Freitag 22. Juni 2018

13. März 1938: Kirchen räumen Mitschuld am "Ende Österreichs" ein

In einer Erklärung des Vorstandes des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) räumen die christlichen Kirchen eine Mitschuld an jener Entwicklung ein, die vor 80 Jahren zum "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich führte.

"Auch die christlichen Kirchen waren vom Ungeist mitbetroffen, der dem NS-Regime den Boden bereitet hat. Manche Kirchen bejubelten nicht nur den 'Anschluss', sondern trugen auch die NS-Politik, sei es den Antisemitismus, sei es die Auslöschung vermeintlich unwerten Lebens, voll und ganz mit, was uns heute schamvoll als Verrat am Evangelium erscheint", heißt es in einer Erklärung des Vorstandes des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), die am 10. März 2018 veröffentlicht wurde.

 

Man müsse eingestehen, dass es in den sieben Jahren der NS-Herrschaft "Schuld und Versagen durch Wegschauen und Mittun gegeben hat" – Widerstand habe es in den Kirchen "nur vereinzelt" gegeben. Nach dem Krieg habe es dann Jahrzehnte gedauert, bis Österreich schließlich von seiner "Opferrolle" Abstand nahm "und sich der Tatsache gestellt hat, dass unter den Österreichern sowohl Opfer als auch Täter – unter ihnen nicht wenige der schlimmsten Täter – waren".

 

Zugleich ziehe man aber aus dieser bitteren Erkenntnis die Lehre, heute "alles Notwendige [zu] tun, um die Menschen gegen die Schlagworte von falschen Propheten zu immunisieren" und Österreich zu einem "Haus mit offenen Fenstern" und zu einer "Heimstätte für Verfolgte" zu machen. Gerade in der Zeit der Globalisierung, die kenne "keine 'schrecklich einfachen' Lösungen" kenne, sei es die Aufgabe der Kirchen, "in diesem geschichtlichen Augenblick, ihren universellen Auftrag wahrzunehmen" und sich "für einen sozialen Ausgleich" einzusetzen. "Wir wollen in einem Land leben, in dem der soziale Friede gewahrt wird und in dem Menschen Geborgenheit und die Möglichkeit zu einem erfüllten Leben finden", heißt es abschließend in der Erklärung.

 

Am 11. März jährt sich zum 80. Mal der Tag, an dem der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg nach einem nationalsozialistischen Ultimatum aus Berlin zurücktrat; tags darauf erfolgte der deutsche Einmarsch in Österreich, am 13. März 1938 wurde der "Anschluss" vollzogen.

 

Anschluss Österreich 1938

© ‚Anschluss‘ Österreich am 13. März 1938 / Bundesarchiv, Bild 146-1972-028-14 / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org / licenses / by-sa / 3.0/de/deed/en)], via Wikimedia Commons

 

 

"Die christlichen Kirchen waren vom Ungeist mitbetroffen"

 

Wortlaut der Erklärung des Vorstandes des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich zum "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich am 13. März 1938, dokumentiert von "Kathpress".

 

"Vor 80 Jahren, am 11. März 1938, ereignete sich das 'Ende Österreichs' durch die nationalsozialistische Machtergreifung, der tags darauf der deutsche Einmarsch folgte. Dieses Österreich war gewiss kein demokratisches Gemeinwesen, aber für Hunderttausende Österreicherinnen und Österreicher bedeutete dieser Tag tatsächlich das Ende ihres normalen Lebens. An die Stelle der Normalität trat der Abgrund einer absurden totalitären Ideologie, deren Wurzeln freilich weit in das 19. Jahrhundert hineinreichten.

 

Die Bilder der den sogenannten 'Anschluss' bejubelnden Österreicherinnen und Österreicher sind nach wie vor zu Recht präsent, wenn es um die tragischen Ereignisse von vor 80 Jahren geht. Aber nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner unseres Landes haben gejubelt. Viele haben auch geweint und waren verzweifelt, wie aus vielen persönlichen Zeugnissen jener Zeit hervorgeht.

