Sunday 16. June 2019

Rosenberger: "Die einen hätscheln wir, die anderen essen wir"

Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger

Der Linzer Moraltheologe Univ.- Prof. Dr. Michael Rosenberger nimmt in seinem neuen Buch "Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier: Eine christliche Tierethik" die vielschichtige Tier-Mensch-Beziehung in den Blick.

Die Mensch-Tier-Beziehung nimmt sich im 21. Jahrhundert zunehmend ambivalent aus: Der Hund ist des Menschen bester Freund, das Schwein landet auf dem Teller. Der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger versucht in seinem neuen Buch "Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier - Eine christliche Tierethik" u. a. diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Rosenberger sprach anlässlich seines neuen Buches mit "Kathpress" über die vielschichtige und durch die Geschichte gewachsene Beziehung zwischen Mensch und Tier.

"Die einen hätscheln wir, die andern essen wir." Der ambivalente Umgang des Menschen mit dem Tier habe sich in den modernen Gesellschaften mittlerweile festgefahren. Dabei sind die beiden Extreme relativ junge Entwicklungen. "Noch vor 100 Jahren waren es bestenfalls Herrscher, die sich Kuscheltiere hielten und auch die durchgehende Ökonomisierung der Nutztierhaltung ist nicht älter als 100 bis 200 Jahre", erklärte Rosenberger. Die "irre Dominanz" der Ökonomie, die heute fast alle Lebensbereich beeinflusst, werde auch am Umgang des Menschen mit Nutztieren sichtbar. "Das erste Fließband lief", so der Experte, "in den 1860er Jahren in Schlachthöfen in Chicago".

Seither funktioniere die industrielle Herstellung tierischer Produkte nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung und zumeist außerhalb des Blickfelds der Öffentlichkeit. Der Umgang mit Tieren speise sich zu einem Großteil aus dieser ökonomischen Dynamik, angefangen von der Verlegung der Haltung und Schlachtung in Industriehallen bis hin zum großflächigen Einsatz von Antibiotika, um die "Fleischleistung" zu verstärken und Produktionsausfälle zu vermeiden. In diesem System der Gewinnmaximierung und optimalen Produktionspläne spiele das Wohl der Tiere, so der Moraltheologe, kaum noch eine Rolle.



Industrialisierung verlagert Produktion in Industriehallen


Mit der Industrialisierung der Produktion gehe aber nicht nur eine Effizienzsteigerung einher, sie habe auch einen praktischen Nebeneffekt. Rosenberger: "Die Fenster der Industriehallen sind zumeist klein, das Leid der Tiere dringt so kaum an die Öffentlichkeit." Das Bedürfnis des Menschen, möglichst wenig mit den Produktionsbedingungen konfrontiert zu werden, erfüllt die Fleischindustrie auch mit der Verpackung und Vermarktung des Fleisches. Oberstes Prinzip sei, so Rosenberger, die Verbindung zwischen Endprodukt und Tier zu verschleiern.

Aussagekräftiges Beispiel ist "gepresstes Fleisch" a la Chicken McNuggets. Dort werde nicht nur versucht, das Tier als Quelle, sondern auch die geringe Qualität des Fleisches unkenntlich zu machen. Dem Konsumenten komme das gelegen: "Heute zählt der Preis und nicht die Umstände der Produktion. Das sagt schließlich, dass wir sehr von diesem Konsumdenken okkupiert sind."

Die scharfe Trennung zwischen Nutz- und Haustier gelinge dem Menschen aber nicht nur über die Verdrängung des mit der industriellen Tiernutzung verbundenen Leides aus der Öffentlichkeit. Rosenberger: "Der Mensch teilt generell sehr scharf zwischen Freund und Feind, zwischen Individuen, die zu seinem Clan gehören und solchen, die das nicht tun." Evolutionsbiologisch sei das auf die Ressourcenknappheit zurückzuführen. Deutlich werde das an manchen Menschenaffen, die Vertreter anderer Rudel heftig bekriegen, um die eigenen Reviere zu schützen.



Kein Freifahrtschein für industrielle Tiernutzung


Ein Freifahrtschein für die industrielle Tiernutzung sei das aber nicht, stellt Rosenberger klar. Schließlich sei der Mensch mehr als nur Instinkt. Rosenberger verwies in diesem Zusammenhang auf die Vernunftbegabung des Menschen, aus der heraus sich die ethische Verpflichtung ergibt, über diese Denkmuster hinauszugehen. "Die ethische Anstrengung muss dahin gehen, genau diese Barrieren in unseren Köpfen zu überwinden, durch Einsicht und durch Denkleistung."

Der Umgang mit dem Tier ist für den Moraltheologen Gradmesser jeder Moral. "Wir messen die Moralität eines Menschen am Umgang mit den Schwächsten, und dazu gehören die Armen, die Behinderten, die Ungeborenen und die Tiere." Systeme, die die Ausbeutung der Schwächsten unterstützten, ließen schließlich Rückschlüsse auf die moralische Verfasstheit einer Gesellschaft zu.

Ein vollkommener Verzicht auf tierische Produkte lasse sich aus dem oben gesagten aber nicht herleiten, betonte Rosenberger. Aus ethischer Sicht spreche nichts gegen die Nutzung von Tieren. Bedenklich werde es lediglich dort, wo das Wohl des Tieres gegenüber dem Wohl des Menschen "massiv zurückgestellt" werde. Der Moraltheologe wünschte sich den Ausbau eines Zertifizierungssystems für fair oder biologisch hergestellte Lebensmittel. Denn: "Die Menschen sind bereit mehr zu zahlen, aber nur dann, wenn sie erkennen können, wofür sie mehr bezahlen."



Kirche und Tierschutz


Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier wird laut Rosenberger innergeschichtlich aber ein Traum bleiben. Vollkommene Gerechtigkeit sei in einer unperfekten Welt nicht erreichbar. In der Bibel gebe es aber durchaus die Vorstellung vom Frieden zwischen Mensch und Tier. Insofern gelte es, spürbare Schritte in dieser Richtung zu gehen und sich dem Ideal zu nähern, auch wenn es nicht ganz erreicht werden könne.

Das Neue Testament spreche sogar von der Erlösung der Tiere, die der des Menschen gleichgestellt ist. Dass sich diese biblischen Zeugnisse so wenig im täglichen Handeln der Gläubigen niederschlagen, habe vielfach mit der Rezeption bestimmter Strömungen der griechischen Philosophie zu tun. Eine Seele werde dort nur dem Mensch zugesprochen. Grundsätzlich sieht Rosenberger hier einen Aufholbedarf. Praktisch umsetzbar wäre das biblische Zeugnis etwa auf den Speiseplänen christlicher Bildungshäuser. Dort könnte Fleisch Freitags von der Karte gestrichen werden.

Mit Papst Franziskus sei aber eine gewisse Wende eingetreten. Der Papst äußere sich zwar weder direkt zum Umgang mit Tieren, noch habe er in der Umweltenzyklika "Laudato si" eine Tierethik entworfen. Er spreche aber immer wieder von der Würde eines jeden Geschöpfes. 



 

Michael Rosenberger:

Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier:

Eine christliche Tierethik

Kösel-Verlag

240 Seiten

ISBN: 9783466371358

Preis: 18,50 Euro

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