Friday 27. November 2020

30. April ist Tag der Arbeitslosen: Betroffenen Würde und Perspektiven geben

Arbeitslosigkeit – kein individuelles Schicksal, sondern ein gesellschaftliches Problem: Darüber waren sich die (auch kirchlichen) VeranstalterInnen des „Tags der Arbeitslosen“ bei einer Pressekonferenz in Linz einig.

Traditionell wird am Vortag des 1. Mai der „Tag der Arbeitslosen“ begangen. Dabei machen Organisationen, die mit arbeitslosen Menschen und für sie arbeiten, auf ihre Anliegen und Forderungen aufmerksam. Ziel dieses Aktionstags: für die Situation arbeitsloser Menschen zu sensibilisieren und so deren Diskriminierung und Stigmatisierung entgegenzuwirken.

 

Bei einer Pressekonferenz im OÖ. Presseclub zeichneten Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz, Christine Lengauer (Stv. ÖGB-Vorsitzende), Dorothea Dorfbauer (Sprecherin der Veranstaltungsgemeinschaft „Tag der Arbeitslosen“) und Silvia Weber aus der Sicht Betroffener ein bedrückendes Bild von der aktuellen Arbeitssituation in (Ober-)Österreich. Knapp 58.000 Menschen waren Ende März in Oberösterreich ohne Arbeit, österreichweit sind es fast eine halbe Million Menschen.

 

V. l.: Mag.a Dorothea Dorfbauer, Bischof Dr. Ludwig Schwarz, Pressekonferenz in Linz zum Tag der Arbeitslosen.

V. l.: Mag.a Dorothea Dorfbauer, Bischof Dr. Ludwig Schwarz, Christine Lengauer und Silvia Weber. © Diözese Linz

 

 

Strukturelle Maßnahmen seitens der Bundesregierung nötig

 

Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz wies darauf hin, dass Arbeitslosigkeit die Würde der Betroffenen gefährde und Hoffnungslosigkeit und Schuldgefühle auslöse. "Die Menschen wollen arbeiten, und sie würden sehr viel für einen passenden Arbeitsplatz tun. Sie möchten ein Gefühl des 'Gebraucht-Werdens' erleben und ein selbstständiges Leben ohne soziale Unterstützung führen", so Schwarz. Er wies darauf hin, dass in Oberösterreich bereits viel an Unterstützung geschehe, etwa durch die Bischöfliche Arbeitslosenstiftung, die Trägerin des sozialen Betriebs Jona Personalservice, des Jugendprojektes "ju-can" und der Arbeitsstiftung der Diözese Linz ist.

 

Der Diözesanbischof forderte strukturelle Maßnahmen seitens der Bundesregierung für eine effektive Verringerung der Arbeitslosigkeit. Es sei eine zentrale Frage der christlichen Sozialethik, dass jeder Mensch seinen Arbeitsplatz frei wählen können solle, um dort seine Färhigkeiten sinnstiftend einzubringen. Er hoffe auf konkrete politische Maßnahmen; die Diözese Linz werde gerne ihren Beitrag leisten, wo sie gebraucht werde, betonte Schwarz.

 

Er zitierte Sozialethiker Friedhelm Hengsbach mit seiner Forderung nach iner Umverteilung der Arbeit zwischen arbeitslosen und überarbeiteten Menschen, zwischen atypisch und hochbezahlten Beschäftigten sowie zwischen Frauen und Männern im Bereich der Erwerbsarbeit und in der Privatsphäre.

 

Mag.a Dorothea Dorfbauer und Bischof Dr. Ludwig Schwarz

Mag.a Dorothea Dorfbauer und Bischof Dr. Ludwig Schwarz. © Diözese Linz

 

 

Arbeitslosen Menschen eine Stimme geben

 

Christine Lengauer, stellvertretende ÖGB-Landesvorsitzende, kritisierte die Tatsache, dass angesichts dramatisch hoher Arbeitslosenraten bei den Mitteln für aktive Arbeitsmarktpolitik des AMS OÖ der Rotstift angesetzt werde. Besorgniserregend sei vor allem die Zahl der Langzeitarbeitslosen und die Situation jugendlicher und älterer Arbeitsloser. Die Zahl jugendlicher Arbeitssuchender etwa habe sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Um arbeitslosen Menschen eine Stimme zu geben, wurde vom ÖGB OÖ das österreichweit erste „Forum für arbeitslose Menschen“ gegründet, in dem politische Forderungen erarbeitet werden.

 

Arbeitslosigkeit sei nicht nur schlimm für die Betroffenen, sondern auch ein Problem für die Gesellschaft: Das Einkommen der Betroffenen fehle im Wirtschaftskreislauf, darüber hinaus fehlten Einnahmen für Kranken- und Pensionsversicherungen, so Lengauer.

 

Der ÖGB fordert daher

  • eine Aufstockung der finanziellen Mittel für aktive Arbeitsmarktpolitik
  • ein „Recht auf Arbeit“ im Verfassungsrang
  • eine Anhebung des Arbeitslosengeldes auf EU-Niveau
  • die Umsetzung des Bonus-Malus-Systems für Unternehmen und eines Beschäftigungsprogrammes für ältere ArbeitnehmerInnen
  • eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung, um die vorhandene Arbeit besser zu verteilen und damit neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Christine Lengauer (l.) und Silvia Weber.

