittlichkeit zutiefst erschüttert haben, sind für uns Nachgeborene aber Auftrag und Verantwortung. Es geht um das Erinnern, das Wachhalten der Erinnerung dessen, was geschehen ist, und das Bewusstsein, was geschehen könnte, wenn die Wachsamkeit und Sensibilität gegenüber erneuten Gefahren nachlässt.“ Eine solche Erinnerungskultur sei ein „wichtiges Stück Zukunftssicherung“, so Pühringer, weil gerade junge Menschen die Wahrheit über die Vergangenheit kennen müssten. „Wenn sie die Wahrheit in vollem Umfang kennen, werden sie denen entschieden entgegentreten, die die Tatsachen leugnen oder verfälschen. Sie werden denjenigen entgegentreten, die nicht begreifen wollen, die die Toten missachten und die Überlebenden beleidigen.“ Aus Orten wie Dachau leite sich die Verpflichtung ab, derartige Menschheitsverbrechen künftig unmöglich zu machen, schloss Pühringer.

 

Dr. Gerold Lehner, Superintendent der Evangelischen Kirche A. B. in Oberösterreich, betonte in seiner Predigt zu Psalm 102 („Herr, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen“) vor der Verlesung der Namen der Opfer: „Kein Wort, das wir heute sagen, kann etwas von dem, was geschehen ist, ungeschehen machen. Keine Trauer, die wir heute empfinden, vermag etwas zu verändern an dem Schicksal der Menschen, deren Namen wir hören werden. Kein Gedenken hat die Macht, die Wunden zu heilen, die geschlagen wurden, den Tod aufzuheben, der zugefügt wurde. Gedenken aber lässt nicht zu, dass die Fragen verstummen und wir zur Ruhe kommen. Im Gedenken setzen wir uns aus, im Erinnern lassen wir etwas in uns ein, das uns unruhig macht, verwirrt und ängstet.“ In mehreren hundert Jahren werde man vielleicht nicht mehr gedenken, anders als die Menschen heute, denn: „Es ist immer noch unsere Geschichte, die hier verhandelt wird, auch wenn manche von uns erst Jahrzehnte danach geboren sind.“ Die Tiefe der menschlichen Abgründigkeit verbreite Grauen – und zugleich stelle sich nach Lehner die bange Frage: „Was hätte ich getan? Wäre ich hier gelandet, weil dem System hinderlich? Oder wäre ich ErmöglicherIn eines Systems gewesen, das nur dadurch möglich wurde, weil viele es möglich machten?“ Lehner weiter: „Wir gedenken heute dankbar an jene, die durch ihre schiere Existenz, durch ihre Überzeugung, durch ihre Worte und Taten dem System ein Dorn im Auge waren.“

 

Superintendent Dr. Gerold Lehner bei seinen Predigtgedanken.
Bischof Manfred Scheuer las Psalm 102
Schauspieler Franz Froschauer verlas die Namen und Lebensdaten von etwa 200 ausgewählten oberösterreichischer Inhaftierten.
Gedenken in der Evangelischen Versöhnungskirche.

 

Das Gedenken endete bei der großen Glocke vor der „Todesangst-Christi-Kapelle“ am Ende der Lagerstraße. Die Glocke, die täglich um 14.50 Uhr läutet, war in den 1960er Jahren von Überlebenden aus Österreich gestiftet worden.

 

Läuten der großen Glocke, die von ehemaligen österreichischen Häftlingen in den 1960 Jahren gestiftet wurde.

Die große Glocke läutet täglich um 14.50 Uhr. Sie wurde von österreichischen Überlebenden gestiftet. © Diözese Linz / Kraml

 

„So berge sie doch du, Gott des Erbarmens“

 

In der jüdischen Gedenkstätte betete die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz, Dr.in Charlotte Herman, das „El male rachamim“ (deutsch: „Gott voller Erbarmen“) auf Hebräisch und Deutsch – ein jüdisches Gebet, das während Bestattungen, am Todestag eines Verstorbenen (Jahrzeit), beim Besuch der Gräber von Angehörigen sowie am Jom haScho'a (Tag des Gedenkens an die Shoa) zum Gedenken an die Opfer des Holocaust in der Synagoge gebetet wird. Eine berührende Zeile daraus: „So berge sie doch du, Gott des Erbarmens.“

 

Gedenken an die jüdischen Opfer in der jüdischen Gedenkstätte. Die Präsidentin der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz, Dr.in Charlotte Herman, betete das „El male rachamim“ (deutsch: „Gott voller Erbarmen“) auf Hebräisch und Deutsch.
Jüdische Gedenkstätte auf dem Lagergelände von Dachau.