 

Sieben Jahre später – beim Kriegsende 1945 – musste eine traurige Bilanz gezogen werden: Hunderttausende Österreicherinnen und Österreicher hatten ihr Leben verloren, sei es, dass sie als Juden der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, sei es, dass sie als Widerstandskämpfer von einer Pseudojustiz zum Tod verurteilt wurden, sei es, dass sie als Zivilisten im Bombenhagel des totalen Krieges starben, sei es, dass sie als Soldaten in einem Krieg getötet wurden, der nicht der ihre war.

 

Der materielle und geistige Schaden von sieben Jahren NS-Herrschaft in Österreich war furchtbar. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Österreich von der zunächst ab 1945 – wenn auch halbherzig – gepflegten Opferrolle Abstand genommen und sich der Tatsache gestellt hat, dass unter den Österreichern sowohl Opfer als auch Täter – unter ihnen nicht wenige der schlimmsten Täter – waren.

 

Ab dem 11. März 1938 haben viele in Österreich Schuld auf sich geladen. Auch die christlichen Kirchen waren vom Ungeist mitbetroffen, der dem NS-Regime den Boden bereitet hat. Manche Kirchen bejubelten nicht nur den 'Anschluss', sondern trugen auch die NS-Politik, sei es den Antisemitismus, sei es die Auslöschung vermeintlich unwerten Lebens, voll und ganz mit, was uns heute schamvoll als Verrat am Evangelium erscheint.

 

Wir müssen einbekennen, dass es auf diesem Hintergrund in den düsteren Jahren von 1938 bis 1945 Schuld und Versagen durch Wegschauen und Mittun gegeben hat. Nur vereinzelt gab es in den Kirchen auch Widerstand gegen das verbrecherische NS-Regime.

 

Wenn wir 80 Jahre zurückschauen, so erscheint es heute angebracht, dass die christlichen Kirchen gemeinsam alles Notwendige tun, um die Menschen gegen die Schlagworte von falschen Propheten zu immunisieren. In einer Zeit der Globalisierung – in der die ganze Welt 'gleichsam ein Dorf wird' – gibt es viele komplizierte Entwicklungen, aber keine 'schrecklich einfachen' Lösungen. Die Aufgabe der Kirchen ist es gerade in diesem geschichtlichen Augenblick, ihren universellen Auftrag wahrzunehmen.

 

Diese Aufgabe schließt ein, mit großer Aufmerksamkeit die Sorgen und Nöte der Menschen in unserem Land zu beobachten und sich für einen sozialen Ausgleich einzusetzen. Wir als Kirchen wollen uns auch dafür einsetzen, dass Österreich – 80 Jahre nach der Katastrophe von 1938 –- zu einem Haus mit offenen Fenstern und zu einer Heimstätte für Verfolgte wird. Wir wollen in einem Land leben, in dem der soziale Friede gewahrt wird und in dem Menschen Geborgenheit und die Möglichkeit zu einem erfüllten Leben finden."

 

 

1938-Gedenken: Österreichische Bischöfe räumen christliches Versagen ein

 

Anlässlich des Gedenkens an den "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland am 13. März 1938 vor 80 Jahren räumen die katholischen Bischöfe Österreichs ein christliches Versagen ein: Die damaligen Bischöfe hätten – wie auch Politiker, Künstler und Wissenschaftler – nach der Besetzung Österreichs die katastrophalen und menschenverachtenden Konsequenzen "nicht deutlich genug erkannt oder benannt". Auch heute schmerze noch, dass die Christen – "auch und gerade die Bischöfe" – 1938 und in den Jahren des NS-Furors danach "nicht stärker der Macht des Hasses, der Unmenschlichkeit und der Diktatur entgegengetreten sind", heißt es in der Erklärung "1918 – 1938 - 2018. Erinnern und Gedenken", die die Bischöfe anlässlich ihrer jüngsten Frühjahrsvollversammlung in Sarajewo veröffentlicht haben.

