Thursday 17. October 2019

Linzer Karmelitenkirche würdigt christliche NS-Opfer mit Ausstellung

Von 1. Mai bis 25. Juli ist 30 österreichischen Priestern, Ordensleuten und ChristInnen eine Ausstellung gewidmet, die wegen ihrer religiösen Überzeugung Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Die Karmelitenkirche in Linz widmet seit 1. Mai Opfern der NS-Zeit aus dem Bereich des geweihten Lebens eine Ausstellung. Unter dem Titel „Die Welt steht in Flammen - Spiritualität und Widerstand in der NS-Zeit“ werden bis 25. Juli in der Krypta der Kirche exemplarisch 30 österreichische Priester, Ordensleute und ChristInnen vorgestellt, die MärtyrerInnen beziehungsweise Opfer von Hass und Diktatur in der Zeit geworden sind. TrägerInnen der Ausstellung sind der Teresianische Karmel in Österreich, die Superiorenkonferenz der männlichen Orden Österreichs und die Edith Stein-Gesellschaft. Als Kuratoren zeichnen P. Dr. Roberto Maria Pirastu OCD und DDr. Helmut Wagner verantwortlich.

 

Die Ausstellungskuratoren DDr. Helmut Wagner (l.) und P. Dr. Roberto Maria Pirastu

Die Ausstellungs-Kuratoren DDr. Helmut Wagner (l.) und P. Dr. Roberto Maria Pirastu. © Christoph Ernst Wottawa

 

Christlicher Widerstand – bis in den Tod

 

Den Anlass zur Ausstellung gibt das Gedenkjahr 1945 – 2015 zum Ende des Zweiten Weltkriegs sowie das von Papst Franziskus ausgerufene „Jahr des geweihten Lebens“. Die Biografien zeigten, „dass christlicher Widerstand das Ergebnis von Zivilcourage war und nicht amtskirchlich unterstützt oder gefördert wurde“, wie es in der Einladung zur Ausstellung heißt. Gleichzeitig werde an ihnen genauso deutlich, „dass die Diktatur eine systematische Verfolgung kirchlicher Einrichtungen und Amtsträger plante“.

Die Ausstellung besteht aus 30 Plakaten. Neben Übersichts- und Einführungsplakaten finden sich 25 Plakate zu insgesamt 32 ausgewählten OrdenschristInnen und Weltpriestern aus Oberösterreich und den übrigen österreichischen Diözesen, die in der NS-Zeit zu Tode gekommen sind bzw. in Haft waren. Folgende Orden sind in der Ausstellung vertreten: Trinitarierinnen, Dritter Orden vom Berge Karmel, Franziskanerinnen, Barmherzige Schwestern und Schwestern von der Unbefleckten Empfängnis (Vorauer Marienschwestern), Karmeliten, Prämonstratenser, Zisterzienser, Jesuiten, Salvatorianer, Franziskaner, Kapuziner und Augustiner Chorherren.

 

Nach Linz wird die Ausstellung in diesem Jahr noch in Wien und Innsbruck gezeigt.

 

DDr. Helmut Wagner, einer der beiden Kuratoren, erklärte das Ausstellungskonzept.
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz

 

Ausstellung „Die Welt steht in Flammen.
Spiritualität und Widerstand in der NS-Zeit“

 

Krypta der Karmelitenkirche

Landstraße 33, 4020 Linz

 

Öffnungszeiten:

1. Mai – 25. Juli

Montag bis Samstag, 9.00 – 18.00 Uhr

Ausgenommen 27. – 29. Mai und 24. – 26. Juni

 

Führungen auf Anfrage unter
0732 77 02 170 oder per E-Mail an office@klosterladen-linz.at

 

Informationen zur Ausstellung als PDF zum Download

 

 

Eröffnet wurde die Ausstellung am 1. Mai um 18.30 Uhr von Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz, von Karmeliten-Provinzial P. Roberto Maria Pirastu und von Historiker DDr. Helmut Wagner in der Krypta der Karmelitenkirche auf der Linzer Landstraße.