 

Aus Oberösterreich waren mindestens 104 Personen jüdischen Glaubens nach Dachau gebracht worden: 33 Personen unmittelbar nach dem Einmarsch 1938 und 66 nach den November-Pogromen 1938. Insgesamt wurden über 7 Millionen Jüdinnen und Juden von den Nationalsozialisten ermordet.

 

Jüdische Gedenkstätte auf dem Lagergelände von Dachau.

Jüdische Gedenkstätte: Der Bau des Architekten Zvi Guttmann besteht aus schwarzem Lavabasaltstein und führt wie auf einer Rampe in die Tiefe. Am tiefsten Punkt dringt Licht durch eine Öffnung in der Decke. Überragt wird der Bau von einer siebenarmigen Menorah aus Mamor (aus Peki'in in Israel). © Diözese Linz / Kraml

 

„Erinnern ermöglicht Gerechtigkeit, Versöhnung und ein Lernen aus der Geschichte“

 

Der Gedenktag endete mit einem Gottesdienst in der Klosterkirche der Karmelitinnen. Das Kloster des Karmel „Heilig Blut“ von Dachau befindet sich unmittelbar nördlich am Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Den Vorhof des Klosters betritt man durch einen der ehemaligen Wachtürme des Lagers. Die Ordensschwestern sehen ihre Aufgabe an diesem Ort des Leidens und der menschenverachtenden Grausamkeiten darin, durch ihre kontemplative Lebenshaltung und ihr Gebet für Versöhnung und Frieden zu leben. Bischof Manfred Scheuer dankte den Karmelitinnen dafür, „dass ihr diesen Ort des Grauens mit einer Seele, mit Hoffnung, Leben und Gebet erfüllt“.

 

Eingang zum Kloster des Karmels 'Heilig Blut' über einen ehemaligen Wachturm.

Der Eingang zum Kloster der Karmelitinnen führt durch einen ehemaligen Wachturm. © Diözese Linz / Kraml

 

Den Gottesdienst feierte Bischof Dr. Manfred Scheuer mit der Gruppe aus Oberösterreich. Mit ihm zelebrierten der Wilheringer Abt Dr. Reinhold Dessl, Superior Hubert Bony vom Stift Engelszell und P. Christoph Eisentraut, Regionaloberer der Mariannhiller Missionare für Österreich. Mitbrüder aus allen drei Ordensgemeinschaften waren in Dachau inhaftiert, einige sind dort bzw. in einem anderen Konzentrationslager verstorben.

 

Gottesdienst in der Karmelkirche

Gottesdienst in der Karmelkirche. © Diözese Linz / Rudinger

 

Zur Eucharistiefeier verwendete Bischof Scheuer jenen Kelch, den die gefangenen Priester bei den Lagergottesdiensten in Dachau verwendet hatten. Insgesamt waren rund 2.700 Geistliche in Dachau (in den Baracken 26, 28 und 30) inhaftiert, die meisten (etwa 1.000) kamen aus Polen. Aus dem deutschsprachigen Raum stammten besonders viele aus der Diözese Linz, nämlich 43 Priester und Ordensleute – 19 von ihnen sind im KZ verstorben. Hier nur einige Namen: Pfarrer Matthias Spanlang aus St. Martin im Innkreis, Pfarrer Leopold Arthofer aus Kronstorf, Johann Steinbock, Kooperator in der Vorstadtpfarre St. Michael in Steyr, P. Konrad Just vom Stift Wilhering, Kooperator in Gramastetten, Pfarrer Heinrich Steiner aus Steinerkirchen am Innbach, Seliger P. Engelmar Unzeitig, Pfarrvikar von Glöckelberg.

 

'Kelch von Dachau'

Der "Kelch von Dachau". © KirchenZeitung / Matthäus Fellinger.

 

Im Jänner 1941 erhielten deutsche und österreichische Priester im KZ Dachau die Erlaubnis, eine Kapelle einzurichten und die Hl. Messe zu feiern. Anfangs war Dr. Franz Ohnmacht aus Linz der Zelebrant, später Georg Schelling aus Vorarlberg. Ab 1943 durfte abgewechselt werden. Den Kelch erhielten die Häftlinge vermutlich von der Pfarre Dachau. Er wurde von Pfarrer Heinrich Steiner aus Steinerkirchen am Innbach nach der Befreiung 1945 mit in seine Pfarre genommen.

 

Eucharistiefeier in der Kirche der Karmelitinnen mit dem "Kelch von Dachau".
Bischof Manfred Scheuer bei der Eucharistiefeier mit dem "Kelch von Dachau".

