Samstag 18. November 2017

Störfaktor oder Kitt? Religionen in säkularer Gesellschaft

Unter dem Titel "Störfaktor oder Kitt?" beschäftigte sich die Podiumsdiskussion, die im Rahmen des 12. Linzer Religionsgesprächs am 9. November 2017 an der Katholischen Privat-Universität Linz stattfand, mit Religionen in säkularer Gesellschaft.

Es diskutierten – unter der Moderation von Univ.-Prof. Dr. Ansgar Kreutzer – Dr.in Maria-Katharina Moser aus Wien (Evangelische Kirche A. B.), Univ.-Prof. Dr. Mouez Khalfaoui aus Tübingen (Islam) und em. Univ.-Prof. Dr. Josef Weidenholzer (Europa-Abgeordneter S&D).

 

Religionsgespräch an der KU Linz. Moderation Univ.-Prof. Dr. Ansgar Kreutzer, am Podium von li: Univ.-Prof. Dr. Mouez Khalfaoui, Dr.in Maria-Katharina Moser, em. Univ.-Prof. Dr. Josef Weidenholzer.

Religionsgespräch an der KU Linz. Moderation Univ.-Prof. Dr. Ansgar Kreutzer, am Podium (v. l.): Univ.-Prof. Dr. Mouez Khalfaoui, Dr.in Maria-Katharina Moser, em. Univ.-Prof. Dr. Josef Weidenholzer.


Das Linzer Religionsgespräch verdankt sich einer Kooperation von Theologischer Erwachsenenbildung (Pastoralamt Linz), Pädagogischer Hochschule der Diözese Linz (Z.I.M.T.) und Katholischer Privat-Universität Linz und war mit etwa 120 Personen überaus gut besucht. Der Publikumszuspruch belegt die Aktualität der Thematik. Angesichts des jüngst in Kraft getretenen Gesetzes zum Verhüllungsverbot in Österreich oder religiös motivierter Terrorakte steht Religion einmal mehr im Fokus der Öffentlichkeit.


Die designierte Diakonie-Direktorin und evangelische Pastorin Maria-Katharina Moser unterstrich, dass der Staat einerseits Weltanschauungen und Religionen neutral gegenüberstehen, andererseits dem Einzelnen die freie Wahl zwischen Religion oder Säkularität ermöglichen müsse. Dementsprechend bedeute Religionsfreiheit nicht nur Freiheit von Religion, sondern auch Freiheit für Religion. Moser betonte zugleich, dass Religion in einem positiven Sinne auch Störfaktor sein solle. Von Martin Luther inspiriert formulierte sie Kritik an einer leistungsfixierten Gesellschaft: "Was hast du, was du nicht empfangen hast?"

 

"Zusammenhalt" wurde vom Islamisches Recht an der Universität Tübingen lehrenden Mouez Khalfaoui als das "Wort der Stunde" – auch in der Politik – bezeichnet. Im Islam gibt es – wie auch in anderen Religionen – zudem die Pflicht, sich gesellschaftlich füreinander einzusetzen. Er plädiert im Hinblick auf Muslime in den Gesellschaften Deutschlands und Österreichs für eine "Normalisierung der Anderen", da "Anders-Sein" zum Problem gemacht werde, obwohl viele Menschen die gleichen Sorgen verbinde.

 

Der sozialdemokratische EU-Abgeordnete Josef Weidenholzer betrachtete die Frage entlang seiner Biografie und seines politischen Wirkens. Seine Erfahrungen im mittleren Osten hätten ihm vor Augen geführt, dass Religionen ein unglaubliches Zerstörungspotenzial entwickeln könnten. Dem gegenüber stehe das Versöhnungspotenzial der Religionen, das Ausgang im Dialog nehme und auch politische Hoffnung stiften könne. Als Beitrag der Religionen für die Gesellschaft sieht Weidenholzer drei Potentiale: das kulturelle Potential, das semantisch-ethische Potential (Werte, Normen, Handlungsprinzipien) und das utopische Potential (Sinnstiftung und Hoffnungsperspektiven).


Die Conclusio des Diskussionsabends erlaubt keine polarisierende Antwort: Religionen sind ambivalent, gleichermaßen "Störfaktor" und "Kitt" der Gesellschaft. Zugleich leistete das interreligiöse 12. Linzer Religionsgespräch selbst einen Beitrag zu Toleranz und sozialem Zusammenhalt. Das Linzer Religionsgespräch findet alle zwei Jahre statt.

 

V. l.: Bischof em. Maximilian Aichern, em. Univ.-Prof. Dr. Josef Weidenholzer, Mag. Dr. Thomas Schlager-Weidinger, Dr.in Maria-Katharina Moser, Univ.-Prof. Dr. Mouez Khalfaoui, Dr. Stefan Schlager und Univ.-Prof. Dr. Ansgar Kreutzer.

V. l.: Bischof em. Maximilian Aichern, em. Univ.-Prof. Dr. Josef Weidenholzer (Europa-Abgeordneter S&D), Mag. Dr. Thomas Schlager-Weidinger (Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz), Dr.in Maria-Katharina Moser (Wien; Evangelische Kirche AB), Univ.-Prof. Dr. Mouez Khalfaoui (Tübingen; Islam), Dr. Stefan Schlager (Theologische Erwachsenenbildung), Univ.-Prof. Dr. Ansgar Kreutzer (Moderation; KU Linz). © KU Linz / Eder

 

Hermine Eder | KU Linz

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