Sonntag 12. Juli 2026

Steindl-Rast zum 100er: "Der Mensch stirbt an ausgereifter Liebe"

"Geheimnis des Lebens": Unter diesem Titel hat in Stift Kremsmünster am 10. und 11. Juli 2026 ein Kolloquium über und mit Br. David Steindl-Rast stattgefunden, der am Sonntag, 12. Juli seinen 100. Geburtstag feiert.

 

Höhepunkt der zweitägigen Veranstaltung war am 11. Juli ein Gespräch des Benediktinermönchs und Buchautors mit dem Wiener Moraltheologen, Mediziner und Pharmazeuten Prof. Matthias Beck. Im Zentrum des Gesprächs vor rund 450 Tagungsgästen standen Grundfragen des Menschen, dem, so Steindl-Rast, "die Gottesbeziehung angeboren ist". Der bekannte spirituelle Lehrer ging aber auch auf das Proprium des christlichen Glaubens, seine persönliche Christus-Beziehung und seine Haltung zu Leben, Tod und Auferstehung ein.

 

Die Frage, was nach dem Sterben komme, sei "sehr problematisch, denn man stirbt, wenn die Zeit um ist. Und wenn die Zeit um ist, kann nachher nichts mehr kommen". Aber, so Steindl-Rast, "wir leben jetzt schon in Zeit und Ewigkeit", denn das Wichtigste, wie die Liebe, sei der Zeit nicht unterworfen. Er vertraue daher darauf, "dass liebevolle Beziehungen irgendwie bleiben in einer Existenzweise, die wir uns so wenig vorstellen können, wie sich eine Raupe ihre spätere Existenz als Schmetterling vorstellen könne". Abschließend sagte Steindl-Rast bekenntnishaft unter Verweis auf den Wiener Künstler-Priester Otto Mauer: "Der Mensch stirbt nicht am Tod. Der Mensch stirbt an ausgereifter Liebe. Und das wünschen wir uns alle."

 

 

Stehen auch heute vor dem "leeren Grab"

 

Ausführlich ging Steindl-Rast auf die Bedeutung der in den Evangelien überlieferten Botschaft vom "leeren Grab" und auf den Bericht über das dort aufgefundene Leichentuch Jesu ein. Es sei wissenschaftlich heute weitaus schwieriger zu sagen, dass das Leichentuch von Turin, "die bestuntersuchte Reliquie der Weltgeschichte", "irgendwie entstanden ist", als vielmehr zu sagen, es sei "ein Überrest des verschwundenen Leibes Jesu".

 

Das leere Grab und das Leichentuch seien das einzige gewesen, was Maria Magdalena und die Jünger vorgefunden hätten. Aus der Art und Weise, wie sie beides aber vorgefunden haben, seien sie zum Schluss gekommen, dass Jesu Leichnam nicht gestohlen wurde. Dazu sei die Gewissheit gekommen: "Er lebt". Das einzige Wort, das dafür zur Verfügung gestanden sei, sei der missverständliche Begriff "Auferstehung" gewesen. Steindl-Rast: Ähnlich wie die Jünger damals "stehen auch wir heute wieder vor dem leeren Grab" und könnten mit all dem inzwischen vorhandenen Wissen sagen: "Er lebt. Er ist nicht da, und doch ganz anders da."

 

 

Plädoyer für mehr Lebensvertrauen

 

Einmal mehr plädierte Steindl-Rast für eine positive Haltung zum Leben als Kern der menschlichen Existenz. Der skeptische Mensch von heute brauche mehr "Lebensvertrauen". Es gelte, die Menschen daran zu erinnern, dass sie unbewusst ohnehin zu 99,9 Prozent dem Leben vertrauen. "Jede Sekunde sterben in deinem Leib zwei Millionen rote Blutkörperchen und müssen ersetzt werden. Versuch das einmal! Du vertraust dem Leben, das alles zu erledigen." Wenn das allermeiste unserer physischen Existenz von diesem Grundvertrauen getragen sei, so sollte auch unsere psychische Existenz, "das letzte Zehntel von einem Prozent", von Vertrauen in das Leben geprägt sein.

 

Bruder David Steindl-Rast feiert am12. Juli seinen 100. Geburtstag.

