Freitag 14. Dezember 2018

Warum habt ihr solche Angst?

 Angst – ein gesellschaftliches Phänomen von heute?

Wer Print- und Onlinemedien verfolgt, wird oft mit Angst konfrontiert. Machmal geht es um konkrete Bedrohungen, häufig um eine diffuse Angst, die die Menschen scheinbar erfasst. Angst – ein gesellschaftliches Phänomen von heute?

Angst ist eine natürliche, auf Reizen basierende Reaktion des Menschen, die durchaus Ähnlichkeit mit Phänomenen hat, die bei Tieren auftreten. Angst hat eine wichtige Schutzfunktion: Sie warnt vor Gefahren und ist damit (über-)lebenswichtig. Angst kann aber auch krankhaft werden und am Leben hindern.

 

Wenn Menschen behaupten, sie hätten niemals Angst, dann weist das auf ihre Unfähigkeit hin, eigene Gefühle wahrzunehmen. Andere sagen nach bewältigten Angsterfahrungen oder Lebenskrisen, ihnen könne „nichts mehr Angst machen“. Das kann man aber nicht wissen. Angst hat grundsätzlich mit dem Unbekannten, in der Zukunft Liegenden zu tun. Und: Es kommt immer anders, als man denkt. Jede/r kennt wohl die Erfahrung, dass die eigene Angst rückblickend in manchen Situationen „unbegründet“ war. Das heißt, nüchtern betrachtet wäre die Angst „nicht nötig“ gewesen – und doch war sie da.

 

Was Menschen Angst macht

 

Menschen aller Altersstufen kennen die Angst vor konkreten Situationen oder Dingen: Prüfungsangst, Angst vor Spinnen oder Hunden, Höhenangst … Bisweilen fußen diese Ängste auf negativen Erfahrungen, etwa wenn jemand schon einmal von einem Hund gebissen wurde. Manche dieser Ängste bzw. auch Ängste, die mit psychischen Erkrankungen einhergehen, können sich zu einer Angststörung auswachsen, die professionelle Hilfe erforderlich macht.

 

Angst hat viele Gesichter. Jeder Mensch kann Angst verspüren, aber es sind nicht die gleichen Dinge, die Menschen ängstigen. © CC pixabay/Stevebidmead

 

Gegenwärtig scheint es aber, als greife eine diffuse Angst um sich, die Teile der Gesellschaft kollektiv erfasst. „Angst ist ein zunehmendes Phänomen, obwohl wir in relativ sicherer Zeit leben“, diagnostiziert Reinhard Haller, Psychiater und Bestsellerautor. Woher kommt diese Angst? Vermutlich wird sie aus verschiedenen Faktoren der heutigen Zeit genährt: das Lebenstempo, das sich immer mehr steigert, die schier unüberschaubaren Möglichkeiten und Angebote, gleichzeitig die hohe Instabilität in Beziehungen, auf dem Arbeitsmarkt, auf den Finanzmärkten. Krisen, (Natur-)Katastrophen, Gewalttaten, Kriege, Tragödien – in unmittelbarer Nähe oder am anderen Ende des Globus – werden von den Medien täglich in einer erdrückenden Flut ins Haus geliefert. Da kann schon der Eindruck entstehen, dass die Welt nur noch schlecht ist, dass man von lauter Kriminellen umgeben ist und das bestehende Wirtschaftssystem schon morgen zusammenbrechen wird.


Angst ist irrational – sie ist ja ein Gefühl und nicht eine Vernunftreaktion. Angst kann lebensrettend sein, indem sie die Sinne schärft und den Körper in einen Zustand höchster Konzentration und Fokussiertheit versetzt. Panische Angst kann aber auch in die Irre führen, lähmen und daran hindern, das zu tun, was sinnvoll wäre, um einer Gefahr zu entgehen. So kann man aus Angst in die falsche Richtung laufen und gerade dort in noch größeres Unheil geraten.

 

Warum habt ihr solche Angst?

