Wo Mönche leichtes Spiel mit schweren Wälzern hatten
Die Geschichte des traditionsreichen Benediktinerstiftes Lambach reicht bis ins 11. Jahrhundert zurück. Zu seinen kostbarsten Kulturschätzen zählt die Stiftsbibliothek, die nicht nur rund 50.000 zum Teil historische Bände beherbergt, sondern auch Jahrhunderte geistiger Arbeit, klösterlicher Bildung und europäischer Geistesgeschichte verkörpert.
Geistiges Zentrum der Region
„Bibliotheken sind seit jeher fester Bestandteil jedes Benediktinerklosters“, weiß P. Jakob Stoiber, Prior und Bibliothekar des Stifts, und erklärt: „Als Buch der Bücher genießt die Bibel besondere Wertschätzung – Lesen wurde daher schon früh zu einer unabdingbaren Voraussetzung für uns Benediktiner.“ Bildung und Glaube gingen somit Hand in Hand und machten Klöster im Mittelalter zu Zentren des Wissens und der Bildung.

Nicht nur für Bücherliebhaber:innen interessant: Das oberösterreichische Stift Lambach liegt malerisch an der Traun und kann im Rahmen einer Besichtigung erkundet werden. © Dr. Walter Weber
Auch die Benediktiner von Lambach verstanden Bildung stets als eine ihrer zentralen Aufgaben. Schon früh entwickelte sich das Kloster zu einem geistigen Zentrum der Region, mit einer Schreib- und Studierstube, in der Handschriften kopiert, ergänzt und kommentiert wurden. Bekannt ist vor allem das Rituale von Lambach, das „mit ganz feinen Federzeichnungen aus dem 13. Jahrhundert beeindruckt“, wie Pater Jakob berichtet. Über die Jahrhunderte hinweg wuchs die Bibliothek durch Ankäufe, Schenkungen und klösterliche Eigenproduktionen.
Auf zwei Säle verteilt, werden heute rund 18.000 historische Bände in der Stiftsbibliothek Lambach verwahrt. Sie zählt damit zu den eindrucksvollsten historischen Bibliotheken Oberösterreichs.
Bücher-Drehpult als barockes „Multi-Screening-Tool“
Auf ein echtes Schmuckstück im Großen Bibliothekssaal ist Pater Stoiber besonders stolz: „Unser Bücherrad ist nicht nur ein optisches Highlight, es hat auch die Arbeit meiner damaligen Mitbrüder enorm erleichtert und ihnen jede Menge Kraft und Zeit erspart.“ Ganz so, wie wenn man heute auf einem Bildschirm mehrere Browserfenster nebeneinander öffnet, konnten die Benediktinermönche von damals mithilfe des Bücherrads gleichzeitig und rasch bis zu acht schwere Bücher durchforsten und Inhalte ohne Kraftanstrengung miteinander vergleichen, erklärt Pater Jakob.

Barockes Schmuckstück: Mithilfe des „Bücherrads“ konnten die Benediktinermönche von damals gleichzeitig und rasch bis zu acht schwere Bücher durchforsten. © Angelika Mandler-Saul
Um die Innovationskraft des Gerätes zu veranschaulichen, holt er etwas weiter aus: „Informationen, die heutzutage mit einem Klick auf Wikipedia & Co. abrufbar sind, waren früher nur in den Tiefen der Kloster- und Ordensbibliotheken zu finden.“ Die großformatigen, aufwendig hergestellten und vor allem schweren „Folianten“ seien äußerst kompliziert handzuhaben gewesen, sie mussten mühevoll auf Pulte gelegt und konnten zumeist nur stehend gelesen werden. Das gleichzeitige Studium von mehreren Büchern sei daher äußerst umständlich und platzaufwendig gewesen, beschreibt Pater Jakob. Die Erfindung des Bücherrads erleichterte das parallele Lesen von Büchern enorm: „Bei diesem technischen Wunderwerk der Spät-Renaissance setzt eine ausgeklügelte Zahnradmechanik ein Rad in Bewegung, an dem mehrere Lesepulte befestigt sind. Mittels Schwenkmechanismus konnten die Mönche nun je nach Bedarf das gewünschte Buch zu sich holen.“
Das mit prächtigen Einlegearbeiten geschmückte Lambacher Bücher-Drehpult aus dem Jahr 1730 stellt eine interessante Weiterentwicklung dieser „Multi-Screening-Maschinerie“ dar. Es verfügt über vier um die Längsachse drehbare Pulte und weist als Unterbau einen beidseitig zugänglichen Schreibtisch auf.
Kriegswirren mit Folgen
Um den Bibliotheksbestand während des zweiten Weltkriegs in Sicherheit zu bringen, wurde er vorübergehend ausgelagert. Da dabei jedoch das Bestandsverzeichnis verloren ging, konnten die Bücher nach ihrer Rückkehr nicht mehr ordnungsgemäß in die Regale eingeordnet werden. Die Stiftsbibliothek initiierte daher 2020 ein Erschließungsprojekt, in dessen Rahmen die renommierte Expertin und langjährige Leiterin des Archivs der Biblioteca Apostolica Vaticana, Christine Maria Grafinger, in Kooperation mit Studierenden der Universität Augsburg den historischen Altbestand – insgesamt rund 18.000 Bände – in Excel-Listen erfasste.
Rund 15.000 Bände, die zum modernen Bestand zählen, werden darüber hinaus seit 2022 schrittweise in „KOBi“, einem modernen Bibliotheksprogramm, erfasst. Die vom Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz in enger Zusammenarbeit mit der Erzabtei St. Peter angebotene Plattform ist öffentlich zugängig und ermöglicht es, unter kobi.ordensgemeinschaften.at alle bisher erfassten Bestände von neun österreichischen Ordensbibliotheken online einzusehen und zu durchsuchen.
Der Große Bibliothekssaal – ein gemaltes Glaubens- und Wissenspanorama
Der auffallend niedrige, weit gespannte Große Saal überrascht mit einer überwältigenden Deckenmalerei: Fresken und Al-secco-Arbeiten von Melchior Steidl (1657-1727) und einem seiner Schüler überziehen die gesamte Fläche.

