Donnerstag 25. Juni 2026

Pro Oriente Linz: Vortrag und Podiumsdiskussion mit Franz Fischler

Auf Einladung der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich und von Pro Oriente Linz diskutieren am Dienstag, 23. Juni 2026, im RaiffeisenForum in Linz hochrangige Persönlichkeiten über die Zukunft Europas. 

Rund 250 Gäste folgten der Einladung der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich und von Pro Oriente Linz ins RaiffeisenForum Linz, um über die Zukunft Europas und den Beitrag christlicher Werte zu einer lebenswerten Gesellschaft zu diskutieren.


Nach der Begrüßung durch Mag. Sigrid Burkowski, Vorstandsmitglied der Raiffeisenlandesbank OÖ, und Altlandeshauptmann Dr. Josef Pühringer, Vorsitzender von Pro Oriente Linz, hielt der ehemalige EU-Kommissar und Landwirtschaftsminister Dipl.-Ing. Dr. Franz Fischler einen Vortrag zum Thema „Für ein lebenswertes Europa – der Beitrag des Christentums“. Im anschließenden Podiumsgespräch diskutierte Fischler gemeinsam mit Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, Mag. Sigrid Burkowski und Dr. Florian Wegscheider über die Zukunft Europas und die Bedeutung christlicher Werte für das gesellschaftliche Zusammenleben. Durch den Abend führte LT1-Moderatorin Birgit Brunsteiner.


In seinen Eröffnungsworten stellte Josef Pühringer die Frage nach der Rolle der christlichen Kirchen in einer zunehmend pluralen und multireligiösen Gesellschaft. Dabei warnte er vor nostalgischen Rückblicken und betonte: „Europa ist ein Zukunftsprojekt und wird es immer bleiben.“ Die christlichen Wurzeln Europas seien nicht bloß historisches Erbe, sondern Auftrag, aktiv an Frieden, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt mitzuwirken.


Im Mittelpunkt des Vortrags von Franz Fischler standen die großen Herausforderungen, vor denen Europa gegenwärtig steht: Klimawandel, Künstliche Intelligenz, Robotik, Biotechnologie und der demografische Wandel. Die Gleichzeitigkeit dieser Entwicklungen sei historisch neu und erfordere neue Formen politischer Steuerung und gesellschaftlicher Verantwortung.

 

Franz Fischler

Der frühere EU-Kommissar und österreichische Landwirtschaftsminister Franz Fischler hielt einen Vortrag zum Thema "Für ein lebenswertes Europa - der Beitrag des Christentums". / © RLB


„Die großen Herausforderungen unserer Zeit – vom Klimawandel über Künstliche Intelligenz bis hin zum demografischen Wandel – können wir nur mit neuen Governance-Modellen bewältigen. Dabei muss das Christentum ein prophetisches Korrektiv gegen die vermeintlichen Heilsversprechen der Musks und Thiels unserer Zeit sein, damit Europa auch künftig der lebenswerteste Kontinent der Welt bleibt“, betonte Fischler.


In seinem historischen Rückblick erinnerte er an die Anfänge der europäischen Integration und an das ursprüngliche Leitmotiv „Frieden durch Wohlstand“. Der frühere Präsident der Europäischen Kommission Jacques Delors habe Anfang der 1990er die Kirchen bewusst eingeladen, an der europäischen Idee mitzuwirken, damit Europa nicht nur wirtschaftliche Stärke, sondern auch „Herz und Seele“ entwickle. Die europäische Sinnfrage müsse gestellt und vor allem auch praktisch beantwortet werden.


Fischler plädierte für mehr europäisches Selbstbewusstsein. Die Europäische Union sei der größte Binnenmarkt der Welt, eine führende Handelsmacht und verfüge über eine hochgebildete Bevölkerung. Die Attraktivität Europas zeige sich auch daran, dass Länder wie Island, Albanien, Georgien und zunehmend auch Norwegen einen Beitritt anstreben oder darüber nachdenken. Gleichzeitig gelte für die Europäische Union wie für die Kirche: „Semper reformanda“ – stets erneuerungsbedürftig.