Ein harmloser Schatten kann große Angst hervorrufen und gleichzeitig werden echte Gefahren nicht bemerkt. ©  shutterstock.com/Cranach

 

Es ist übrigens falsch zu meinen, Angst habe letztlich immer mit dem Tod zu tun. Viele Menschen fürchten andere Dinge mehr als den Tod: mit dem Verlust des Arbeitsplatzes auch Prestige und Achtung zu verlieren, geliebte Menschen loslassen zu müssen, nicht mehr liebenswert zu sein, allein nicht leben zu können, den Lebensstandard nicht halten zu können. Für manche ist das Leben so leidvoll und belastend, etwa bei einer schweren Depression oder in einer tiefen Krise, dass sie weniger Angst vor dem Sterben als vor dem Weiterleben haben – und letztlich Suizid begehen, um Frieden zu finden und der Lebens-Angst ein Ende zu setzen.

 

Vom liebevollen Umgang mit der Angst

 

Bei der Bewältigung von Angst geht es darum, die Angst nicht zu leugnen, sondern sie wahrzunehmen, um danach eigene Schritte der Bewältigung zu setzen, meint etwa DDr. Severin Renoldner, Bereichsleiter für Erwachsenenbildung im Pastoralamt. „Diese Grunderfahrung kann man niemandem abnehmen. Man kann aber darüber sprechen oder dazu ermutigen.“ Ängste, die verdrängt werden, werden immer stärker, bis sie einen irgendwann „im Griff haben“.

 

In der (seelsorglichen) Begleitung von Menschen mit Ängsten ist es wichtig, diese Ängste ernstzunehmen und sie nicht „kleinzureden“. Sätze wie „Du brauchst dich doch nicht zu fürchten“ oder „Du wirst schon sehen, alles wird gut gehen“ führen dazu, dass der verängstigte Mensch sich unverstanden und mit seiner Angst alleingelassen fühlt. Hilfreich dagegen ist, wenn die Angst einmal ausgesprochen werden und da sein darf. Viele Ängste sind nicht unbegründet. Wer etwa eine niederschmetternde Diagnose erhalten hat oder plötzlich als AlleinerzieherIn das Leben bewältigen muss, hat berechtigte Angst vor dem Schweren, das die Zukunft bringen kann. Hier kann es helfen, wenn SeelsorgerInnen gemeinsam mit dem betroffenen Menschen in dessen Biografie nach Erfahrungen suchen, in denen scheinbar unüberwindbare Situationen schließlich doch bewältigt wurden. Die Erkenntnis, dass die Kraft da war, als sie gebraucht wurde, kann Zuversicht und Hoffnung schenken, dass das in Zukunft so sein wird. Gläu­bige Menschen erkennen häufig im Rückblick, dass Gott ihnen diese Kraft geschenkt und sie durch die schwere Zeit begleitet hat.

 

Ängste sollen nicht kleingeredet werden. Es ist wichtig sie wahr- und ernstzunehmen. © CC pixabay/Pezibear

 

Schwester Huberta Rohrmoser, Exerzitienbegleiterin und Geistliche Begleiterin, unterscheidet zwischen Angstgefühl und Angstphantasie. Angstphantasien kreisen um etwas in der Zukunft – sie sind ein Produkt des Kopfes und treten mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht oder nicht so ein, wie die Gedanken es sich ausmalen. Aus diesem Gedankenkreisen gilt es möglichst schnell auszusteigen. Das Angstgefühl dagegen ist eine Realität, die momentan Teil eines Menschen ist („Ich habe Angst – nicht: Die Angst hat mich!“). Es ist daher wichtig, dieses Angstgefühl aus der Tiefe aufsteigen zu lassen, es kurz (für einige Sekunden!) wahrzunehmen und zuzulassen, um dann in die Gegenwart zurückzukehren, das heißt, die Aufmerksamkeit bewusst auf etwas anderes zu lenken.