Bruder David Steindl-Rast feiert am12. Juli 2026 seinen 100. Geburtstag. © Diego Ortiz Mugica

 

 

Grünwidl über Steindl-Rast: "Du bist ein Segen für die Welt"

 

Erzbischof Josef Grünwidl hat das benediktinisch geprägte Wirken und Lebenswerk von Bruder David Steindl-Rast gewürdigt. "Du bist ein Segen für die Welt", sagte der Wiener Erzbischof an Steindl-Rast gerichtet beim Festgottesdienst am Abend des 11. Juli 2026 in der Stiftkirche Kremsmünster. Die Messe bildete den Abschluss eines zweitägigen Kolloquiums zum Thema "Geheimnis des Lebens" anlässlich des 100. Geburtstags des bekannten spirituellen Lehrers und Buchautors, den dieser am Sonntag mit einer Feier im Kloster Gut Aich begeht, wo er auch ständig lebt.

 

Am kirchlichen Gedenktag des Benedikt von Nursia stellte der Wiener Erzbischof eine inhaltliche Verbindung des Heiligen mit dem Benediktinermönch Steindl-Rast und dessen Leben her. So wie es dem Gründer des Benediktinerordens um ein gutes Miteinander, Gemeinschaft und Frieden gegangen sei, habe sich auch Steindl-Rast zeitlebens für Dialog und Frieden zwischen den unterschiedlichen Religionen eingesetzt.

 

 Miteinander und Dialog der Religionen

 

"Religionen müssen Werkzeuge und Brücken des Friedens sein. Alle Religionen müssen sich daran messen, ob sie mehr Friede und Liebe in die Welt gebracht haben", sagte der Erzbischof und unterstrich die Wichtigkeit des interreligiösen Dialogs, bei dem Steindl-Rast eine Pionier-Rolle gehabt habe. Bruder David mache Mut zum Miteinander und Dialog der Religionen, indem er bildlich aufgezeigt habe, dass sich die verschiedenen Religionen gleichsam wie unterschiedliche Brunnen aus dem einen unterirdischen göttlichen Strom speisen.

 

Die Ordensregel des Benedikt sei von einem "sehr realistischen Bild vom Menschen" geprägt, führte Grünwidl weiter aus. Ziel sei ein ausgewogenes Leben mit einem Wechsel aus Aktion, Kontemplation und Rekreation. Die bekannten Worte aus der Benedikts-Regel "bete und arbeite und lese" ("ora et labora et lege") würden diese Sicht auf den Punkt bringen. Ein ähnlich realistisches Bild vom Menschen habe auch Steindl-Rast in seiner Lehre von der Dankbarkeit als Schlüssel zu einem geglückten Leben, denn: "Kleine, achtsame Schritte der Dankbarkeit überfordern uns nicht", so Grünwidl.

 

Spiritueller Meister im Schalom

 

Spirituelle Menschen wie Steindl-Rast "pflegen einen einfachen Lebensstil. Sie tun uns gut, wir fühlen uns bei ihnen wohl." An Menschen wie dem Jubilar werde deutlich, dass sie ganz im Schalom, im Frieden mit Gott, der Welt und sich selbst sind. Grünwidl wörtlich: "Du bist ein spiritueller Meister, der Schalom ausstrahlt und lebt."

 

Sichtlich gerührt ergriff am Ende der Messe Steindl-Rast selbst kurz das Wort und sagte: "Mein Herz fließt über von Dankbarkeit. So viel Liebe ist mir entgegengebracht worden." Die beiden Tage des Kolloquiums hätten deutlich gemacht: "Friede ist Fülle des Lebens, Schalom." Umso mehr berühre ihn das "wortlose Ritual" nach dem Gottesdienst, wo drei Tauben als Zeichen für den Frieden freigelassen werden. Die drei Friedenstauben stünden "für den großen Frieden, den wir ersehnen und wir versprechen, uns für ihn einzusetzen".

 

Wie der Abt von Kremsmünster, Bernhard Eckerstorfer, betonte, war der Festgottesdienst für Grünwidl die erste Messe, die er als Wiener Erzbischof in der Diözese Linz feierte und für die er auch als Metropolit zuständig sei. Unter den zahlreichen Mitfeiernden waren auch Benediktiber-Abtpräses Johannes Perkmann von der Abtei Michaelbeuern und Abt Petrus Stockinger von Stift Seitenstetten.

 

David Steindl-Rast wurde 1926 in Wien geboren. Nach Studien an der Akademie der Bildenden Künste und der Universität Wien promovierte er in Psychologie und Anthropologie. 1953 trat er in das Benediktinerkloster Mount Saviour im US-Bundesstaat New York ein. Er ist Mitbegründer des Center for Spiritual Studies und seit Jahrzehnten eine zentrale Stimme im interreligiösen Dialog. Heute lebt und wirkt er im Europakloster Gut Aich.

 

Aufzeichnung vom Gespräch zwischen Steindl-Rast und Beck zu Nachsehen unter: https://www.youtube.com/watch?v=ku4ZCZvU2g0&list=PLas52JA9VZCA&index=2

 

Kathpress

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