Friday 13. December 2019

Jeden Morgen mit Sack und Pack in die Pfarre

Johanna Rachbauer verbrachte ein Jahr als Volontärin in der Republik Kongo. © privat

Johanna Rachbauer verbrachte ein Jahr als Volontärin in der Republik Kongo – organisiert von der Organisation „volontariat.bewegt.“ In einem Interview schildert die junge Frau aus Schildorn in Oberösterreich ihre Aufgaben, Erfahrungen und Eindrücke.

Wann und wo genau waren Sie?

Von September 2013 bis September 2014 war ich als Volontärin in Pointe Noire, der wirtschaftlichen Hauptstadt des Kongo. Diese Stadt von circa einer Million Einwohnern liegt am Meer. Sie besitzt einen großen wichtigen Hafen für den Import von Diversem und dem hauptsächlichen Export von Erdöl. Mein Lebens- und Arbeitsumfeld befand sich in dem meistbevölkerten Viertel Fond Tié Tié. Meine Mitvolontärin und ich wohnten zehn Gehminuten von der Pfarre St. Jean Bosco (= hl. Johannes Bosco) entfernt.

Wie gestaltete sich Ihr Tag als Volontärin?

Jeden Morgen gingen wir mit Sack und Pack in die Pfarre, um wenn möglich die Messe mitzufeiern und um danach mit den Patern zu frühstücken, bevor wir unsere Arbeit begannen. Unsere Hauptaufgabe war der Englisch- und Deutschunterricht in der Volks-, Haupt- und Berufsschule. Diese befinden sich in der Pfarre und werden von den Salesianern Don Boscos geleitet. Die Volksschule ist nach dem französischen System sechsjährig, die Hauptschule vierjährig. Beide Schulen werden zusammengefasst mit dem Namen Ecole St. Dominique Savio. Etwa 330 Schülerinnen und Schüler zwischen fünf und sechzehn Jahren gehen dorthin. Beide Schulen sind kostenpflichtig. Verglichen zu anderen Privatschulen verlangen sie jedoch nur sehr, sehr geringe Schulgebühren von ihren Schülerinnen und Schülern. Einige Schüler in schwierigen finanziellen Situationen werden von diesen Gebühren befreit. Ich hatte in dieser Schule sieben Englischstunden und zwei Deutschstunden.
Abgesehen von Volks- und Hauptschule gibt es auch eine Berufsschule in der Pfarre. Sie bildet die Schülerinnen und Schüler in den Zweigen Schweißerei, Tischlerei, Mechanik, Automechanik und Elektrik aus. Die Schule dauert zwei bis drei Jahre, je nach Zweig, und wird mit einem staatlich anerkannten Diplom abgeschlossen.

Was bringt dieses Diplom den Jugendlichen?

Es erleichtert den Einstieg in die Arbeitswelt, mit Blick darauf, dass es im Kongo eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit gibt. Die Berufsschule nimmt Jugendliche ab 16 Jahren mit verschiedenster Vorbildung auf. Sie müssen aber zumindest die Volksschule abgeschlossen haben. Ich hatte in dieser Schule zwei Wochenstunden Englischunterricht.

 

Johanna Rachbauer beim Unterrichten. Foto: privat in einer Schule im Kongo während ihres Volontariats

Was taten Sie außerhalb der Unterrichtszeiten?

Wenn ich nicht gerade in einem der Klassenzimmer war, bereitete ich die nächsten
Stunden vor, verbesserte Hausübungen und Tests oder half der Schulsekretärin. In der kleinen Pause verkaufte ich oft Milchreis oder Haferbrei an die Kinder und unterhielt mich mit ihnen. Es gibt auch eine Kantine, die den Kindern gegen Bezahlung in der Mittagspause ein Essen zur Verfügung stellt. Wenn wir, meine Mitvolontärin und ich, am Nachmittag mit dem Unterricht fertig wurden, gab es meistens noch andere Aktivitäten wie zum Beispiel: Lehrerkonferenz, Chorprobe, Pfadfinder-Heimstunde, Nachmittagsbetreuung im Straßenkinderhaus der Salesianer, Vorbereitung des Katechismus-Unterrichts ...

 

Johanna Rachbauer beim Unterrichten. Foto: privat in einer Schule im Kongo während ihres Volontariats

Wann war Ihr Tag beendet?

Oft war es schon finster, wenn wir uns auf den Weg zu unserem Haus machten. Dann aber immer mit Begleitung. Denn als junge, weiße Frau fällt man in unserem Viertel schon sehr auf und da ist es gut, aus Vorsicht nicht allein zu gehen.

Wie gestaltete sich der Sonntag?

