Montag 7. September 2026

Gefängnisseelsorge: Ein Ohr für Menschen am Rand der Gesellschaft

Die Seelsorger:inner der Diözese Linz begleiten nicht nur Menschen in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch jene ganz am Rand. Helmut Eder und sein Team der Gefängnisseelsorge stehen Häftlingen mit Gesprächen, Gottesdiensten und seelsorglicher Begleitung zur Seite. 

Menschen sehen sich im Gefängnis mit einer abrupt veränderten Welt konfrontiert: Von einem auf den anderen Tag haben sie ihre Freiheit, ihre Selbstständigkeit und persönliche Dinge verloren und sind in einer hierarchischen Struktur völlig fremdbestimmt. Auch wenden sich oft Freunde und Familie von ihnen ab. „Dann sind wir oft die Einzigen, die ihnen vorurteilsfrei zuhören“, sagt Helmut Eder, seit September 2023 Referent für Gefängnisseelsorge der Diözese Linz.

 

Aktuell gibt es in Oberösterreich vier haupt- und sechs ehrenamtliche katholische Gefängnisseelsorger:innen, die in den Justizanstalten Linz, Suben, Ried und Wels sowie in den beiden forensisch-therapeutischen Zentren in Garsten und Asten arbeiten. Bis zu dreimal in der Woche sind sie für Häftlinge da, hören zu, unterstützen und motivieren.

 

Silke Binder begleitet als einzige Frau Gefängnisinsass:innen

 

Einzige Gefängnisseelsorgerin in Oberösterreich ist die aus Steyr stammende Silke Binder. Die Psychotherapeutin besucht jede Woche Insass:innen der Justizanstalt Linz und im forensisch-therapeutischen Zentrum in Asten. Erst im Juli hat die 54-Jährige ihre Tätigkeit als Pfarrseelsorgerin nach 15 Jahren aufgegeben. „Weil ich wieder vermehrt Einzelgespräche führen und Menschen begleiten wollte“, sagt sie. In Gefängnissen sei das möglich und sinnvoll. Als Seelsorgerin fühle sie sich dort wohl und dank guter Videoüberwachung und der Präsenz der Wachebeamten mittlerweile auch recht sicher – Frauen wird üblicherweise eine männliche Begleitung zur Seite gestellt, wenn sie sich im so genannten Gesperre, also in den Haft-, Aufenthalts- oder Arbeitsräumen, befinden.

 

Gefängnisseelsorge: Ein Ohr für Menschen am Rand der Gesellschaft

Einmal in der Woche besucht Silke Binder Insass:innen in der Justizanstalt Linz. © Diözese Linz / Helmut Eder

 

Gespräche, Gottesdienste und seelsorgliche Begleitung im Haftalltag

 

Aufgabe der Seelsorger:innen ist nicht nur wie in den Anfängen der Gefängnisseelsorge das Feiern von Gottesdiensten, sie führen mit den Häftlingen auch vertrauliche Einzelgespräche. Zum Teil begleiten sie mittlerweile auch einzelne Insass:innen oder Gruppen bei Ausgängen. „Um ihnen den Rücken zu stärken“, sagt Eder, „schließlich müssen sie später wieder außerhalb der Haft zurechtkommen“. Dabei lerne er die Menschen auch in anderen Situationen und oft auch von einer ganz anderen Seite kennen.

 

In den Haftanstalten werden die Angebote der Gefängnisseelsorge unterschiedlich stark angenommen. „Ich führe zumeist relativ viele Einzelgespräche – bis zu acht pro Tag“, sagt Eder, der seit 2024 zweimal in der Woche, ausgerüstet mit Schlüsselbund und Funkgerät, in Garsten ein offenes Ohr für die Sorgen der Insassen hat. Rund 300 Männer sind dort aktuell im Maßnahmenvollzug untergebracht, viele schätzen die Anwesenheit des „Pfarrers“, wie manche ihn nennen. Mit der Hälfte der Insassen hat Eder daher bereits Gespräche geführt. „Einzeln, in Gruppen und auch zwischen Tür und Angel“, sagt er. Intensiv seelsorglich begleitet werden um die 50 Menschen.

 

Gefängnisseelsorge: Ein Ohr für Menschen am Rand der Gesellschaft

Helmut Eder (l.) und Christoph Gansinger sind für die Menschen im forensisch-therapeutischen Zentrum Garsten da. © Diözese Linz / Reinhard Steininger

 

Spürbar angestiegen ist die Zahl der Gottesdienstbesucher. „Die meisten Teilnehmer zählen wir naturgemäß zu Weihnachten“ sagt Eder. In Garsten verzeichnet Eder aber das ganze Jahr über überdurchschnittlich viele Gottesdienstbesucher. „30 bis 40 feiern mit mir jede Woche. Selbst solche, bei denen ich das nicht erwartet hätte“, erzählt er. Nicht allen geht es dabei um den Glauben: Für manche sei der Gottesdienst auch ein geschützter Raum fern von Konflikten, Übergriffen und Ausgrenzung. Für Eder ist es aber wichtig, bei den Feiern niemanden auszuschließen: „Jeder, der kommen will, darf kommen. Völlig unabhängig vom Glauben oder der Motivation!“

 

Schuld und Vergebung: „Kann mir Gott das verzeihen?“

 

Gefängnisse sind eine Miniaturwelt, in der die gesamte Gesellschaft abgebildet ist, dementsprechend unterschiedlich sind auch die Themen, mit denen die Seelsorger:innen konfrontiert werden. Das häufigste spirituelle Thema sei auch das herausforderndste, nämlich Schuld und Vergebung, so Eder. Und damit die Frage: Kann mir verziehen werden: Von Gott, der eigenen Familie, den Angehörigen des Opfers? „Am schwersten fällt es meistens, sich selbst zu verzeihen“, weiß Eder. „Dass Gott ihnen verzeiht, nehmen die Häftlinge meist an, doch die Sehnsucht, die Zeit zurückdrehen zu können, begleitet viele Gespräche.“

