Internationales Jägerstätter-Gedenken in St. Radegund zum 83. Todestag
Das internationale Gedenken wurde 1983 von Jägerstätter-Biografin Erna Putz initiiert und seit 2008 von Pax Christi in Kooperation mit der Pfarre St. Radegund organisiert.
Ursula Teiß-Mederer und Georg Haigermoser von Pax Christi begrüßten am Sonntagvormittag rund 100 Gäste aus Österreich, Italien und Deutschland im Gemeindesaal Tarsdorf zum Seminarteil – darunter Josef Esterbauer, Bürgermeister von St. Radegund, Wolfgang Palaver, Präsident von Pax Christi, Max Mittendorfer, Vorsitzender des Jägerstätter-Beirates der Diözese Linz und Andreas Schmoller, Leiter des Jägerstätter-Instituts an der Katholischen Privat Universität Linz. Zu den jüngeren Teilnehmer:innen zählte eine Pilgergruppe, die sich entlang einer achttägigen Pilgerroute vom Attersee nach St. Radegund mit Jägerstätter und Themen der Friedensethik beschäftigte.

Pfarrkirche St. Radegund © Martin Pilgram
Am Samstagabend bildete eine Vesper in der Pfarrkirche St. Radegund den Auftakt. Im Anschluss lud ein „Social Evening“ im Gasthaus Hofbauer dazu ein, ins Gespräch zu kommen – ein niederschwelliger Rahmen, der besonders für neue Teilnehmende den Einstieg erleichtern sollte und zugleich den Austausch unter langjährigen Gästen förderte.
Der Sonntagvormittag stand im Zeichen der inhaltlichen Vertiefung. Im Gemeindesaal Tarsdorf widmen sich die beiden Vorträge aktuellen Fragestellungen rund um die Folgen von Kriegserfahrungen.
Die Trauma- und Konfliktforscherin Prof. Pia Andreatta von der Universität Innsbruck berichtete aus ihren Einsätzen bei akuten Krisenfällen für Ärzte ohne Grenzen in den unterschiedlichsten Krisenherden der Welt. Bei Kriegstraumata handle es sich fast immer um Extremtraumatisierung, sagte Andreatta. Diese bilde sich erst im Nachhinein von Kriegs- und Gewalterfahrungen voll aus, vor allem wenn keine ausreichenden Rahmenbedingungen für Prozesse der Trauer und Traumabewältigung vorhanden seien. Dafür könne es individuelle, familiäre, aber auch soziale und gesellschaftliche Gründe geben. Verdrängte Traumata, unabgeschlossene Trauer und Verlustängste würden dann an die nächste Generation weitergegeben. Die Übertragung, so Andreatta, geschehe ungewollt über mehrere Prozesse, etwa aufgrund von Scham- und Schuldgefühlen gegenüber den eigenen Kindern, oder aufgrund des verlorenen Einfühlungsvermögens. Für die Bewältigung erlittener Traumatisierung betonte die Referentin die Bedeutung des Sozialen, die häufig als sekundär gegenüber individuellen Therapieangeboten erachtet werde. Die Forschung zeige jedoch, dass der Umgang der Gruppe, der Gesellschaft etwa durch Formen der Anerkennung, der Würdigung, des Gedenkens, bei der Verarbeitung von Traumata bedeutsamer sei, als die Traumatisierung selbst. Schweigen und Verdrängen würden hingegen zur Vertiefung und generationsübergreifenden Weitergabe von Traumata beitragen.
Dominik Markl SJ, Professor für Bibelwissenschaft des Alten Testaments an der Universität Innsbruck, zeigte anhand der Geschichte des Vorderen Orients, dass extreme Erfahrungen von Gewalt die Entstehung der biblischen Schriften und ihrer Theologie prägten: Die große Geschichtserzählung des Alten Testaments von der Genesis bis zum 2. Buch der Könige endet mit der Zerstörung Jerusalems 587 v. Chr. Die Bücher Jeremia, Ezechiel, Klagelieder etc. sind wesentlich von der Bearbeitung der babylonischen Gewalt geprägt, und das Trauma der Zerstörung des Tempels hatte wesentlich Einfluss auf die Entwicklung des Monotheismus. Viele Texte bearbeiten Gewalterfahrungen, manche beinhalten problematische Gewaltfantasien, wie den göttlichen Befehl, die kanaanäischen Völker zu vernichten. Aber trotz der Gewalterfahrung, so Markl, entwickelten die biblischen Schriftsteller eine universale Schöpfungstheologie, die die Gleichheit aller Menschen vor Gott herausstellt und zu einem Ethos der Empathie und Rettung Leidender motivieren (z.B. Jes 61 als Programm für Jesus von Nazareth).