 

In seiner Predigt betonte Bischof Scheuer: „Erinnern und Gedenken sind zutiefst jüdisch und christlich und zeichnen jede humane Kultur aus. Getragen von der Suche nach Wahrheit, reinigen sie das Gedächtnis, nehmen das Leid der Opfer in Blick, machen dankbar für das bleibend Gute und ermöglichen so Gerechtigkeit, Versöhnung und ein Lernen aus der Geschichte.“ Der zu einer Ersatzreligion entartete Nationalismus, der Antisemitismus und die für Hundertausende existenzbedrohende Arbeitslosigkeit hätten auch viele in Österreich in die Irre und vor 80 Jahren, im März 1938 zum „Anschluss“ an das nationalsozialistisch regierte Deutsche Reich geführt. Papst Pius XI. habe ein Jahr davor in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vor den nationalsozialistischen „Machenschaften, die von Anfang an kein anderes Ziel kannten als den Vernichtungskampf“ und vor der „verderblichen“ nationalen Ideologie, der „noch verderblichere Praktiken auf dem Fuß zu folgen pflegen“ klar gewarnt, den Rassismus schärfstens verurteilt und die „Einheit des Menschengeschlechtes“ beschworen. Scheuer wörtlich: „Leider haben viele, auch in der Kirche, auch die österreichischen Bischöfe, nach der Besetzung Österreichs diese katastrophalen und menschenverachtenden Konsequenzen nicht deutlich benannt oder erkannt.“

 

Das Gedenken an den März 1938 sei für Christen verbunden mit der Erinnerung an das unvorstellbare Leid des jüdischen Volkes und mit dem Eingedenken in die Verstrickung in Schuldzusammenhänge des Antisemitismus. Scheuer: „Ein religiös verbrämter Antijudaismus hatte zur Folge, dass viele Christen, als es ernst wurde, einem national und rassisch begründeten Antisemitismus nicht entschieden genug widerstanden haben. Das Bewusstsein der Glaubenssolidarität der Christen mit den Juden war nicht oder viel zu wenig vorhanden.“

 

Angesichts des unfassbaren Leids stellten sich Menschen auch heute die Frage: „Wo warst du Gott, als Frauen und Kinder, alte und junge Leute ermordet und in die Todeskammern geschickt wurden? Letztlich, so der Bischof, richte sich diese Frage immer auch an die Menschen selbst: „Wo war der Mensch – und wo die Menschlichkeit –-, als unseren Brüdern und Schwestern so Furchtbares zugefügt wurde? Genau so stellt sich uns heute die Frage: Wo bin ich, wenn vor meinen Augen großes Unrecht geschieht?“

 

Die Bibel traue Christen und Juden zu, Freunde und Anwälte des Lebens zu sein und „Lebensräume schaffen, in denen in die Enge getriebene Menschen Ja zum Leben sagen können“, so Scheuer. Der Bischof wörtlich: „Im Gedenken an jene, die damals den Mut hatten, gegen den Strom zu schwimmen, geht es auch heute darum, allen Formen der Ausgrenzung, des Antisemitismus und jeglichen Bedrohungen der Menschenwürde entgegenzutreten.“

 

Gedanken von Bischof Scheuer zum Nachlesen

 

Bischof Manfred Scheuer bei seiner Predigt.

Bischof Manfred Scheuer: „Wo war der Mensch – und wo die Menschlichkeit –, als unseren Brüdern und Schwestern so Furchtbares zugefügt wurde?“ © Diözese Linz / Kraml

 

Vorschau: Ökumenischer Gedenkgottesdienst am 8. April 2018 in Dachau

 

Ein deutsch-österreichischer ökumenischer Gedenkgottesdienst in Dachau ist für den Sonntag nach Ostern, 8. April 2018 angekündigt. Auch er steht im Zeichen der Erinnerung an das Eintreffen des ersten NS-Gefangenentransports aus Österreich nach dem so genannten „Anschluss“. Die Predigt in der Dachauer Versöhnungskirche wird der evangelisch-lutherische Bischof und Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Michael Bünker, halten. Auch der emeritierte Linzer Bischof Maximilian Aichern wird den Gottesdienst mitfeiern. Für die katholische Erzdiözese München und Freising nimmt Pastoralreferent Ludwig Schmidinger, Beauftragter der Erzdiözese für KZ-Gedenkstättenarbeit, an dem Gottesdienst teil. Mitwirken wird zudem der emeritierte katholische Pfarrer Alfons Einsiedl aus der Diözese Linz, dessen Großvater Alois Renoldner (1884-1966) 1938 als Gendarmerie-Oberst aus Österreich ins KZ Dachau verschleppt worden war.

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