Samstag 3. Oktober 2026

Bischof Scheuer: "Rechtfertigungsdruck für Kirchen wird immer größer"

Der designierte Linzer Bischof Manfred Scheuer im Interview mit der "Presse" über Veränderungen der gesellschaftlichen Position von Kirche, die "atmosphärischen" Veränderungen unter Papst Franziskus und die Folgen der Flüchtlingskrise.

Auf Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften insgesamt kommt nach den Worten von Bischof Manfred Scheuer eine Zeit starker Veränderungen im Blick auf ihre gesellschaftliche Position zu. "Manches wird es nicht mehr geben. Es wird sich auch an den öffentlich-rechtlichen Rahmenbedingungen manches verändern. Wir werden finanziell ärmer, auch an gesellschaftlichem Einfluss", prognostizierte Scheuer in einem Interview in der Tageszeitung "Die Presse" (Donnerstag, 7. Jänner 2016). Scheuer wird am 17. Jänner in sein Amt als neuer Bischof von Linz eingeführt. Seit 2003 stand er an der Spitze der Diözese Innsbruck.

Insgesamt steige der Druck, die eigene gesellschaftliche Relevanz zu erklären, sagte der Bischof. "Der Rechtfertigungsdruck für die Kirchen oder die Religionsgemeinschaften insgesamt wird größer." Dies sehe er als Herausforderung: "Die Gegenwart ist die beste Gelegenheit, ChristIn zu sein oder Nachfolge Jesu zu leben, nicht in einer verklärten Vergangenheit." Ein Beispiel des gestiegenen Rechtfertigungsdrucks sei etwa der Religionsunterricht, wo vieles "in Bewegung" sei. Zugleich erachte er es jedoch als wichtig, dass der Religionsunterricht bestehen bleibt und "öffentlich verantwortet" wird: "Die Alternative wäre eine Ghettobildung der Religionsgemeinschaften, das halte ich für fatal."

Positiv bewertet Scheuer die "atmosphärischen" Veränderungen, die das Pontifikat von Papst Franziskus bislang gebracht haben. So habe sich der Fokus etwa im Blick auf Moralfragen verschoben ("das Evangelium ist nicht zuerst eine Moral"). Auch durch die jüngste Familiensynode im Vatikan habe sich kirchlich "mehr bewegt, als zunächst wahrnehmbar gewesen ist". Nun hoffe er, so Scheuer weiter, dass Papst Franziskus im noch ausstehenden Schlussdokument zur Synode "diese Wege weiter beschreiten wird".

Zugleich verteidigt Scheuer den Papst gegenüber Kritikern, die viele Ankündigungen, aber wenig konkrete Reformschritte sehen wollen. "Er ist in vielen Bereichen sehr konkret und durchaus handfest", sagte der Bischof. Gewiss habe der Papst "manchen, glaube ich, enttäuscht", jedoch sei dies nicht zuletzt Folge von Projektionen und falsch gesteckten Erwartungen, so Scheuer: "Es ist nicht seine Aufgabe, dass er Bedürfnisse aufgreift oder Erwartungen erfüllt, sondern er ist eher eine prophetische Stimme, die Dimensionen des Evangeliums ins Spiel bringt, die vielleicht bei einer Verkürzung von Religion auf Ethik nicht mehr gesehen werden."

 


Bischof Manfred Scheuer. © Diözese Innsbruck / Aichner.


Die Flüchtlingskrise versteht Scheuer u. a. als Chance für eine Rückbesinnung auf die eigenen christlichen Wurzeln. So mache er etwa bei Pfarren die Erfahrung, "dass das Engagement für Flüchtlinge zum einen mit einem hohen sozialen Impetus verbunden ist, zum anderen mit der Rückfrage: Wer bin ich eigentlich als Christ?" einhergeht. Zugleich stelle der steigende Anteil an Muslimen die Gesellschaft vor die Herausforderung, eine "neue kulturelle Synthese auf der Basis der Menschenrechte und der Demokratie" zu finden, da das französische Prinzip einer reinen Laizität augenscheinlich nicht funktioniere. Es brauche dagegen eine "aktive Rolle der Religionsgemeinschaften", betonte Scheuer.

Zu seiner künftigen Diözese Linz wolle er sich erst nach seiner Amtseinführung am 17. Jänner äußern, sagte der Bischof in dem Interview. Nur so viel: "Die Diözese ist besser als ihr Ruf."

 

Kathpress

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