Christine Lengauer (l.) und Silvia Weber. © Diözese Linz

 

 

Kein Bewerbungsgespräch ab 50

 

Silvia Weber, 55, gelernte Bürokauffrau, schilderte aus der Sicht einer persönlich Betroffenen ihre Erfahrungen als „Arbeitssuchende über 50“. Vom Beginn ihrer Arbeitslosigkeit im Herbst 2012 bis zu ihrer jetzigen Tätigkeit als Leiterin des Textilbereichs im neuen Volkshilfe-Shop in Linz-Urfahr war es ein langer, steiniger Weg. Sie schrieb unzählige Bewerbungen, die keinen Erfolg brachten. „Wenn man älter ist als 50, wird man zu einem Vorstellungsgespräch nicht einmal mehr eingeladen“, weiß Weber. Sie wagte also den Sprung in die Selbstständigkeit und führte über mehr als ein Jahr ein Kaffehaus in Hellmonsödt. Von den Einnahmen konnte die engagierte Frau nicht leben - es folgte erneut die Arbeitslosigkeit. Über das AMS und den Verein ALOM kam Weber aks sogenannte Transitkraft (= befristete Anstellung für auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen) in den Volkshilfe-Shop in Rohrbach und schließlich zu einem Volkshilfe-Shop in Linz. Diese Second-Hand-Geschäfter, insgesamt 16 in ganz Oberösterreich, werden als sozialökonomische Betriebe geführt, in denen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen die Chance erhalten, wieder ins Berufsleben einzusteigen.

 

Aufgrund ihrer ausgezeichneten Fähigkeiten wurde Silvia Weber im April fix übernommen. Seit 17. April leitet sie den Textilbereich im neu eröffneten Volkshilfe-Shop in Linz-Urfahr (Freistädterstraße). Die Arbeit dort macht sie leidenschaftlich gern, „sie ist wie für mich gemacht. Ich bin glücklich, dass ich diese Chance bekommen habe.“

 

 

Silvia Weber schilderte persönliche Erfahrungen.

Silvia Weber schilderte persönliche Erfahrungen. © Diözese Linz 

 

Arbeitssituation wird sich weiter verschärfen

 

Mag.a Dorothea Dorfbauer, Vorsitzende der Sozialplattform Oberösterreich, sprach für die Veranstaltungsgemeinschaft des Aktionstags „Tag der Arbeitslosen“. Sie betonte, angesichts der aktuellen Arbeitslosenzahlen sei es zynisch, den Betroffenen die Schuld für ihre Arbeitslosigkeit selbst zuzuschreiben. Nicht die Arbeitslosen seien schuld an der Misere, sondern die Art des derzeitigen Wirtschaftens bringe die hohe Arbeitslosigkeit hervor. „Es fehlen schlicht die passenden Arbeitsplätze – und die Situation wird sich weiter verschärfen.“ Die Arbeitslosenrate werde sich jedenfalls bis 2018 erhöhen, Oberösterreich werde voraussichtlich überdurchschnittlich davon betroffen sein. 

 

Beratungs- und Betreuungseinrichtungen, Beschäftigungsprojekte und Schulungsangebote könnten helfen, "Arbeit, Perspektiven und Wertschätzung" zu finden, und seien volkswirtschaftlich sinnvoll, wie eine Studie von Joanneum Research zeige. Politische Forderungen wie die Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen seien angesichts massiver struktureller Arbeitslosigkeit und fehlender Jobs entwürdigend, so Dorfbauer.

 

Mag.a Dorothea Dorfbauer und Bischof Dr. Ludwig Schwarz

Mag.a Dorothea Dorfbauer, Bischof Dr. Ludwig Schwarz. © Diözese Linz

 

30. April: Aktionstag zum „Tag der Arbeitslosen“ auf dem Martin-Luther-Platz in Linz

 

Von 10.30 Uhr bis ca. 15 Uhr wird beim Aktionstag zum „Tag der Arbeitslosen“ am 30. April auf dem Martin-Luther-Platz in Linz auf Würde und Gerechtigkeit für arbeitslose Menschen aufmerksam gemacht. BesucherInnen erwartet u. a. ein „Speed Dating“ mit PolitikerInnen, ein Speakers Corner, Infostände, Straßenaktionstheater, Livemusik mit dem Gegentonorchester und einem Streicherduo, eine Suppenküche für Hungrige und vieles mehr.

 

https://www.facebook.com/tagderarbeitslosen

 

 

        Christian Winkler, Geschäftsführer der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung (l.), macht am „Tag der Arbeitslosen“ auf die Situation arbeitsuchender Menschen aufmerksam.

Christian Winkler, Geschäftsführer der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung (l.), macht am „Tag der Arbeitslosen“ auf die Situation arbeitsuchender Menschen aufmerksam. © Diözese Linz

 

 

 

Mitglieder der Veranstaltergemeinschaft zum Tag der Arbeitslosen:

 

 

V. l.: Bettina Stadlbauer, Christine Lengauer, Silvia Weber, Bischof Dr. Ludwig Schwarz, Mag.a Dorothea Dorfbauer und Christian Winkler.

V. l.: Bettina Stadlbauer (ÖGB), Christine Lengauer (ÖGB), Silvia Weber (Betroffene), Bischof Dr. Ludwig Schwarz (Diözese Linz), Mag.a Dorothea Dorfbauer (Sprecherin Veranstaltergemeinschaft „Tag der Arbeitslosen“) und Christian Winkler (Bischöfliche Arbeitslosenstiftung). © Diözese Linz

 

(be)

Stand 16.11.2020

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