 

Glaube gewinnt in Krisenzeiten neu an Bedeutung

 

Grundsätzlich gewinnt der Glaube hinter Gittern mehr an Bedeutung: „Im Gefängnis wird er für viele Menschen wieder relevant“, weiß Eder aus seiner Erfahrung. Oft bekomme er von Häftlingen zu hören, dass sie mit der Kirche eigentlich gar nichts am Hut haben, oder sie sogar ausgetreten sind. „Doch in Haft ändert sich das“, sagt er: „Viele erfahren und erleben dort den Segen als Geschenk, weil dieser ihnen vor jeder Leistung und trotz aller Schuld gespendet wird.“

 

Abseits von spirituellen Themen betreffen die Gespräche ganz unterschiedliche Bereiche, oftmals wenden sich die Häftlinge wegen Suchtproblemen an die Seelsorger:innen, recht häufig kommt das Thema Entwertung zur Sprache. „Also die Selbstentwertung oder die Entwertung durch die Familie oder andere Personen etwa“, erläutert Eder: Mobbingerfahrungen in der Vergangenheit, Ausgrenzung und auch sexuelle Übergriffe. Für die Vertrauensbildung sei es wichtig, dass die Häftlinge wissen: „Ich bewerte nicht moralisch und dokumentiere nichts“, sagt der Seelsorger: „Meine Haltung ist da sein und zuhören, ohne einer Absicht und ohne Erwartungen. Das spüren die Menschen.“


Maßnahmenvollzug: Leben ohne Hoffnung auf Entlassung

 

Im Maßnahmenvollzug dominiert ein gewichtiges Thema alle anderen, nämlich die Hoffnungslosigkeit: Am allerhäufigsten gehe es bei seinen Gesprächen in Garsten, die in einem eigenen Seelsorgeraum oder in den Zellen stattfinden, um die Frage: „Wie kann ich im Alltag über die Runden kommen? Wie verliere ich die Hoffnung nicht?“, so Eder. Denn während in den Justizanstalten für Häftlinge ein Haftende absehbar ist, gibt es in einem forensisch-therapeutischen Zentrum keinen fixen Haftentlassungstermin – die Maßnahme geht in einigen Fällen auch über das Strafende hinaus.

 

Diese Menschen im Maßnahmenvollzug, bei denen die Erkrankung stark sichtbar ist, „brauchen auch weniger tiefe spirituelle Gespräche, sondern mehr menschliche Nähe, Stütze und Begleitung“, ergänzt Binder. Deutlich spürbar sei auch für sie in vielen Fällen die große Hoffnungslosigkeit, da die Menschen nicht wissen, wann sich ihr Leben wieder in Richtung Freiheit entwickelt.

 

Autorität, Abgrenzung und Liebe zum Menschen

 

Wer als Gefängnisseelsorger:in arbeitet, sollte einige wichtige Fähigkeiten mitbringen. Für Helmut Eder zählt dazu vor allem Autorität, um sich den nötigen Respekt zu verschaffen. Denn auch im Gefängnis begegne man Menschen, welche die Konfrontation suchen oder hochmanipulativ sind. Ebenso wichtig seien die Fähigkeit zur professionellen Abgrenzung sowie eine vorurteilsfreie Haltung gegenüber den Inhaftierten. Selbst wenn man über den Haftgrund Bescheid weiß. „Es geht nicht um die Tat, sondern um den Menschen.“ Zur Stärkung der Psychohygiene, gibt es, Supervisionen, auch der der regelmäßige Austausch mit Kolleg:innen bringt wertvolle Unterstützung. Wesentlich zum Gelingen der seelsorglichen Arbeit trägt zudem eine gute Zusammenarbeit mit den verschiedenen Berufsgruppen innerhalb der Justizanstalten bei.

 

Für Silke Binder ist die Liebe zum Menschen die wichtigste Voraussetzung für ihre Arbeit: „Ich möchte für Menschen da sein und sie auf einem Stück ihres Lebensweges begleiten – insbesondere in schwierigen und herausfordernden Lebenssituationen“, beschreibt sie ihre Motivation. Dabei ist es ihr wichtig, „ihnen offen, respektvoll und ohne Vorurteile zu begegnen und ihnen Unterstützung anzubieten, wenn sie diese Begleitung wünschen“.

 

Auch Helmut Eder – früher Pastoralassistent, Religionslehrer und erster Linzer Obdachlosenseelsorger – will die Arbeit für und mit Menschen nicht missen: „Ich habe einfach einen Draht zu den Leuten – auch zu jenen, die ganz am Rande stehen.“

 

Resozialisierung als Beitrag zum Opferschutz

 

Dass Seelsorge in Gefängnissen wichtig ist, davon sind beide überzeugt: „Weil es der Ort ist, um Menschen ihre unverlierbare Würde deutlich zu machen und weil es der Hauptgrundauftrag jesuanischen Handelns ist“, sagt Eder. „Ebenso ein Akt der Barmherzigkeit“, ergänzt seine Kollegin.

 

Für Helmut Eder und Silke Binder gehört die Begleitung von Straftätern untrennbar zum kirchlichen Auftrag. „Viele Täter waren früher selbst Opfer und erst aufgrund ihrer Erfahrungen zu Tätern geworden“, sagt Binder. Seelsorge kann helfen, neue Perspektiven zu entwickeln und Rückfälle zu verhindern. „Damit ist sie auch ein Beitrag zum Opferschutz und zur Prävention.“

 

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