 

Die Angst vor dem Fremden

 

Pastoraltheologe Paul M. Zulehner hat in einer Online-Umfrage zum Flüchtlingsthema nach den Ängsten der österreichischen Bevölkerung gefragt. Er kommt zur Erkenntnis: „Je stärker das Potenzial der Angst im Menschen ist, umso eher neigt er schutzsuchenden Menschen gegenüber zu Ärger, zu Abwehr. Wenn es jemand ganz auf die Spitze treibt, neigt er zu Hass und auch zu Gewalt.“ Auf die Frage, ob die Furcht vor einer Islamisierung des Abendlandes berechtigt sei, antwortet Zulehner: „Ich habe Angst vor allen, die Religion mit Gewalt verbinden. Das gilt auch für meine eigene Kirche. Ich kenne Menschen, die durchaus gewaltförmig sind, sowohl in der Sprache als auch im Handeln. Ich weiß um gläubige Männer, die ihren Frauen gegenüber gewalttätig sind. Ich kenne Priester, die gegen wehrlose Kinder im sexuellen Bereich gewalttätig waren […] Wovor ich Angst habe, ist, dass Christen deswegen den Islam fürchten, weil das Christentum in Europa schwach ist. Dann ist die Angst vor der Islamisierung eher eine Selbstoffenbarung der Christen über eigene Unsicherheiten im Glauben und den eigenen schlechten Zustand.“

 

Der Angst die Hoffnung entgegensetzen

 

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Sie verengt den Blick auf die Wirklichkeit, lähmt und hindert sogar daran, das Gute zu tun – wenn jemand Angst hat, sich lächerlich zu machen, sich der Meinung anderer auszusetzen oder den Kürzeren zu ziehen. „Fürchtet euch nicht“ ist eine Zusage, die in der Bibel angeblich 366 Mal vorkommt, also für jeden Tag des Jahres einmal. Gottes Zusage: „Ich bin da, wo du bist“ (Martin Bubers Übersetzung des Gottesnamens JAHWE), und Christi Versprechen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20), lässt ChristInnen darauf vertrauen, dass sie nicht allein unterwegs sind. Dieses Gottvertrauen lädt ein, mit zwei Augen zu sehen: das Schwere, Böse in der Welt und im eigenen Leben nicht zu verdrängen, aber genauso bewusst das Gute zu sehen, das in der medialen Berichterstattung nicht vorkommt. Denn beides ist Realität. Und: Hoffnung ist eine Haltung, für die man sich täglich neu bewusst entscheiden kann – und die verlässlich in die Welt hineinwirkt.

 

Dieser Artikel erschien im „informiert“ , der MitarbeiterInnen-Zeitung der Diözese Linz; Ausgabe 10/2016. VerfasserInnen sind Barbara Eckerstorfer und Michael Kraml.

 

© Subbotina Anna – Fotolia

 

Mit dem Blick der Hoffnung

 

Hoffnung kann ein Gefühl sein –

das leider oft genau dann verschwindet,

wenn es mir schlecht geht.

 

Hoffnung ist aber auch eine Grundhaltung,

für die ich mich bewusst entscheiden kann.


Es liegt an mir, worauf ich meinen Blick richte:

nur auf Frustrierendes, Beängstigendes oder

auch – besonders – auf Gelingendes, Ermutigendes.

 

Es lohnt sich, Hoffnungs-Zeichen

im eigenen Leben wahrzunehmen,

ja zu sammeln – als Sonnenstrahlen für die Seele.

 

Hoffnung richtet auf,

schenkt neue Perspektiven,

weitet das Herz.

 

Gottes Zusage „Ich bin da, wo du bist“

schenkt mir Hoffnung, die mich auch

in schweren Zeiten trägt und hält.

 

Sr. M. Huberta Rohrmoser, Marienschwester vom Karmel, u. a. Angebote für spirituelles Fasten, Meditation und christliche Kontemplation

Katholische Kirche in Oberösterreich
Diözese Linz

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