Prachtvolles Gesamtensemble: Die Bibliothek des Stiftes Lambach verfügt über eine überwältigende Deckenmalerei von Melchior Steidl und einem seiner Schüler. © Reinhard Görner
Im Zentrum steht – in einer elliptischen Hauptszene – der zwölfjährige Jesus im Tempel, umgeben von den Schriftgelehrten. „Die Figurengruppe ist in eine monumentale Architekturkulisse eingebettet, die den Raum optisch öffnet und in himmlische Höhen führt“, gerät der Stiftsbibliothekar ins Schwärmen. Rund um dieses Hauptbild entfaltet sich ein theologisches Programm: die vier lateinischen Kirchenväter – Gregor der Große im Norden, Hieronymus im Süden, Augustinus im Osten und Ambrosius im Westen – wachen symbolisch über den Raum des Wissens.
Ergänzt wird das geistliche Panorama durch die personifizierten Wissenschaften: Musik, Astronomie, Geometrie, Arithmetik, Grammatik, Dialektik und Geschichtsschreibung – ja selbst die geheimnisvolle Alchemie findet hier ihren Platz. „Theologie und Weltwissen stehen einander nicht gegenüber, sondern bilden eine Einheit“, erläutert Pater Jakob.
Auch die Schmalseiten des Saales erzählen Geschichte: Im Süden erscheinen die drei Jünglinge Altmann, Gebhard und Adalbero mit den von ihnen gestifteten Klöstern Göttweig, Admont und Lambach. Die Nordseite zeigt Maria mit dem Jesuskind; der heilige Adalbero überreicht ihnen ehrfürchtig das Modell der Lambacher Kirche. Unterhalb dieser Szene verweist die Jahreszahl 1699 im Schriftband auf die Vollendung des prächtigen Saales.
Der Kleine Bibliothekssaal – Antike, Allegorie und Architektur
Unmittelbar anschließend an den großen Saal öffnet sich der nahezu quadratische Kleine Bibliothekssaal. Intimer in seinen Proportionen, aber nicht weniger vielschichtig im Inhalt, verbindet er Allegorien der Wissenschaften mit Szenen aus der antiken Geschichte.
So präsentiert sich die Stiftsbibliothek nicht nur als Aufbewahrungsort kostbarer Bücher, sondern als begehbarer Glaubens- und Wissenskosmos des Barock. „Unsere Stiftsbibliothek ist ein Raum, in dem Glaube, Wissenschaft und Kunst zu einer eindrucksvollen Einheit verschmelzen“, lädt Stiftsbibliothekar Jakob Stoiber zu einem Besuch ein.
Die Bibliothek des Stifts Lambach kann während einer Führung besichtigt werden:
Stiftsführungen: Mittwoch – Sonntag um 14:00 Uhr (von Ostersonntag bis 31. Oktober).
Treffpunkt im Stiftshof vor der Doppelstiege. Während der Woche wird um Voranmeldung ersucht:
Tel.: 07245 / 21710
E-Mail: empfang@stift-lambach.at







