Tuesday 11. August 2020

„Man sollte nichts gar zu ernst nehmen“

Am 28. Jänner 2019 führte Andreas Fürlinger, Mitarbeiter im Kommunikationsbüro der Diözese Linz, eines der letzten Interviews mit Prof. Balduin Sulzer im Stift Wilhering.

Es ist ein kalter Wintertag Ende Jänner 2019. Ich warte auf Balduin Sulzer in der Pforte des Stiftes Wilhering, weil ich einen Interview-Termin vereinbart habe und sehe mir den im Eingangsbereich aufgestellten CD-Ständer an. Diverse Tonträger mit Werken des bekannten Komponisten und Musikers werden zum Verkauf angeboten. Doch an diesem Tag habe ich kein Glück. Der doch etwas chaotische, alte Mann hat mich „versetzt“, wie man so schön sagt. Er musste dringend mit dem Auto ins benachbarte Ausland, um etwas für eine Musik-Aufzeichnung zu regeln.

 

Eine Woche später, am 28. Jänner, habe ich mehr Glück. Ich benutze das Haustelefon in der Pforte und wähle „15“ – die Durchwahl zu seinem Zimmer. Nur wenige Minuten später kommt der etwas gebrechliche Pater des Stiftes die Stiegen herab und sperrt mir die Tür auf zum Stiegenhaus. Man erahnt, wenn man die breiten Stufen zu seinem geräumigen Wohn- und Arbeitszimmer hinaufgeht, dass in dem Gebäude früher einmal mehr los war.

 

„Kreatives Chaos“

 

Das Zimmer selbst, in das mich der Künstler bittet, ist unaufgeräumt, aber alles scheint doch irgendwie seine Ordnung zu haben. Eine Art „kreatives Chaos“ herrscht in dem Raum, der neben einem Flügel auch Regale, Schreibtische mit allerlei Notenmaterial, einen Kühlschrank und eine Sitzgruppe beherbergt.

 

Mir ist der Lehrer Balduin Sulzer von der Stifterschule in Linz her bekannt, die ich von 1993 bis 1997 besuchte. In dem Jahr, als ich maturierte, ging Sulzer dort in Pension. Sein schelmisches Grinsen und seine Frohnatur verbreiteten in dem Haus Stifterstraße 27 stets gute Stimmung.

 

„Jetzt bin ich ein alter Mann, der das meiste hinter sich hat“

 

Wir sitzen uns also gegenüber und mich interessiert, wie Sulzer sich selbst sieht. Relativ nüchtern und mit ruhiger Stimme antwortet er: „Jetzt bin ich ein alter Mann, der das meiste hinter sich hat und eigentlich mehr oder minder auf den Übergang ins nächste Leben wartet. Da lege ich einen Wert darauf, dass ich sagen kann ,das nächste Leben‘. Denn ich habe meine Existenz bekommen und diese in einer Art ausgenützt, wie es mir angeboten worden ist.“

 

Geschichten die das Leben schreibt: Balduin Sulzer

Nach dem Interview am 28.1.2019 setzt sich Balduin Sulzer an den Bösendorfer-Flügel in seinem Zimmer im Stift Wilhering und spielt einer seiner Kompositionen. (c) Diözese Linz / Fürlinger

 

„Nach Linz verschleppt“

 

Und dann erzählt er mir aus seinem Leben. Von seiner „normalen“ Schulzeit in Großraming. Dass ihn seine Eltern nach Linz „verschleppt“ hätten ins Gymnasium auf der Spittelwiese. „Übrigens hab‘ ich auch in Turnen eine Aufnahmsprüfung machen müssen, das war damals üblich“, erinnert er sich zurück.

 

„Mein Latein war linzerisch“

 

Wir reden über den Krieg und dass es von Dezember 1944 bis zum Sommer 1945 deswegen keinen Unterricht gegeben hat. Nach der Kriegszeit setzte Sulzer seine Schullaufbahn im Gymnasium in Wilhering fort, maturierte dort und trat, gemeinsam mit zehn anderen Maturanten, 1949 in das dortige Zisterzienser-Stift ein. Sein Theologie-Studium begann er in Linz, und setzte es in Rom fort. Schmunzelnd erzählt Sulzer: „Die Prüfungen dort habe ich auf Latein abgelegt. In dem Zeugnis, das ich bekommen habe, ist drinnen gestanden, dass ich im nächsten Semester einen Kurs ,Ciceronisches Latein‘ besuchen solle. Das war bei mir nicht so ciceronisch scheinbar, sondern eher linzerisch. Das ist aber nicht das Gleiche wie ciceronisch.“

 

„Da habe ich mich auf die Chorarbeit gestürzt“

 

Der Orden sah für ihn eine Lehrtätigkeit im Gymnasium Wilhering vor. Also studierte der 23-jährige die Unterrichtsfächer Musik und Geschichte in Wien. Gerne, erzählt er mir im Rückblick auf diese Zeit der Ausbildung, hätte er auch das Doktorat gemacht, aber er wurde als Lehrer gebraucht.