Der Referent brachte diesen bibeltheologischen Befund in Bezug zur Geschichte von Leokadia Justman (1922-2002), einer polnischen Holocaust-Überlebenden. Sie entkam dem Warschauer Ghetto, der Deportation nach Treblinka, dem Kleinen Ghetto von Piotrków, dem Innsbrucker Polizeigefängnis und vielen weiteren Bedrohungen ihres Lebens. Ihre Mutter Sophie wurde in Treblinka ermordet, ihr Vater Jakub im Innsbrucker KZ Reichenau. In ihren beeindruckenden Erinnerungen, die sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf Polnisch und später auf Englisch niederschrieb, findet sich das biblisch orientierte Friedensethos wieder: Vor Gott sind alle Menschen gleich, daher muss die Menschheit nach Frieden streben.

Andacht beim Jägerstätter-Grab in St. Radegund © Monika Auer
Den Vorträgen folgte am Nachmittag eine Fußwallfahrt von Tarsdorf nach St. Radegund sowie um 16.00 Uhr eine Andacht zur Todesstunde von Franz Jägerstätter, gestaltet von Pax Christi und der Pfarre St. Radegund.
Den Gottesdienst feierte Univ.-Prof. Dominik Markl SJ mit den Besucher:innen. © Monika Auer
Den Abschluss fand das jährliche Jägerstätter-Gedenken mit einem Gottesdienst um 19.30 Uhr in der Pfarrkirche St. Radegund und einer Lichterprozession zum Grab von Franz und Franziska Jägerstätter, an dem auch zwei Jägerstätter-Töchter und zahlreiche weitere Mitglieder der Familie teilnahmen.
Zelebrant Dominik Markl vertiefte die Worte der Lesung aus dem Ersten Buch der Könige, die davon berichten, dass der Prophet Elija vor Königin Isebel in die Wüste zum Berg Horeb floh. Dort erlebte er Gott nicht im Sturm, im Erdbeben oder Feuer, sondern in einem „stillen, sanften Säuselns". Diese Form der Gottesbegegnung im Angesicht größter Bedrängnis findet sich wieder in Zeugnissen eines Franz Jägerstätter, einer Leokadia Justman oder des Jesuiten Alfred Delp.
Franz Jägerstätter
Der Innviertler Landwirt und Familienvater Franz Jägerstätter (20. Mai 1907 – 9. August 1943) hatte sich aus Glaubensgründen geweigert, mit der Waffe für das Nazi-Regime in den Krieg zu ziehen. Daraufhin wurde er vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tod verurteilt und vor 80 Jahren, am 9. August 1943, in Brandenburg an der Havel durch Enthauptung hingerichtet.
Am 7. Mai 1997, 54 Jahre nach Jägerstätters Hinrichtung, wurde vom Landgericht Berlin das Todesurteil gegen ihn aufgehoben. Die Aufhebung kommt einem Freispruch gleich und bedeutet moralische und juristische Rechtfertigung seiner Handlung. Ab 1989 wurden im Auftrag des damaligen Diözesanbischofs Maximilian Aichern Personen, die Jägerstätter kannten, als Zeugen einvernommen. Nach Unterstützung durch die Österreichische Bischofskonferenz, eine historisch-theologische Kommission und das Linzer Domkapitel wurde 1997 offiziell der Seligsprechungsprozess für Franz Jägerstätter eröffnet, am 21. Juni 2001 auf diözesaner Ebene abgeschlossen und die Akten der Selig- und Heiligsprechungskongregation übergeben. Postulator des Seligsprechungsverfahrens war Manfred Scheuer, damals noch Bischof von Innsbruck. Der Vatikan bestätigte am 1. Juni 2007 offiziell das Martyrium von Franz Jägerstätter. Die Seligsprechung erfolgte am 26. Oktober 2007 unter Bischof Ludwig Schwarz im Linzer Mariendom. Der liturgische Gedenktag des Seligen Franz Jägerstätter ist sein Tauftag, der 21. Mai.
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