 

 

Würdigung der GlaubenszeugInnen der NS-Zeit

 

Aufholbedarf bei der Aufarbeitung der NS-Gräuel während des Zweiten Weltkriegs ortete der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz in seinen Grußworten. In den 70 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges habe die Aufarbeitung "oft nur mangelhaft stattgefunden", so Schwarz bei der Eröffnung der Ausstellung. Das diesjährige Jubiläum müsse daher als Chance gewertet werden, nicht nur des Kriegsendes, sondern auch des Endes des NS-Regimes, des Neubeginns und der Aufarbeitung des Geschehenen zu gedenken. Gleichzeitig forderte Schwarz eine Würdigung der GlaubenszeugInnen der NS-Zeit, die unter „schwierigsten Bedingungen Mut und Standhaftigkeit bewiesen haben“. „Die zu Tode gekommenen Priester und Ordensleute sind die MärtyrerInnen des 20. Jahrhunderts, weil sie in der Nachfolge Christi Widerstand geleistet beziehungsweise ihr Leben verloren haben.“

 

Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz begrüßte die Gäste.

Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz begrüßte die Gäste.
© Christoph Ernst Wottawa

 

Widerstand Einzelner in der Kirche, aber nicht der Kirche

 

Der Historiker DDr. Helmut Wagner referierte zum Thema „Kirche und Widerstand“. Das Gedenkjahr 2015 sei auch für die Kirche Anlass, kritisch über ihre Haltung zum NS-Regime nachzudenken. Mit der Unterscheidung verschiedener Motive von Widerstand erfahre der Begriff auch eine religiöse Konnotation in unterschiedlichen Abstufungen, so Wagner, der den seligen Franz Jägerstätter als Beispiel für explizit religiös motivierten Widerstand nannte. Wagner betonte, „die Kirche“ sei nicht im Widerstand gewesen, sondern in erster Linie als Institution an der Sicherung ihrer seelsorglichen Tätigkeit interessiert gewesen. Aus dieser Haltung ließen sich die Aufrufe an den Klerus erklären, sich etwa bei Predigten politischer Aussagen zu enthalten. Diese Haltung sei im Übrigen nicht belohnt worden, so Wagner: „Das NS-Regime entfaltete einen ‚Kirchenkampf‘, der die Kirche vieler Möglichkeiten ihres Wirkens beraubte.“

 

Widerstand Einzelner in der Kirche habe es gegeben, allerdings ohne Unterstützung der Institution, ja gegen deren ausdrückliches Anraten. „Die Kirche kann berechtigt auf Widerstand in ihren Reihen verweisen, die Selbstzuschreibung für die Gesamtinstitution bleibt aber problematisch und wird als unglaubwürdig erlebt“, machte Wagner deutlich. In Oberösterreich seien mehr als 100 Priester und OrdenschristInnen in Haft oder im KZ gewesen. Zwanzig von ihnen, die der Diözese Linz zugerechnet werden könnten, hätten ihr Leben verloren. Der Historiker hob hervor, dass der Widerstand von LaienchristInnen wie Franz Jägerstätter noch fast gar nicht erforscht sei. Darüber hinaus hätte es auch in der evangelischen und altkatholischen Kirche, unter Bibelforschern etc. Menschen gegeben, die aus religiöser Überzeugung Widerstand geleistet hätten.

 

Wagner erläuterte, dass jene, die Opfer religiösen Widerstands geworden waren, nach 1945 kaum würdigende öffentliche Erwähnung gefunden hätten. Fast mussten sie den Eindruck gewinnen, sie seien selbst schuld daran, in Haft oder ins KZ gekommen zu sein. „Die mentale Zustimmung und die seelsorgliche Empathie der Institution Kirche gehörte ab 1945 der großen Mehrheit der Kriegsteilnehmer. Dass jene, die dem Widerstand zuzurechnen sind, als ‚Tölpel‘ abgestempelt und mit neuer Missachtung bedacht wurden, kommt einer zweiten, nachträglichen und daher besonders bitteren Verurteilung ihres widerständigen Verhaltens gleich.“ Persönlichkeiten wie jene, derer in der Ausstellung gedacht werde, hätten vorgelebt, dass christliche Grundhaltung politisches Potential habe und „jederzeit in der Lage wäre, nein, in der Lage ist, das Europa von heute und von morgen vor inhumanen, tödlichen Gefährdungen zu bewahren“, so Wagner abschließend.