 

Ein "jahrhundertelang religiös verbrämter Antijudaismus" habe schließlich zur Folge gehabt, "dass Christen insgesamt einem national und rassisch begründeten Antisemitismus nicht entschieden genug widerstanden". Erst viel zu spät sei "traurig und beschämt" erkannt worden, "dass mit der Zerstörung der Synagogen und der Shoah unschuldige und wehrlose Menschen getötet und der Name des Ewigen geschändet wurde". Damals jedoch gab es "zu wenige, viel zu wenige Gerechte", heißt es in der Erklärung – auch wenn man auf einzelne Priester und Laien, Frauen und Männer verweisen könne, die – wie Franz Jägerstätter, Provikar Carl Lampert, Jakob Gapp, Otto Neururer oder Sr. Restituta Kafka – ihrem Gewissen gefolgt waren und Widerstand "inmitten dieser Dunkelheit" leisteten.

 

Der Blick zurück zeige nach Überzeugung der Bischöfe aber auch, "dass Läuterung und Lernen aus der Geschichte möglich und notwendig sind": So erinnern die Bischöfe in ihre Erklärung daran, dass die politischen Verantwortlichen nach 1945 statt auf Rache und Misstrauen auf Recht und Kooperation gesetzt hätten. "Eine freie Kirche in einer freien Gesellschaft" – die bis heute gültige Formel aus dem "Mariazeller Manifest" von 1952 – sei zum Leitwort für das breite Wirken der katholischen Kirche in Österreich geworden; die zum Markenzeichen der "Erfolgsgeschichte" Österreichs in der Nachkriegszeit. Und als "Antwort auf die zerstörerischen Kräfte eines überzogenen Nationalismus" verstehe sich die Europäische Union, der Österreich seit 1995 als aktives Mitglied angehört, so die Bischöfe. Fundament für diese Entwicklungen "war und ist eine demokratische Ordnung auf Basis der Menschenrechte".

 

Neben dem Jahr 1938 sei indes auch das Jahr 1918 ein folgenschwerer Wendepunkt gewesen, dessen heuer gedacht wird: Die Gründung einer demokratischen Republik auf den Trümmern der untergegangenen Monarchie. Im Kontext dieser Ereignisse heben die Bischöfe in ihrer Erklärung hervor, dass sich die Katholische Kirche in jener Zeit als eine Kraft erwiesen habe, "die den friedlichen Wandel und den neuen Staat unterstützte".

 

Aus beiden einschneidenden Daten gelte es heute die Lehre zu ziehen, sich den "mühsam errungenen Wert von Menschenrechten, Demokratie und Gemeinwohl" wieder so bewusst zu machen, "dass der Einsatz dafür angesichts immer wieder vorhandener Gefährdungen stärker ist und bleibt".

 

Wortlaut der Erklärung der Bischöfe zum Nachlesen

 

 

Bischof Bünker: "Das Verbindende in den Vordergrund stellen"

 

Eine ähnliche Lehre zieht auch der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker aus der Erinnerung an die Ereignisse von 1938: Die Erinnerung an die Ereignisse von damals sei wichtig, um zu sehen, mit "wie wenig Entschlossenheit und Selbstgewissheit im damaligen Österreich" die politischen Kräfte, aber auch die Kirchen auf den Nationalsozialismus reagiert hätten.

 

Zugleich könne die Geschichte lehren, dass es in einer Demokratie notwendig ist, "im Interesse der Freiheit auch die eigenen weltanschaulichen Lager und Grenzen ein Stück weit zu überschreiten und Verbindungen einzugehen", heißt es in einer Stellungnahme Bünkers. "Bei allen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, bei allen religiösen Unterschieden, bei aller Vielfalt, in der wir leben, ist es wichtig, das Verbindende in den Vordergrund zu stellen und zu sagen: Die Humanität ist es, die uns gemeinsam verpflichtet, und für die Humanität gerade dort einzutreten, wo sie bedroht ist - das ist unser gemeinsamer Auftrag".

 

Kathpress

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