Sonntags war natürlich kein Unterricht in der Schule, sondern vormittags Katechismus-Unterricht und nachmittags Oratorium. Das Oratorium empfängt alle Kinder des Viertels und einige Animateure beschäftigen sich mit ihnen. Es wird gespielt, gebastelt, gezeichnet. Und es wurden auch Querflöten- und Trommelworkshops angeboten. Auf diese Art und Weise soll den Kindern gelernt werden, wie man miteinander umgeht. Gott soll ihnen durch Geschichten von Jesus und dem Feiern der kirchlichen Feste näher gebracht werden.

 

Johanna Rachbauer verbrachte ein Jahr als Volontärin im Kongo. Foto: privat


Und wann hatten Sie Zeit für sich?

Montag war unser freier Tag, an dem wir uns etwas ausruhten, das Haus in Schwung brachten, die nächste Schulwoche vorbereiteten und manchmal Ausflüge mit Freunden machten. Dieser Tag war für uns sehr wichtig zum Kraft tanken für die nächste, anstrengende Woche.

Welche Rolle spielte die Pfarre St. Jean Bosco in Ihrem Leben als Volontärin?

Weil ich so viel Zeit in der Pfarre verbrachte, war die Pfarre eindeutig mein Lebensmittelpunkt. Ich fühlte mich vom ersten Tag an von den Menschen dort sehr herzlich aufgenommen. Nach und nach lernte ich diese immer besser kennen und spürte, dass die Pfarre durch den gelebten Glauben eine große Familie bildet.

Welchen Stellenwert hat die Pfarre für die Menschen dort?

Sie ist nicht nur der Ort, an dem die Messen gefeiert werden. Sondern: zu jeder Tageszeit finden sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene in der Pfarre ein, um zu spielen, in die Schule zu gehen, zu beten, an ihrem Gruppentreffen teilzunehmen – es gibt allein 13 Jugendgruppen – oder einfach, um sich mit jemandem zu treffen. Es war eine schöne Erfahrung, an dieser Gemeinschaft teilzuhaben.
Es ist sehr wichtig, dass die Pfarre für die Menschen so etwas wie ein sicheres Ufer darstellt, denn im Kongo gibt es eine Menge Probleme: schlechtes Schulsystem, wenig Infrastruktur, hohe Arbeitslosigkeit, Korruption, schlechtes und teures Gesundheitssystem, kaum Produktion im Land und deshalb teurer Import – selbst von Grundnahrungsmitteln etc.
Damit müssen die Menschen dort leben, weil die politischen Entscheidungsträger meines Eindrucks nach kein Interesse daran haben, dass sich etwas verbessert. Leider ist das Land trotz offizieller Unabhängigkeit in Wirklichkeit so abhängig von Frankreich wie eh und je.

Das heißt aus Ihrer Sicht?

Ein Beispiel der Ausbeutung und der Abhängigkeit: Der französische Konzern Total baut ca. 60 Prozent des Erdöls ab und exportiert dieses, ohne viel dafür zu zahlen. Ähnlich ist es mit dem italienischen Konzern Eni, der etwa 30 Prozent der Erdölanteile hat. Das lässt vermuten, dass diese Konzerne einen kleinen Teil ihres Profits dem Präsidenten und seinen Ministern überlassen, damit sie brav wegschauen. Auch China gewinnt mehr und mehr an Einfluss, baut Straßen und öffentliche Gebäude und kauft Land. Man hat oft den Eindruck, dass der Präsident Kongos nur eine Marionette Frankreichs ist. Was passiert, wenn er aus seiner Rolle tanzen will, zeigt der Bürgerkrieg, der zwischen 1997 und dem frühen 21. Jahrhundert vor allem in der Hauptstadt gewütet hat. Damals wollte der Präsident Lissouba die Erdölanteile an die USA verkaufen, woraufhin Frankreich den jetzigen Präsident Sassou im Krieg, der vor den Wahlen ausbrach, gegen eben diesen unterstützt hat. Noch heute haben die Leute Angst vor einem neuen Krieg und blicken nervös den nächsten Wahlen 2016 entgegen.

Was nehmen Sie sich für Ihr weiteres Leben mit aus diesem einem Jahr in Pointe Noire?

Ich kann sagen, dass ich während meines Volontariats in Pointe Noire viel gelernt habe von den Menschen dort. Außerdem habe ich einiges schätzen gelernt, was wir in Österreich oft als selbstverständlich betrachten. Ich hab auch sehr viel über mich selbst gelernt und bin an den verschiedenen Herausforderungen gewachsen. Vor allem aber war es ein bewegendes Jahr voller beeindruckender Begegnungen mit besonderen Menschen.

 

Johanna Rachbauer verbrachte ein Jahr als Volontärin in der Republik Kongo. © privat

(ma)

 

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