 

Historiker DDr. Helmut Wagner bei seinem Vortrag

Historiker DDr. Helmut Wagner bei seinem Vortrag. © Christoph Ernst Wottawa

 

P. Jacques de Jésus: Flamme der Hoffnung in der Hölle des Lagers

 

Der Provinzial der Karmeliten in Österreich, P. Roberto Maria Pirastu, verdeutlichte anhand des Beispiels von P. Jacques de Jésus, einem französischen Karmeliten, die schrecklichen Folgen von religiös motiviertem Widerstand. P. Jacques leitete eine Ordensschule in Avon. Sein Ziel war es, „seine“ Kinder zu Menschen zu erziehen, die sich ihrer künftigen Verantwortung bewusst sind. Er lebt großen Mut vor, indem er etwa einen jüdischen Lehrer einstellt, der seinen Unterricht im öffentlichen Gymnasium nicht wieder aufnehmen kann. P. Roberto Maria Pirastu schilderte anschaulich die Haltung des Karmeliten: „Zu seinen Schülern sagte er: ‚Wenn ihr jemanden seht, der einen gelben Stern hat, nehmt den Hut ab.‘ Auf diese Weise wollte er jenen ihre menschliche Würde zurückgeben, denen die Nazis sie wegnehmen wollten. Dies ist eine Art Leitmotiv in seinem ganzen Leben: die Würde des Menschen anerkennen und Menschen helfen, die eigene Würde zu entdecken.“

 

1943 nahm P. Jacques drei jüdische Kinder unter falschem Namen in sein Internat auf, um sie vor der Deportation zu retten. Nach einer Anzeige werden P. Jacques und die drei Kinder wenige Tage später verhaftet. Seine letzten Worte zu den auf dem Schulhof versammelten Schülern: „Auf Wiedersehen, Kinder, macht ohne mich weiter!“ Die drei Kinder werden nach Auschwitz deportiert, P. Jacques kam isn KZ Royallieu, später ins Gestapo-Lager Neue Bremm bei Saarbrücken und danach nach Mauthausen. Überall blieb er als Mensch im Gedächtnis, der anderen Häftlingen half und unermüdlich Trost spendete. Im Lager Gusen I, in das er später verlegt wurde, ist seine Nächstenliebe „eine Flamme der Hoffnung in der Hölle des Lagers“, so P. Roberto in seinem Impulsvortrag. So weitete P. Jacques die Solidaritätsgruppen, die die Kommunisten eingerichtet hatten, aus und verbreitete sie: Gruppen, in denen drei oder vier Deportierte eine kleine Menge von ihrer Essensration abzweigten, die dann einem Schwächeren gegeben wurde. Bis zum Schluss verzichtete P. Jacques auf einen großen Teil oder seine ganze Ration.

 

P. Dr. Roberto Maria Pirastu brachte den BesucherInnen das mutige Zeugnis eines Karmeliten nahe, der dafür mit dem Leben bezahlte.

P. Dr. Roberto Maria Pirastu brachte den BesucherInnen das mutige Zeugnis eines Karmeliten nahe, der dafür mit dem Leben bezahlte. © Christoph Ernst Wottawa

 

P. Jacques war es ein Anliegen, den „Geist hochzuhalten“ und nicht im Schrecken des Lagers zu versinken, ja sich nicht anstecken zu lassen von der Brutalität und dem Terror. Er versuchte auch, heimlich seinen Dienst als Priester auszuüben. So gelang es ihm unter Lebensgefahr mehrere Male, die Eucharistie zu feiern und die Beichte abzunehmen. Obwohl er immer schwächer wurde, setzte er seinen Dienst fort. Nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner wurde er ins Krankenhaus der Elisabethinen in Linz gebracht, wo er bald darauf verstarb. Seine letzte Ruhe fand er im Kloster in Avon. Eine bleibende Hommage an P. Jacques schuf sein ehemaliger Schüler, der Regisseur Louis Malle, mit dem Film „Au revoir les enfants“ („Auf Wiedersehen, Kinder“), in dem er das mutige Eintreten des Karmeliten für die drei jüdischen Kinder rekonstruiert. 1997 wurde ein Seligsprechungsverfahren für P. Jacques eingeleitet.

 

Karmelitenkonvent Linz

 

 

P. Roberto Maria Pirastu (2. v. l.) und Diözesanbischof Ludwig Schwarz im Gespräch
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz
Ausstellung "Die Welt steht in Flammen", Karmelitenkirche Linz

 

(be)

Getauft und Gesandt
Michael Münzner

Michael Münzner

Es ist erstaunlich und schön, dass Gott durch mich wirken will.
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