Reformbedarf sieht Fischler insbesondere bei den europäischen Institutionen. Im Sinne des Subsidiaritätsprinzips solle die EU jene Aufgaben übernehmen, die tatsächlich auf europäischer Ebene zu lösen seien. Zudem brauche es eine bessere Balance zwischen Kommission, Rat und Parlament, stärkere europäische Parteien sowie eine Überwindung des Einstimmigkeitsprinzips, das Entscheidungsprozesse zunehmend lähme.
Für die Zukunft Europas sei ein Wirtschafts- und Sozialmodell notwendig, das Ökonomie, Ökologie und soziale Verantwortung in Einklang bringt. Ebenso entscheidend sei die Wiedergewinnung von Vertrauen in Politik und Demokratie. Mit Blick auf die jüngere Generation zeigte sich Fischler optimistisch und zitierte den Philosophen Peter Sloterdijk: „Wir sind zum Vertrauen in die Zukunft verdammt.“


Abschließend rief er zu aktivem Engagement für Europa auf. Die Europäische Union sei nicht nur eine Wirtschaftsunion, sondern vor allem eine Werteunion, gegründet auf der Menschenwürde und der Europäischen Grundrechtecharta. Jede und jeder könne die europäische Idee im eigenen Umfeld leben und weitertragen.

 

Podiumsdiskussion

v.l.: Florian Wegscheider (Sekretär des Arbeitsausschusses PRO ORIENTE Sektion Linz), Sigrid Burkowski (RLB OÖ), Franz Fischler (früherer EU-Kommissar und österreichischer Landwirtschaftsminister) und Bischof Manfred Scheuer. / © RLB


In der anschließenden Diskussion betonte Sigrid Burkowski die Bedeutung einer wertebasierten und nachhaltigen Entwicklung Europas. Nachhaltigkeit dürfe kein Schlagwort bleiben, sondern müsse sich im konkreten Handeln zeigen. Als Beispiele nannte sie soziale Projekte im Linzer Frankviertel sowie die neue Raiffeisen-Zentrale in Holzhybridbauweise. Der gesamte Holzbedarf des Gebäudes wachse in den österreichischen Wäldern innerhalb von weniger als fünf Stunden nach. Mit Blick auf die Europäische Union plädierte Burkowski dafür, auch in Zeiten veränderter politischer Prioritäten an langfristigen Werten und Zielen festzuhalten.


Franz Fischler hob in der Diskussion hervor, dass Demokratie keineswegs selbstverständlich sei. Sie müsse durch Bildung, gesellschaftliches Engagement und den Dialog mit jenen Ländern gestärkt werden, in denen demokratische Strukturen unter Druck stehen oder noch nicht ausreichend entwickelt seien.

 

Bischof Manfred Scheuer

Bischof Manfred Scheuer / © RLB


Bischof Manfred Scheuer unterstrich die Bedeutung von Kultur, Sinn und Spiritualität für die Zukunft Europas. Diese Bereiche dürften nicht losgelöst von wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Fragen betrachtet werden. Im Zentrum müsse die universale Menschenwürde stehen, die angesichts der Entwicklungen in Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie vor neuen Herausforderungen stehe. Religionsgemeinschaften könnten dabei eine wichtige Brückenfunktion zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft übernehmen. Die Vorstellung von der unantastbaren Würde jeder Person sei wesentlich durch das Christentum geprägt worden und bilde bis heute ein fundamentales Fundament der europäischen Werteordnung.

 

Gruppenfoto

v.l.: Bischof Manfred Scheuer, Sigrid Burkowski (RLB OÖ), Franz Fischler (frühere EU-Kommissar und österreichische Landwirtschaftsminister) Birgit Brunsteiner (Moderation),  Josef Pühringer (Vorsitzender der Sektion und Leiter des Arbeitsausschusses PRO ORIENTE Sektion Linz) und Florian Wegscheider (Sekretär des Arbeitsausschusses PRO ORIENTE Sektion Linz). / © OÖ Seniorenbund / Robert Orthner

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