Bischof Scheuer zu Allerheiligen: Den Glauben in der Gemeinschaft leben
„Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen", heiße es etwa im Glaubensbekenntnis – und obwohl dem Individuum im Glauben eine hohe Bedeutung zukomme, könne der Glaube nicht von den Heiligen, der Gemeinschaft und Solidarität mit den Menschen losgelöst bestehen. „Ein Christ ist kein Christ. Wir glauben nicht als Single, sondern in Gemeinschaft", betonte Scheuer und warnte mit Blick auf soziale Medien davor, dass Menschen zunehmend in ihren eigenen „Blasen" blieben.
Im gesellschaftlichen Leben, in der Arbeit, im persönlichen Leben sowie im Glauben komme es auf die Qualität der Beziehungen und des Zusammenhalts an, sagte der Bischof. Am Allerheiligenfest werde der Vorbilder gedacht, die für das Gemeinsame eingestanden seien. „Heute feiern wir die Gemeinschaft der Kirche, die nicht auf Gruppeninteressen oder kurzfristige Projekte eingeschränkt werden kann. Zu Allerheiligen verehren wir jene Menschen, die bei Gott angekommen sind und für andere eine Quelle der Freude und Freundschaft, der Hoffnung und der Zuversicht ist", so Scheuer.
Ein Gläubiger dürfe kein Eigenbrötler sein, nicht selbstgefällig, nicht narzisstisch, erklärte der Linzer Bischof. Zugleich stellte er infrage, ob soziale Medien, aber auch Zeitungen, Radio und Fernsehen oder das Internet eigene Identitäten, Zugehörigkeiten, Vernetzungen und Freundschaften schaffen würden. Denn: „Die Arroganz der Besserwisserei bringt nicht weiter, die Suche nach Sündenböcken auch nicht". Unter Jugendlichen zählten nach wie vor die Familie, eine sichere Zukunft und insbesondere Freunde zu den wichtigsten Dingen im Leben. „Es ist das Urbedürfnis, dass da jemand ist, der mich mag", so der Bischof. Wer Facebook verweigere, gelte unter Jugendlichen allerdings als „MoF" - Mensch ohne Freunde.
Freundschaft nicht auf die eigene „Blase" beschränken
Freundschaft dürfe jedoch nicht auf die eigene „Blase" und die Bestätigung der eigenen Interessen oder Identität beschränkt bleiben, betonte Scheuer. Das sei vielmehr Ausdruck von Narzissmus oder gemeinsamem Egoismus, nicht aber von Freundschaft und Liebe. Zur „wahren" Freundschaft gehöre eine positive Sicht auf Vielfalt und Unterschiede. Unter Verweis auf den österreichisch-US-amerikanischen Theologen und Priester Ivan Illich unterstrich Scheuer, wie wichtig es für das eigene Leben und das gesellschaftliche Zusammenleben sei, auch Freundschaften mit „anderen", „fremden" und „ungleichen" Menschen zu knüpfen und zu pflegen. Gerade in einer Demokratie könnten persönliche Beziehungen und Freundschaften Brücken zwischen unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen schlagen.
Allerseelen: „Der Toten zu gedenken ist Menschenpflicht"
Auf die Notwendigkeit einer zu bewahrenden und zu pflegenden „Kultur der Trauer" hat Bischof Manfred Scheuer bei einem Gottesdienst am Allerseelentag (2. November 2026) im Mariendom hingewiesen: „Der Toten zu gedenken, ist ein Liebesdienst sowohl der Angehörigen wie auch der christlichen Gemeinde, letztlich eine Menschenpflicht", so Bischof Scheuer. Schließlich würde sich im Eingedenken und in der Erinnerung an die Toten jener Widerstand gegen den Tod zeigen, der Zukunft und Menschlichkeit schenke, verwies Scheuer auf eine berühmte Rede des Auschwitz-Überlebenden Elie Wiesel 1987 im Deutschen Bundestag. Dort sagte Wiesel: "Erinnerung heißt, den Glauben an die Menschheit zu erneuern, der Menschheit zum Trotz, und unserer schwachen Anstrengung Sinn zu verleihen".
Heute indes stelle er ein immer höheres Maß an „Teilnahmslosigkeit" und „Interesselosigkeit, Berührungstabus" und eine „Unfähigkeit zu trauern" wahr, so Scheuer den Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich zitierend. „Für Tränen, die geweint werden müssten, gibt es Tabletten. Gefühlsstimulierungen werden rein in den Konsumbereich verlagert." Damit jedoch werde das Menschsein auf Bedürfnisse und Funktionen reduziert und Wirklichkeit verkürzt. Dagegen könne man gerade mit einem Tag wie Allerseelen darauf hinweisen, dass „die Seele Raum für Trauer braucht", so der Bischof weiter. Wo man die Trauer zulasse, schwinde auch die Apathie „gegenüber dem Leiden und der Trauer anderer".