„Da habe ich mich auf die Chorarbeit gestürzt, das hat mir gefallen und mit den Buben habe ich ganz gut umgehen können. Es ist mir gelungen, einen tragfähigen Chor zusammenzubekommen.“ Mit bescheidenem Stolz erzählt er von Anfragen des Linzer Landestheaters, wo „seine“ Buben immer wieder Kinderrollen übernahmen; und von den Schwierigkeiten, die er dadurch in der Schule bekam, weil der damalige Direktor kein großes Verständnis für „Theaterbesuche“ während der Schulzeit hatte.

 

Neue Aufgabe in der Stifterstraße

 

Durch einen glücklichen Umstand, erzählt Sulzer, habe es ihn 1974 in die Stifterschule verschlagen. Dort wurde der Schulversuch „Musikgymnasium“ eingesetzt. Da es dafür nur zwei ausgebildete Lehrkräfte in Oberösterreich gab und die andere Professorin absagte, begann er zuerst  in Teilanstellung, ab 1979 in Vollanstellung an der Stifterstraße zu unterrichten. Von Wilhering nach Linz zu pendlen war schwierig. „Ich wohnte im ,Lehrerhaus‘ in der Dinghoferstraße in einem Zimmer mit Küche. Das habe ich mir beibehalten. Es waren im Musikgymnasium so viele Aufführungen, die alle am Abend waren. Und da war das sehr gut, dass ich in Linz einen Unterschlupf hatte. Nach meiner Pensionierung habe ich mein Zimmer in Linz behalten, aber meinen Arbeitsplatz nach Wilhering verlegt. Hier habe ich dann auch bei den Abläufen im Kloster wieder mitgemacht“, plaudert der fast 87-jährige.

 

Leute „für sich selbst aufwecken“

 

Ich frage Balduin Sulzer, ob er gerne Lehrer war. Mit unüberhörbarer Begeisterung antwortet er: „Ja, das hat mich interessiert. Im Kunstbereich ist es ja so, dass man die Leute ,für sich selbst aufwecken‘ muss. Wenn ich einen Musiker habe, muss ich ihn dazu bringen, zu entdecken, wozu er fähig ist. Denn wenn ein unfähiger Mensch nicht Klavier spielen will, dann kann ich ihn nicht als Pianist ausbilden.“

Das ist es, was ich auch jetzt nach seinem Ableben überall über den Komponisten-Pater gelesen habe: Dass er fördernd und fordernd war. Aber nie humorlos und ohne Witz.

 

Mich interessiert auch, wie Sulzer mit „schrägen“ Tönen, Dingen oder Menschen umgeht. Da muss er lachen und sagt: „Vor allem einmal nicht zu ernst. Ich will eine ,Gaudi‘ daran sehen, wenn es geht. Wenn nicht, auch. Das glaube ich ist wichtig. Dass man das nicht tödlich ernst nimmt.“

 

„Stolz, dass einiges gelungen ist“

 

Auf die Frage, worauf er stolz sei, antwortet er in der ihm eigenen Bescheidenheit: „Dass ich fast 60 Jahre in der Schule verbracht habe und dort einige Spuren vorhanden sind. Dass ich nicht umsonst gearbeitet habe und dass einiges gelungen ist. Ich behaupte nicht, dass alles gelungen ist, aber einiges, und damit bin ich zufrieden. Zu Recht oder zu Unrecht."

 

„Das Sterben ist ein Vorgang, mit dem man nicht nur rechnen muss, sondern den man auch einplanen kann“

 

Am Ende des Interviews, es ist ziemlich genau eine dreiviertel Stunde vergangen, frage ich Sulzer, was die Zukunft wohl bringen werde.

Er erzählt mir von einem symphonischen Auftragswerk für eine Produktion in Japan, das er für Dezember 2020 liefern soll und schaut auch seinem Tod ins Auge:

 

„Ich habe einen Bruder, der kürzlich gestorben ist, das war mein jüngster Bruder. Jetzt geht’s halt los. Jetzt werden dann die anderen auch drankommen und ich werde auch irgendwann dabei sein. Das Sterben ist ein Vorgang, mit dem man nicht nur rechnen muss, sondern den man auch einplanen kann. Die Dinge, die ich schöpferisch gemacht habe, das ist alles geordnet. Da habe ich im Haus ein Archiv, ein Zimmer, wo alles geordnet ist. Und da sind auch ein paar Leute vom Mozarteum in Salzburg, die das wissenschaftlich betreuen, um das kümmere ich mich noch.“

 

Ich bitte ihn, dass wir noch ein paar Fotos machen. Er setzt sich ans Klavier und spielt einer seiner neuesten Kompositionen.

 

Gut zwei Monate später, am 10. April 2019, erreicht mich die Nachricht vom Ableben des herzlichen und humorvollen Menschen Balduin Sulzer. Ruhe in Frieden.

 

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